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Umfrage unter katholischen Orden: über 1.400 Missbrauchsfälle | BR24

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Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche bemühen sich nun die deutschen Ordensgemeinschaften auch um Aufklärung.

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Umfrage unter katholischen Orden: über 1.400 Missbrauchsfälle

Mehr als 1.400 Kinder und Jugendliche sind in Einrichtungen katholischer Orden missbraucht worden. So eine Umfrage der Deutschen Ordensobernkonferenz. Ein Opferverein nennt die späte Umfrage einen Skandal und fordert eine konsequente Aufarbeitung.

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Es ist keine wissenschaftliche Studie, sondern eine Umfrage, die nun erstmals deutschlandweite Zahlen zu sexuellem Missbrauch in Einrichtungen der Orden liefert.

Die Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK), Schwester Katharina Kluitmann, kennt das Zahlenwerk, das nun der Öffentlichkeit präsentiert wird, schon länger: "Natürlich sind es zu viele. Und wenn man selber dazugehört, ist das überaus beschämend, dass der eigene Laden so ist, wie er ist."

Viele der befragten Gemeinschaften, in denen Nonnen und Mönche, Priester und Brüder zusammenleben, betrieben und betreiben in Deutschland Schulen, Internate, Heime und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe.

Missbrauchs-Umfrage offenbart großen Handlungsbedarf

Aufarbeitungsstudien gibt es bisher nur bei sieben der insgesamt 100 Orden, denen Missbrauchsvorwürfe bekannt sind. Hier will die Deutsche Ordensobernkonferenz nun Druck machen.

Mehr als 1.400 Opfer - Kinder, Jugendliche, Schutzbefohlene - sind es, die sexuellen Missbrauch durch rund 650 mutmaßliche Täter aus deutschen Orden wie Benediktiner, Franziskaner, Salesianer oder Jesuiten erlitten. Viele der Fälle wurden nie den Staatsanwaltschaften gemeldet, belegt die Erhebung der Ordensobernkonferenz. Und selbst zehn Jahre nach dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche haben sich fast 80 Gemeinschaften noch nicht mit dem Thema sexueller Missbrauch befasst. Immer noch fehlen Ansprechpartner und Präventionskonzepte. Das soll sich ändern, sagt die Vorsitzende der DOK, Schwester Katharina Kluitmann.

Dunkelziffer wahrscheinlich deutlich höher

Zudem sind wohl nicht alle Fälle erfasst worden, es gibt sicher - wie immer bei diesem Thema - eine Dunkelziffer. Auch der Zeitraum, bis wann die Vorwürfe zurückreichen, wird nicht eingegrenzt. Doch mit fast 80 Prozent ist der überwiegende Teil der rund 650 als Täter Beschuldigten schon gestorben. Nur noch knapp 100 leben in einem der befragten Orden.

Insgesamt 100 der 291 Gemeinschaften, die sich an der Befragung beteiligten, gaben an, dass sie mit Vorwürfen zu verschiedenen Missbrauchsformen konfrontiert wurden - unabhängig davon, ob diese seitens der Ordensgemeinschaften als plausibel eingestuft wurden oder nicht. Die Auswertung der Fragebögen ergab, dass der prozentuale Anteil der mit Missbrauchsvorwürfen konfrontierten Gemeinschaften bei den Frauengemeinschaften bei 22 Prozent, bei den Männergemeinschaften bei 68,8 Prozent liegt.

Opferverein nennt späte Aufarbeitung einen Skandal

Der Opferverein "Eckiger Tisch" nennt es einen Skandal, dass die Ordensgemeinschaften ganze zehn Jahre gebraucht haben, um zu den jetzt präsentierten Ergebnissen zu kommen. Die Orden hätten offenbar die Hoffnung gehabt, "dass die Opfer irgendwann resignieren oder sterben".

Eckiger Tisch fordert zentrale Aufarbeitungskommission

Der Eckige Tisch fordert, dass alle diesbezüglichen Akten der Orden an die Staatsanwaltschaften überstellt werden: "Alle Aktenbestände der Ordensgemeinschaften müssen jetzt gesichert und den Staatsanwaltschaften zur Verfügung gestellt werden, sofern es einen Verdacht auf sexuellen Kindesmissbrauch durch Angehörige dieser Gemeinschaften gibt", so der Geschäftsführer des Eckigen Tischs Matthias Katsch in einer Stellungnahme.

