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Umstrittene Neuauflage: 5 Jahre kritische "Mein Kampf"-Edition | BR24

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Seit fünf Jahren auf dem Markt: Die kritische "Mein Kampf"-Edition des Instituts für Zeitgeschichte in München und Berlin.

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    Umstrittene Neuauflage: 5 Jahre kritische "Mein Kampf"-Edition

    Vor fünf Jahren wurde Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" gemeinfrei. Das Institut für Zeitgeschichte legte pünktlich zum Stichtag eine kommentierte Edition vor und stand damit kaum im Verdacht der Volksverhetzung. Trotzdem gab es Bedenken. Zu Recht?

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    Von
    • Simon Berninger

    Kaum mehr als ein bayerischer Bierkelleragitator war Adolf Hitler, als er in den 1920er Jahren "Mein Kampf" vorlegte. In der Hitler-Biografie von Ian Kershaw nennt es der Historiker deshalb zu Recht "Hybris", dass einer mit Mitte 30 schon eine zweibändige Autobiographie vorlegt. Das nämlich ist "Mein Kampf" im Kern, gekleidet in ein Gewand von Hetze und Propaganda. Der Inhalt: völkisch, rassistisch und antisemitisch; die Sprache: unsauber, unbeholfen, gestelzt.

    "Hitler war natürlich kein guter Schriftsteller", sagt Andreas Wirsching, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in München und Berlin. Entsprechend viel Spott und geradezu Hohn habe "Mein Kampf" auch auf sich gezogen, weiß der Historiker. "Und wenn man das heute liest, dann fragt man sich: Warum muss man sich das antun?"

    Sächsische Polizei beschlagnahmt unkommentierte Nachdrucke

    Die einfachste wie erschreckendste Antwort: Man teilt das braune Gift, das Hitler darin unters deutsche Volk gemischt hat. Erst im Dezember sind die sächsischen Behörden auf zahlreiche Nachdrucke von "Mein Kampf" gestoßen; unkommentiert.

    Im Gegensatz zu der Ausgabe, die das IfZ vor fünf Jahren vorgelegt hat: Originaltext nebst Anmerkungen auf knapp 2.000 Seiten, fast dreimal so viele wie Hitlers Original aus den 1920er Jahren. Dessen Copyright übertrugen die Alliierten nach dem Krieg dem Freistaat Bayern. 70 Jahre lang konnten unerwünschte Nachdrucke somit urheberrechtlich geahndet werden.

    Doch Ende 2015 lief das Urheberrecht aus, Hitlers Text wurde gemeinfrei. "Und die Gretchenfrage war eben die: Was passiert, wenn nichts passiert?", blickt Wirsching zurück. "Dann wäre genau das eingetreten, was wir unbedingt verhindern wollten: dass ein Vakuum entsteht, der Text frei wird und vagabundiert und so alle möglichen, auch rechtsradikalen Süppchen gekocht werden."

    Hitler oder Höcke? AfD-Abgeordnete wissen es nicht

    Ein hehres Vorhaben, das das IfZ freilich nicht verhindern konnte. Wie auch? Es hat ja keinen Einfluss darauf, ob nicht auch rechte Verleger wie in Leipzig das ihrige mit Hitlers Hetzschrift tun. Und so machte "Mein Kampf" unlängst auch im Dunstkreis einer Querdenker-Demo im unterfränkischen Miltenberg online die Runde. Die Quasi-Bibel der Nationalsozialisten verfängt also bis heute, ja, vielleicht heute wieder in ganz neuer Weise.

    "Völlig klar, wir leben in einer Zeit, in der völkisches Gedankengut wieder salonfähig geworden ist", sagt Wirsching. Und "Versatzstücke" ließen sich daraus auch heute noch entlehnen: "Ich sehe das Hauptsächliche im Rassismus, aber auch in der Freund-Feind-Konstruktion zwischen dem Volk und dem System, den Repräsentanten der Demokratie, dem Parlamentarismus andererseits. Die ist sehr aktuell, gerade im AfD-Bereich und was noch rechts davon ist."

    Einen Beleg dafür brachte bereits ein ZDF-Team, das AfD-Abgeordneten Zitate von Partei-Rechtsaußen Björn Höcke und Auszüge aus "Mein Kampf" vorlegte. Die Befragten konnten nicht sagen, was aus wessen Feder stammte. Umso wichtiger, dass der gemeinfreie Text wissenschaftlich in die Mangel genommen wurde, um dumpfem Hitler-Sprech etwas entgegenhalten zu können.

    Staatsregierung will IfZ zunächst stoppen

    Im Verdacht der Volksverhetzung stand ein so seriöses IfZ damit kaum. Trotzdem machte sich die Forschungsstelle prophylaktisch mit dem entsprechenden Paragraphen 130 im Strafgesetzbuch vertraut. Der ist heute, nach Ablauf der Urheberrechte, die Grundlage, auf der unkommentierte Verfügbarmachungen von "Mein Kampf" online wie in gedruckter Form geahndet werden.

