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Dreharbeiten zu "Lord of the Toys"
© Promo/Filmfreeway

Autoren

Peter Jungblut
© Promo/Filmfreeway

Dreharbeiten zu "Lord of the Toys"

In "Lord of the Toys" werden der zwanzigjährige Dresdner Max "Adlersson" Herzberg und seine Freunde vom Leipziger Filmemacher Pablo Ben Yakov einen Sommer lang porträtiert. Die jungen Erwachsenen betreiben YouTube-Kanäle, in denen sie Gangsta-Rap-Alben besprechen, Waffen wie zum Beispiel Messer als "Influencer" auf ihre Tauglichkeit testen und wüste sexistische, rassistische und antisemitische Sprüche klopfen. Der Filmverleih hält das vor allem deshalb für ein wichtiges Thema, weil Herzberg und Gleichgesinnte mit "mehr als 300 000" Abonnenten einflussreiche, wenn auch äußerst dubiose Vorbilder seien. Es gehe um die "Selbstfindung" einer Generation, deren ganze charakterliche Prägung im Netz erfolge, hauptsächlich bei Instagram und auf YouTube. So gesehen handelt es sich bei dem umstrittenen Film um eine ostdeutsche Milieustudie, eine Ansicht, die nicht alle Besucher des 62. Leipziger Dokumentarfilm-Fests teilen. Autor Yakov wurde 1986 in Saarbrücken geboren, studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg und ist seit 2011 Schauspieler und freier Regisseur.

Aus Langeweile und Verlorenheit rechtsradikal?

Die Jury, die die Auszeichnungen auf dem Leipziger Dokumentarfilm-Festival zu vergeben hatte, entschied sich am Samstagabend für "Lord of the Toys". Yakov erhielt die "Goldene Taube" für den besten deutschen Langfilm. Offiziell begründet wurde die Entscheidung so: "Weil er smart, differenziert, extrem mutig und von einer schmerzhaften politischen Brisanz ist. Und den Anspruch erfüllt, den man an einen guten Dokumentarfilm haben muss: Er hilft Leuten, zu kapieren, was woanders los ist. Gezeigt wird der Alltag einer Gruppe von Dresdener YouTubern, Jungs, paar Mädchen, weit und breit keine Erwachsenen, die aus Langeweile und Verlorenheit auf der Grenze zu rechtsradikal unterwegs sind; und dabei mehrere hunderttausend Follower in den sozialen Medien haben. Sie stricken an einer Welt, in der sie was bedeuten, die ihnen aber gleichzeitig die Erfüllung ihrer Bedürfnisse verbauen wird: Vertrauen und Nähe."

In Dresden in der Straßenbahn

In Dresden in der Straßenbahn

Bei der Vorführung blieb angeblich "alles ruhig"

Festivalleiterin Leena Pasanen reagierte auf die heftige Diskussion unmittelbar nach der Preisverleihung mit den Worten: "Wir teilen nicht die Haltung, dass dieser Film affirmativ ist. Mit seinen präzisen Beobachtungen und einer kritischen Einordnung legt er eine Jugendkultur und deren erschreckende Sprache offen." Eine Diskussion über den Film fand in Leipzig angeblich aus zeitlichen Gründen nicht statt. Am Mittwochabend, als "Lord of the Toys" gezeigt wurde, sei es im entsprechenden Leipziger Kino "ruhig geblieben", hieß es in der örtlichen Leipziger Volkszeitung (LVZ). Dennoch tobt im Netz mittlerweile eine Debatte, nicht zuletzt von linken Aktionsbündnissen, die den Film für "unreflektiert" halten.

Die Jury urteilte: "Dieser Film tut wirklich weh"

In der Begründung der Jury heißt es: "Die Filmemacher haben eine Grenzüberschreitung geleistet; sie lassen sich vollständig auf ein anderes Milieu, eine andere Generation, eine andere politische Haltung ein, um ernsthaft dem auf den Grund zu gehen, worüber man in Tageszeitungen als Gefahr für unsere Demokratie liest. Sie gehen so tief rein, wie man reingehen kann. Sie versuchen dabei, nicht nach vorgefertigten Schemata zu werten. Und verlieren dabei trotzdem an keiner Stelle ihre Haltung und ihre kritische Distanz. Sie wollen etwas begreifen, nämlich eine Dynamik, die junge Menschen gruppenweise in die Radikalität schlittern lässt. Der Film ist souverän, ohne zu routiniert oder zu abgeklärt zu sein. Er ist liebevoll, jenseits der Floskel. Und außerdem formal – ästhetisch und dramaturgisch – zutiefst beeindruckend. Ein in der Form noch nicht dagewesener Beitrag zum Verständnis dessen, was grade in unserer Welt passiert. Man sagt über Filme gerne mal, dass sie wehtun – dieser Film tut wirklich weh, teilweise physisch. Aber aus gutem Grund."