Nach der juristischen Verfolgung - soweit überhaupt noch möglich - solle eine zentrale Aufarbeitungskommission die Akten übernehmen, damit die noch lebenden Opfer "jemals so etwas wie Klarheit und Wahrheit erfahren werden über die Umstände, unter denen sie als Kinder und Jugendliche Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch durch Angehörige dieser Organisationen wurden, und wie diese Taten über Jahrzehnte von den Leitungen verdeckt und verheimlicht wurden".

Eckiger Tisch: Mindestens 5.000 Opfer unter Kindern und Jugendlichen

Der Eckige Tisch sieht es - unter Berufung auf kirchliche Akten - als erwiesen an, dass "mindestens 5.000 Kinder und Jugendliche ... in den vergangenen Jahrzehnten durch Priester und Ordensleute der katholischen Kirche sexuell missbraucht worden" sind. Mindestens 2.200 Priester, Brüder und auch Schwestern würden als Täter und Täterinnen beschuldigt. Dieser Verantwortung müsse sich die Katholische Kirche in Deutschland insgesamt stellen: "Wir appellieren an die Delegierten des Synodalen Weges, dies bei Ihren Beratungen in der kommenden Woche zu thematisieren."

Orden sollen kooperieren oder Status entzogen bekommen

Die Orden müssten sich bereit erklären, an der Aufklärung und Aufarbeitung der dunklen Aspekte ihrer Vergangenheit mitzuwirken. Sollten sie sich einer Aufklärung verweigern, müsste ihnen der Status von Körperschaften öffentlichen Rechts entzogen werden. Wenn jetzt nicht gehandelt werde, "dann verpassen wir die vielleicht letzte Gelegenheit, dieses Kapitel deutscher Zeitgeschichte aufzuklären", so der Eckige Tisch.

Außerdem fordert der Eckige Tisch, dass der Bundestag möglichst rasch eine unabhängige Untersuchungskommission zum Thema einsetzt, damit die Aufklärung nicht allein den "Organisationen der Täter" - also den Orden - überlassen wird. Darüberhinaus müssten auch verarmte Orden den Opfern eine angemessene Entschädigung zukommen lassen - notfalls müsse hier die "reiche" katholische Kirche einspringen.

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Mehr als 1.400 Opfer, rund 650 mutmaßliche Täter - das ist das Ergebnis einer Umfrage unter den katholischen Orden in Deutschland zum Thema sexueller Missbrauch in den Einrichtungen von Mönchen und Nonnen. Die Reaktionen sind gemischt.

Missbrauch: Aufarbeitung und Entschädigungen

Die Vorsitzende der Ordensobernkonferenz kann sich zur Aufarbeitung wissenschaftliche Studien, so wie es sie in Ettal gab, vorstellen. Wie die aussehen sollte, dafür gibt es schon ein Vorbild in der katholischen Kirche: Im Sommer hatte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes Wilhelm Rörig, eine entsprechende Vereinbarung mit der Bischofskonferenz unterzeichnet. Allerdings sei die nicht einfach auf die Orden übertragbar, sagt Abt Markus Eller aus Scheyern, der im Auftrag der Orden die Verhandlungen mit den Bischöfen beobachtet. "Die Grenzen sind sicher da, was an Mitarbeitern zur Verfügung steht und der finanzielle Rahmen. Wir haben keine Behörden, keine Stabsstellen wie die Ordinariate, sondern das machen die Ordensgemeinschaften selber. Also nicht, dass wir etwas unterschreiben, was wir nicht halten können. Das wäre sehr peinlich."

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Zehn Jahre hat es gebraucht für diese Umfrage - auch das ist ein Skandal. Eine wissenschaftliche Studie steht aus. Viele Orden geben an, sie hätten dafür kein Geld. Kloster Ettal gilt dagegen als Vorbild in der Aufarbeitung.

Einheitlich dagegen soll die Entschädigung der Betroffenen von Missbrauch in der katholischen Kirche geregelt werden. Etwa die Hälfte der Opfer bei den Orden erhielt bereits Geld, insgesamt rund 4,3 Millionen Euro. Das könnte noch deutlich mehr werden, wenn man sich am neuen Rahmen der Deutschen Bischofskonferenz orientiert. Hier werden Summen von bis zu 50.000 Euro pro Opfer genannt.

© BR/Christian Wölfel

Mehr als 1.400 Kinder und Jugendliche sind in Einrichtungen katholischer Orden missbraucht worden. So eine Umfrage der Deutschen Ordensobernkonferenz. Ein Opferverein nennt die späte Umfrage einen Skandal und fordert eine konsequente Aufarbeitung.

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