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"Ich möchte nicht etwas erzählt, sondern etwas erklärt bekommen" | BR24

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Bildrechte: Franziska Schrödinger

Die umstrittene österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart hat jetzt ihren ersten Roman geschrieben: "Omama", eine Mischung aus Essay, Roman und Sprachspielerei

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"Ich möchte nicht etwas erzählt, sondern etwas erklärt bekommen"

Die umstrittene österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart hat jetzt ihren ersten Roman geschrieben: "Omama", eine Mischung aus Essay, Roman und Sprachspielerei - und garantiert satirisch grundiert.

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Von
  • Wolfgang Popp

Schauplatz von "Omama" ist die österreichische Provinz, zeitlich bewegt sich die Geschichte von der Nachkriegszeit bis hinauf in die jüngste Vergangenheit und Protagonistin ist, wie nicht unschwer zu erraten, die Großmutter. Nicht unbedingt ein seltener Topos in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, aber das behauptet Lisa Eckhart auch gar nicht: "Es mangelt nicht an Autoren, die solche Bücher schreiben, weil die Zeitzeugen auch langsam abhandenkommen und jetzt peitscht noch einmal jeder die Großeltern vors Diktiergerät. Und natürlich mache ich mich da auch schuldig, ein schmählicher Epigone zu sein, aber ich wollte das anders gestalten als die Großmuttererzählungen, die man kennt."

Offen, ob Würdigung oder Rufmord

Anders heißt in Lisa Eckharts Fall, man kann es sich vorstellen, schwarzhumorig und bitterböse. Es bleibe den Leser*innen überlassen, schreibt sie auch gleich im Prolog, ob sie diese Biografie als Hommage oder als Rufmord erachten. So ist die Großmutter gleichzeitig einnehmend und vereinnahmend, einerseits ein sympathisches Schlitzohr, das vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, Einkaufsfahrten nach Ungarn für Schmuggeltouren nutzt, und andererseits eine Ewiggestrige, die auf den späteren Reisen mit der Enkelin, die Welt mit ihren Ressentiments überzieht. "Großmutter untergräbt jedes Vorurteil, indem sie einfach alle vertritt", heißt es einmal im Roman. Aber auch das übrige Personal im Buch fasst Eckhart nicht mit Samthandschuhen an. "Ich würde mich nicht als menschenfeindlich bezeichnen, aber vielleicht bin ich es umso mehr, weil ich dem Menschen nicht einmal zugestehe, von Natur aus böse zu sein. Ich gestehe ihm überhaupt keine Natur zu".

Der satirische Grundton unterscheidet Lisa Eckharts "Omama" vom Großteil der bekannten Großelternliteratur. Genauso auffällig ist der stetige Wechsel zwischen dem Vorantreiben der Handlung und diversen essayistischen Exkursen, in denen Eckhart über die Hassliebe zwischen Deutschen und Österreichern nachdenkt oder darüber, warum Menschen mit fantasiereichen Namen so fad sind. Eckhart selbst nennt ihren Debütroman "Omama" einen Bastard aus Essay, Roman und Sprachspielerei, einfach nur dem roten Faden der Geschichte hinterherzuhecheln, wäre ihr beim Schreiben langweilig geworden.

"Nicht zu viel Geschichte, nicht zu viel Leben!"

"Nicht zu viel Geschichte, nicht zu viel Leben, das hat mich immer wahnsinnig gestört an Büchern, weil das Leben habe ich ja da draußen, dafür lese ich ja nicht. Also: Ich möchte nicht etwas erzählt, sondern etwas erklärt bekommen," sagt die Kabarettistin im Gespräch mit dem BR. Als Erzählerin ist sie da lieber genauso resolut wie ihre Bühnenfigur. Mit der ist sie ja zuletzt verwechselt worden, was ihr den Vorwurf des Antisemitismus eingetragen hat.

"Man spricht immer vom Applaus aus der falschen Ecke, genauso bitter sind aber Anfeindungen aus der richtigen Ecke. Es ist schade, wenn sich Menschen gekränkt fühlen, die gar nicht gemeint waren, aber noch bedauerlicher finde ich, dass dadurch scheinbar die, die es eigentlich treffen sollte, weit davon entfernt sind zu sehen, um wen es hier eigentlich geht." Prompt hat die AfD versucht, den Fall Eckhart für ihre eigenen Zwecke auszuschlachten und ein Foto der Kabarettistin auf einen facebook-Eintrag gestellt, zusammen mit der Überschrift: "Linke zerstören Deutschlands Freiheit – Kabarettistin Lisa Eckhart nach Gewaltandrohung von Kulturfestival ausgeladen". Ihr Management hat bereits rechtliche Schritte eingeleitet.

© ARD Foto
Bildrechte: ARD Foto

Lisa Eckhart Live

Beifall von der AfD

"Da redet man unentwegt davon, auf Kabarettbühnen, dass diese Menschen, wir wissen es, keinerlei Anstand noch Verstand besitzen – wie kann mich das schockieren?" Insofern möchte sie dem überhaupt keine Aufmerksamkeit schenken, weil sie wüssten, dass sie etwas Illegitimes tun: Nicht zuletzt, glaube sie, um ihr zu schaden, weil die AfD in zwei, drei Nummern erwähnt werde und nicht gut wegkomme.

Was ihre Ausladung in Hamburg und das neue Phänomen der Cancel-Culture betrifft, meint Lisa Eckhart. "Zu glauben, alles, was mir nicht passt, müsse aus meinem Blickfeld verschwinden, damit kann man sich gerne auseinandersetzen, aber doch bitte nicht jetzt mit mir, die ich in dieser Geschichte nur Passagier bin, und die mich schon, und ich hab mich wenig damit auseinandergesetzt, zutiefst langweilt."

Pointe ist ihr wichtiger als die Figuren

Das Literaturfestival Harbourfront hat seine Ausladung ja mittlerweile zurückgenommen, Lisa Eckhart hat aber in Absprache mit dem Zsolnay-Verlag auf ihre Lesung in Hamburg verzichtet. "Nein, ich werde daran nicht teilnehmen, und ich hoffe, dass darunter auch ein Schlussstrich gezogen ist. Mir ist das selbst, ehrlich gesagt, schon ein bisschen peinlich, welche Größe so eine Lappalie erreicht hat."

Aus Lisa Eckharts Debütroman "Omama" liest man auf jeder Seite die Kabarettistin heraus, die ganz offensichtlich mehr das Wortspiel und die Pointe als die Geschichte und ihre Figuren liebt. Ob es da so eine gute Idee ist, das Kabarett, wie Eckhart plant, in Zukunft bleiben zu lassen und sich nur noch dem Schreiben zu widmen?

Lisa Eckhart, Omama, erscheint bei Zsolnay.

© Zsolnay / Montage BR
Bildrechte: Zsolnay / Montage BR

Cover: Omama von Lisa Eckhart

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