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Jetzt melden sich die Kritiker zu Wort: Zwei Forscher hatten bei vielen Frankfurter Studenten "Intoleranz" festgestellt. Fachkollegen widersprechen und halten die Unis für "vielfältiger und diverser" denn je und setzen auf "Lust an der Provokation".

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Umstrittene Studie über Meinungsfreiheit: Wo endet die Toleranz?

Jetzt melden sich die Kritiker zu Wort: Zwei Forscher hatten bei vielen Frankfurter Studenten "Intoleranz" festgestellt. Fachkollegen widersprechen und halten die Unis für "vielfältiger und diverser" denn je und setzen auf "Lust an der Provokation".

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Von
  • Peter Jungblut

Soviel Medienwirbel gibt es höchst selten um eine wissenschaftliche Studie, schon gar nicht in den Gesellschaftswissenschaften wie der Soziologie, geht es da doch oft um dröge Statistiken und für Laien kaum fassliche Theorien. Da haben die beiden Autoren Richard Traunmüller (Mannheim) und Matthias Revers (Leeds) also auf jeden Fall einen "wunden Punkt" getroffen, sonst würde ihre Untersuchung nicht landauf, landab dermaßen heftig diskutiert. Es geht um die Frage, wie tolerant die Universitäten sind, vor allem Studenten untereinander.

Mancher hat sogar mit Büchern Probleme

In diesem Fall vor allem linksorientierte Studenten an der Frankfurter Goethe-Uni. Mehrere hundert von ihnen beantworteten Fragebögen, in denen sie mitteilen sollten, wo bei ihnen persönlich die Toleranz endet: Bei Leuten, die Homosexualität unmoralisch finden zum Beispiel, bei denen, die glauben, dass der Islam nicht zu Europa gehört, oder bei Menschen, die überzeugt sind, dass Frauen und Männer von Natur aus unterschiedliche Fähigkeiten haben. Kein Wunder, dass sich herausstellte, dass vergleichsweise viele Befragte solche Ansichten nicht nur ablehnten, sondern auch nicht wollten, dass sie an der Uni diskutiert werden. Ja, nicht wenige, nämlich etwa ein Drittel der rund fünfhundert Befragten, konnten sich mit dem Gedanken anfreunden, dass Bücher mit unliebsamen Ansichten aus den Bibliotheken entfernt werden.

Aber ist das schon "Konformitätsdruck", wie Matthias Revers im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" formulierte? Stimmt es am Ende gar, dass linke Studenten ziemlich intolerant sind? Die Münchner Soziologie-Professorin Paula-Irene Villa Braslavsky nennt gegenüber dem BR einige fragliche Aspekte der Studie und verweist darauf, dass die Autoren selbst viele Einschränkungen machen, auch, was die Methode betrifft: "Die Fragen waren eher so, dass nach Themen gefragt wurde, die die sogenannten Linken vielleicht eher stören, irritieren, aufbringen. Beispielsweise gab es keine Fragen, die traditioneller Weise eher Konservative bis Rechte stören, beispielsweise nach Abtreibung, nach Kritik an Polizeigewalt oder Klimawandel."

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Studenten im Hörsaal

Tatsächlich lässt Richard Traunmüller im Interview mit der "SZ" diesen Einwand ohne Weiteres gelten: "Was wir gefragt haben, zielte auf linke Studenten und deren Feindbilder ab. Kritiker werfen uns zurecht vor, dass wir nicht auch zum Beispiel gefragt haben, ob jemand an der Uni sprechen sollte, der zum Beispiel den Nationalstaat abschaffen will. Der Vergleich ist also etwas unfair."

Auch der Bochumer Soziologe David Adler hält im Gespräch mit dem BR gar nichts von der Art und Weise, wie die umstrittene Studie "Toleranz" versteht. Homosexualität als unmoralische Veranlagung, Frauen als biologisch unterlegenes Geschlecht, Reizthema Islam? Solche Ansichten haben für Adler wenig mit Meinungsfreiheit zu tun, vor allem an Universitäten: "Ich glaube, es ist nicht sinnvoll, Toleranz so zu verstehen. Ich glaube, der Toleranzbegriff ist da wirklich fehl am Platz. Toleranz ist in der Demokratie ja ein wohlgelittener Wert. Und in dem der auf diese Weise so verdreht wird, redet man eigentlich an dem, was üblicherweise unter Toleranz läuft doch ziemlich vorbei." Adler verweist auf den Philosophen Karl Popper, der in seinem Buch "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" 1945 geschrieben hatte, eine Gesellschaft, die unendlich tolerant gegenüber Intoleranz sei, schaffe sich als Demokratie ab.

