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Umstrittener Muezzinruf in Corona-Zeiten | BR24

© picture alliance/chromorange

Lautsprecher am Mast/ Symbolbild: Muezzinruf

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    Umstrittener Muezzinruf in Corona-Zeiten

    In der Corona-Pandemie haben sich viele kirchliche Initiativen dafür eingesetzt, auch den muslimischen Gebetsruf per Lautsprecher ertönen zu lassen. In rund 100 Moscheegemeinden in Deutschland ist der Gebetsruf zu hören gewesen. Doch es gibt Kritik.

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    Corona lässt Religionen zusammenrücken, so scheint es. An vielen deutschen Orten haben sich gerade auch kirchliche Initiativen dafür eingesetzt, gemeinsam mit Muslimen als Zeichen der Solidarität nicht nur die Glocken zu läuten, sondern den islamischen Gebetsruf per Lautsprecher ertönen zu lassen. Mittlerweile ist oder war der Muezzinruf – arabisch Adhan, türkisch auch Ezan genannt – in ganz Deutschland in gut 100 Moscheegemeinden laut und deutlich zu hören.

    Ist der Muezzinruf mit Glockengeläut vergleichbar?

    Nach den Worten von Friedemann Eißler, langjähriger Islamexperte in der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, ist der Gebetsruf zunächst ein Signal, das dazu aufruft, zum Gebet zu kommen. Man könne ihn insofern mit Kirchenglocken vergleichen, als der Gebetsruf im Islam dazu aufrufe, dass die Muslime zu dem fünf Mal täglich vorgeschriebenen Gebet kommen. "Und das christliche Glockenläuten wird auch als Ruf zum Gebet verstanden, wenn der Gottesdienst beginnt oder das Vaterunser gebetet wird, dann läuten die Glocken."

    Susanne Schröter, Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam in Frankfurt am Main hält diesen Vergleich dagegen für schwierig: Das Glockengeläut christlicher Kirchen komme ohne Text aus. "Der alleinige Ruf zum Gebet unterscheidet sich von der Botschaft, die der Muezzin bei seinem Adhan-Ruf verkündet."

    Glocken seien neutral. Sie dienten der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation, etwa indem sie die Uhrzeit anschlagen oder in Dörfern als Totenglocke das Hinscheiden Verstorbener anzeigten. Der Muezzinruf aber sei kulturfremd und vor allem – nicht neutral. Auch Muslime, die kein Arabisch könnten, wüssten, was der Ruf bedeute: "Er verkündet nämlich, dass der Islam die einzig wahre Religion ist, Allah ist der Größte und Mohammed sein Prophet und das ist eine klare Aussage. Das ist die Aussage der Überlegenheit des Islam."

    Mazyek: Gebetsruf bedeutet nicht Islamisierung

    Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland ZMD, weist das zurück. Es gehe beim öffentlichen Muezzinruf allein um Religion und nicht um die Islamisierung der deutschen Gesellschaft. Der Gebetsruf sei nicht politisch, sondern ein Teil des Gebetes. "Das ist uns wichtig, weil es zum religiösen Selbstverständnis dazugehört." Zudem sei es eine Idee meist der Kirchen gewesen, in Zeiten von Corona den islamischen Gebetsruf in deutschen Städten und Gemeinden per Lautsprecher ausrufen zu lassen. Der Idee sei man gerne nachgekommen. In Köln etwa habe die Stadt die Religionsgemeinschaften gefragt, ob sie Interesse daran hätten, an einem bestimmten Tag Glockengeläut und Gebetsruf als Zeichen des Zusammenhalts und der Stärkung ertönen zu lassen.

    In Fürstenfeldbruck wurde der Muezzinruf zweimal gestattet. Ihn dauerhaft zu erlauben ist jedoch nicht vorgesehen. In Kulmbach wurde der Gebetsruf via Lautsprecher der Türkischen Gemeinde einmalig Mitte April erlaubt. München meldet, dass der Gebetsruf seit April von fünf Moscheen über Lautsprecher übertragen werden dürfe. Längstens jeweils für 10 Minuten. Die Regelung gelte, bis Gottesdienste wieder ohne Einschränkungen ermöglicht werden. Das aber hält die Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter für falsch. In den sozialen Netzwerken habe es viele Muslime gegeben, die das als "klares Zeichen der Überlegenheit des Islam und einer fortschreitenden Übernahme in Deutschland" interpretiert hätten. "Wenn das so ankommt, ist das definitiv das falsche Signal." In Berlin sei der Gebetsruf trotz Versammlungsverbot auf den Straßen gefeiert worden, ergänzt Islamexperte Friedmann Eißler.

    Aiman Mazyek aber ist gegen jede Politisierung und zeigt kein Verständnis, wenn Muslime den Adhan so verstehen. Er fordert in der Sache mehr Toleranz. "Wenn es möglich ist in einer Kommune, schön. Und wenn es ein Ärgernis ist am Abend und am Morgen, dann werden wir uns entsprechend anpassen. Das gehört zu unserer kulturellen Vielfalt, das ist Gott sei Dank, gelobt sei Gott, unser Grundgesetz und unsere Religionsfreiheit, die das festlegt."

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