    Und tatsächlich stand die Befürchtung im Raum, dass damit auch das Großprojekt des IfZ gestoppt werden würde. Dabei beschließt der Bayerische Landtag 2012 zunächst, das IfZ mit 500.000 Euro bei der Editierung zu unterstützen und erkennt damit an, dass "Mein Kampf" nun einmal eine wichtige historische Quelle ist, die kommentiert in Schule, Hochschule und Akademien gehört.

    Doch dann reist der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer nach Israel, auch in Begleitung von Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. "Wir waren in Yad Vashem und ich war immer in seiner Nähe und da habe ich gesehen, wie er geschockt war", erinnert sich Knobloch. "Was man dann sich bildlich vorstellen kann, besonders die Schuld des eigenen Volkes, der Vorfahren, dann ist das schon eine Angelegenheit auch der Empfindungen, die ein Mensch hat."

    Wissenschaftsfreiheit rettet "Mein Kampf"-Edition

    Zu Recht und hoffentlich empfindet jeder Besucher in Yad Vashem genauso wie Horst Seehofer. Politik darf aber nicht an den Empfindungen ihrer höchsten Repräsentanten hängen, sondern an Gesetzen. Und da war für den großen Wurf des Instituts für Zeitgeschichte letztlich Paragraph 5 im Grundgesetz einschlägig: "Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei", heißt es da.

    Der Freistaat lässt das Institut für Zeitgeschichte also gewähren, und das legt pünktlich zum Gemeinfreiwerden von "Mein Kampf" seine umfangreiche Edition in zwei Bänden vor: Fußnote für Fußnote werden die wirren Thesen des fanatischen Kriegslüstlings Adolf Hitlers darin demaskiert. Mehr als 3.700 Anmerkungen umkleiden den Originaltext und überführen den späteren Führer seiner Lügen, Halbwahrheiten und biografischen Glätten.

    Charlotte Knobloch überzeugt das trotzdem nicht: "Man weiß ja, die Menschen lesen immer das, was sie eigentlich noch nicht kennen, und das sind die Inhalte des Buches." Und da glaubt Knobloch, dass sich einige von Hitler haben überzeugen lassen.

    "Man sieht es ja heute, der Antisemitismus war immer da, ist immer da, aber dass er in einer solchen Form auftritt, ist meines Erachtens auch die Folge von der Auflage solcher Schriften." Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern

    Hat das IfZ eine neue Nazi-Trophäe geschaffen?

    Nicht die einzige jüdische Stimme, die sich bis heute kritisch zu der Neuauflage von so prominenter wie renommierter Stelle im Land der einstigen Täter äußert. Der Germanist Jeremy Adler vom Londoner King’s College findet es gar skandalös, dass Hitler-Verehrer nun bedenkenlos einem Klassiker mit Kultstatus in ihrer Szene frönen können, sogar in aller Öffentlichkeit.

    In der Theorie mag das richtig sein, eine neue Nazi-Trophäe hat das IfZ aber nicht geschaffen; seine so nüchterne wie anspruchsvolle Wissenschaftsausgabe umgibt eben nicht dieses gewisse auratische Fluidum, für das rechte Kreise wohl an Originalausgaben aus der NS-Zeit interessiert sind. Und dann ist der Herausgeber eben nicht Adolf Hitler oder ein rechter Verleger, sondern das IfZ. Und das gibt Hitler nicht das Wort, sondern widerspricht ihm.

    "Keine Hinweise auf rechtsradikale Leserschaft"

    Entsprechend fällt auch Andreas Wirschings Leser-Spiegel aus: "Ich glaube, dass es in jüngerer Zeit kein Buch gegeben hat, wo gewissermaßen durch begleitende Akteure, auch durch die Presse, aber auch durch Buchhändler ein solches Screening durchgeführt worden ist, wer denn die Leser sein könnten." Und da gäbe es "überhaupt keinen Hinweis darauf, dass das für rechtsradikale Kreise oder Neonazis genutzt worden ist oder im größeren Umfang rezipiert worden ist".

    Das bestätigt auch Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle (CSU): "Mir ist es in meiner Tätigkeit weder indirekt noch direkt begegnet, so viel kann ich sagen. Und ich glaube, ich habe schon einen guten Überblick über die Szene, die ich halt im Blick habe. Das heißt also, manche Befürchtung, die halt da war, auch berechtigt, ist Gott sei Dank nicht eingetreten."

    Den eigentlichen Preis zahlen die Überlebenden der Shoa

    Die Edition, mit der das Institut für Zeitgeschichte die in Deutschland bislang einzige legale Neuauflage von "Mein Kampf" nach 1945 herausgegeben hat, ist also nichts für neurechte Kreise; wohl aber gegen sie. Weil sie aufklärt und all diejenigen im politischen wie vorpolitischen Raum rüstet für ein "Nie wieder".

    Den eigentlichen Preis dafür zahlen freilich die heute noch lebenden Überlebenden der Shoa. Sie müssen ertragen, dass "Mein Kampf" in Deutschland eben wieder legal zu kaufen ist. Ihnen sei aber gesagt: Fünf Jahre kritische Edition haben gezeigt, dass diese Ausgabe nicht missverstanden werden kann und auch nicht missverstanden wird.

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