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Umstrittene Kunst-Aktion: Werk von Beuys nach Afrika geflogen? | BR24

© LWL-Museum Münster

Hat Joseph Beuys häufiger hergestellt: "Capri-Batterie"

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    Umstrittene Kunst-Aktion: Werk von Beuys nach Afrika geflogen?

    Das Künstlerkollektiv "Frankfurter Hauptschule" will eine "Capri-Batterie" von Joseph Beuys aus einer Ausstellung in Oberhausen entwendet und als "Raubkunst" nach Tansania gebracht haben. Unfug, Satire, Provokation oder zeitgemäße Aktionskunst?

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    Aktionskünstler wollen Aufmerksamkeit, je mehr, desto besser. So gesehen landete das Kollektiv "Frankfurter Hauptschule", auch als "Kunst-Guerilla" bezeichnet, einen Erfolg - allerdings einen sehr umstrittenen. Die Künstler brüsten sich aktuell damit, aus der Ausstellung "Verschmutzung. Körperzustände. Faschismus" im Theater Oberhausen das Kunstwerk "Capri-Batterie" von Joseph Beuys entwendet, nach Afrika geflogen und es dort an Repräsentanten des Hehe-Stammes im Museum von Iringa in Zentral-Tansania übergeben zu haben.

    Auf der Facebook-Seite der Aktivisten heißt es wörtlich: "Wir haben einen Beuys geklaut und nach Afrika gebracht". Unter der Botschaft ist auf einem Standfoto aus einem bei Youtube veröffentlichten Video ein Künstler-Trio am Pool zu sehen, eine der Beteiligten hat mit Sonnencreme die Worte "Bad Beuys" auf den Rücken eines Kollegen geschrieben, der auf einer Liege döst. Überhaupt ließen es sich die Künstler auf dem Weg nach Tansania, der offenkundig über Quatar führte, dem Video zufolge demonstrativ gut gehen: So sind eine Fußreflexzonen-Massage, Party-Szenen im Hotel, Safari-Filme auf den Flugzeug-Monitoren und reichlich Sonnenschutz-Creme zu sehen - alles Anspielungen auf das Afrika-Klischee europäischer Reisender.

    © WDR/BR Bild

    Wirbel um Joseph Beuys

    Mit ihrer Aktion wollen die Mitglieder des Kollektivs offensichtlich auf die vielen Kunstobjekte aus der Kolonialzeit in europäischen Museen hinweisen und für deren Rückgabe an die Ursprungsländer eintreten. Da die Oberhausener Ausstellung dem verstorbenen Theater- und Filmregisseur Christoph Schlingensief gewidmet ist, dessen 60. Geburtstag sich am 24. Oktober jährt, fand die "Frankfurter Hauptschule" mit ihrer Aktion ein symbolträchtiges Ziel, engagierte sich Schlingensief doch zeit seines Lebens für Afrika und gegen Rassismus und Kolonialismus. Außerdem wurde er mit ähnlichen, meist satirischen Protestaktionen bekannt.

    Leihgeber ist "sehr bestürzt"

    Das Theater Oberhausen bestätigte dem WDR, dass die dort ausgestellte "Capri-Batterie" nicht mehr am ursprünglichen Platz ist. In Netz-Videos zeigt die "Frankfurter Hauptschule", wie sie das Objekt, eine Leihgabe des LWL-Museums in Münster, per Flugzeug nach Afrika "entführt" und dort "feierlich" übergibt. Per Mail, so das Monopol-Magazin, teilte das Kollektiv mit, das alles sei bereits am 18. Oktober passiert. Tansania sei ausgesucht worden, weil die "dortige Dauerausstellung, die in einem ehemaligen Militärkrankenhaus der deutschen Kolonialherren untergebracht" sei, nun die "Capri-Batterie" zwischen traditionellen Objekten der Handwerkskunst der Hehe präsentieren könne.

    Das LWL-Museum Münster zeigte sich unterdessen "sehr bestürzt" und erwartet eine zeitnahe Aufklärung der Geschehnisse. Leiter Hermann Arnold appellierte an das Stadttheater Oberhausen und die dortigen Kuratorinnen, einen "verantwortungsvollen Umgang mit den Kunstwerken der Ausstellung sowie eine aufrichtige und transparente Zusammenarbeit" zu gewährleisten. Sollte es sich um einen inszenierten Diebstahl handeln, seien rote Linien überschritten worden, so Arnold.

    © Henning Kaiser/Picture Alliance

    Bügeleisen mit Fell: Kunst der "Frankfurter Hauptschule"

    Beuys hatte seine "Capri-Batterie", die eine gelbe Glühbirne mit Fassung zeigt, deren Metallstifte in einer Zitronen stecken, während eines Aufenthaltes auf der italienischen Insel Capri entworfen und später mehrfach angefertigt. Nach dem Werkverzeichnis gibt es insgesamt 200 Exemplare. Indem die Zitrone optisch als Energiequelle für die gelbe Glühbirne auftritt, so Kunstkritiker, verdeutliche Beuys, dass sämtliche Formen von Energie aus der Natur bezogen werden. Bei einer Versteigerung 2014 in München erzielte eine "Capri-Batterie" einen Erlös von 22 500 Euro.

    Kunstkritiker nennen Aktion "kreuzdumm"

    Die Fachpresse kritisiert die Kunstaktion und die "Frankfurter Hauptschule" teils heftig. So heißt es im Monopol-Magazin: "Beuys’ poetische Zitronenskulptur in Geiselhaft für die Kolonialverbrechen zu nehmen und ihn nebenbei Nazi zu nennen, ist schon ziemlich bescheuert." Auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) nennt das Ganze eine "minder bedeutende Kunstaktion" und schreibt, Beuys einen "Nazi-Schamanen" zu nennen, wie es die "Frankfurter Hauptschule" in einem "Bekennerschreiben" getan habe, sei "ebenso kreuzdumm wie Goethe als Sexisten zu brandmarken und Klopapier auf sein Gartenhaus zu werfen, ein ausrangiertes Polizeiauto abzufackeln und das Wrack ins Frankfurter Bahnhofsviertel zu stellen: Kann man als Jungkünstler machen, muss man als Beobachter aber nicht unbedingt witzig finden." Damit bezieht sich die FAZ auf vorhergehende Aktionen der "Frankfurter Hauptschule".

    Die Ausstellung in Oberhausen soll zunächst geschlossen bleiben, der Sachverhalt soll geprüft werden. Die Polizei Oberhausen wollte sich am Freitag gegenüber dpa nicht äußern.

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