"Rote Linie muss immer wieder diskutiert werden"

Paula-Irene Villa Braslavsky hat nach eigenen Worten durchaus schon einige "Shitstorms" in den sozialen Netzwerken hinter sich, aber auch sie glaubt nicht, dass die Toleranz als solche an deutschen Hochschulen gefährdet ist: "Wir brauchen da immer wieder eine Diskussion darüber, was die rote Linie ist. Ich selbst bin da ganz pragmatisch und ziehe in meiner Lehre die rote Linie dort, wo menschenverachtend oder rassistisch gesprochen wird, oder wo es eindeutig um kruden Antisemitismus geht. Das brauche ich in meinen Seminaren nicht zu diskutieren, das ist eindeutig eine Haltung, die keine Meinung mehr ist."

Für die Soziologin ist es völlig normal, dass jeder, der an einer akademischen Diskussion teilnimmt, zunächst mal genau überlegt, was er sagt. Nicht etwa deshalb, weil es Ansichten gibt, die nicht erwünscht sind, sondern weil es an der Universität um nachvollziehbare Argumente gehe: "Es ist nicht per se Repression und Intoleranz, wenn ich für mich und wir alle jeweils darüber nachdenken, was wir zu einem bestimmten Thema sagen. Und erst recht nicht an der Universität, wo es darum geht, gute Argumente zu formulieren, wo es darum geht, wissenschaftlich angemessen zu sprechen, da möchte ich doch sehr hoffen, dass wir alle mehrfach darüber nachdenken, bevor wir etwas sagen."

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Im Hörsaal: Wie duldungsfähig sind die Studenten?

Manches an der umstrittenen Studie über Meinungsfreiheit und freie Rede stört die Kritiker: Die vergleichsweise geringe Zahl der Befragten von nur sieben Prozent aller Studierenden der Sozialwissenschaften in Frankfurt, die einseitige Fragestellung, die unausgesprochene, unterschwellige Botschaft, das Studenten sich mit der Toleranz immer schwerer tun, das Fazit, das zumindest nahelegt, dass die Gesellschaft nicht zwangsläufig immer liberaler wird. Die Autoren selbst sprechen von einem "Schnappschuss" und wollen ausdrücklich keine Angaben dazu machen, ob die Studenten heutzutage weniger duldsam sind als früher.

David Adler aus Bochum, der sich in seinem Blog mit der Studie auseinandersetzte, hält die ganze Aufregung für wenig zielführend: "Wenn Sie bei einem Familientreffen sind, sagen Sie auch nicht immer alles, was Sie denken. Man wägt in solchen Situationen immer ab, was man sagt. Das gibt es auch an der Universität. Die ist nicht plötzlich das Paradies der freien Meinungsäußerung, das außerhalb der Gesellschaft steht, wo der herrschaftsfreie Diskurs herrscht, das ist nicht so."

"Es wird an der Uni immer vielfältiger und diverser"

Da pflichtet die Gender-Forscherin Paula-Irene Villa Braslavsky bei und vermutet bei manchem Befragten ein Kokettieren mit der "Opferrolle": "Man darf angeblich nichts mehr sagen, aber dass ganz laut auf allen Kanälen, so dass es jeder hören kann - eine paradoxe Situation. Ich frage mich, ob das in dieser Studie bei einigen der Befragten auch das Thema war, dass sie sagen, ja man darf gar nichts mehr sagen, ich spüre das als etwas ganz Schlimmes. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, da würde ich ein Fragezeichen setzen, aber das müssten wir eben wirklich erforschen."

Gerade aus konservativen Kreisen heißt es häufig, linke Studenten würden die Meinungsfreiheit an manchen Universitäten immer mehr beschneiden, von "Cancel Culture" ist die Rede. Eine Sichtweise, der sich David Adler so nicht anschließen will: "Es wird an der Uni eigentlich immer vielfältiger und diverser, und es wäre meines Erachtens auch nicht absurd anzunehmen, dass die doch heftigen Auseinandersetzungen, die wir in diesen Fällen an den Universitäten erleben, eigentlich eher ein Ausdruck dieser gestiegenen Diversität sind. Denn wer würde denn ernsthaft sagen, dass die Universitäten vor vierzig Jahren in Deutschland vielfältiger und offener waren?"

"Gewisse intellektuelle Lust an der Provokation"

Immerhin, auch die Münchner Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky hat schon selbst erlebt, dass es nicht immer leicht ist, seine eigene Meinung vorzutragen, gerade vor Berufskollegen: "Es gab schon die eine oder andere Situation, selten, aber es gab sie und gibt sie immer wieder mal, auf einer Tagung, auf einer Konferenz, wo ich das Gefühl habe, oh, das ist jetzt ein politisch eher geschlossener Zirkel, hm, ich weiß nicht, wie ich das finde und ob das, was ich sagen will nicht doch ganz schön provokant daher kommt. Das habe ich mich schon das eine oder andere Mal gefragt. Nun habe ich, wie viele andere auch, durchaus eine gewisse intellektuelle Lust an der Provokation, und habe dann das, was ich dachte, womöglich erst recht gesagt."

Auf dem Twitterkanal von Villa Braslavsky wird munter gestritten über die Studie und über Toleranzbegriffe. Da scheint also eine Debatte belebt worden zu sein - was Besseres kann ja weder Universitäten, noch Forschern passieren.

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