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© Audio: BR / Foto: Rudolf Schmitz
Bildrechte: Rudolf Schmitz

Die Ausstellung "Umbruch" in der Kunsthalle Mannheim

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"Umbruch" in der Kunsthalle Mannheim

Seit 2019 ist Johan Holten neuer Leiter der Kunsthalle Mannheim. Mit der Ausstellung "Umbruch" zeigt er, wo es langgehen soll: Dabei revidiert er nicht nur den Kanon der Neuen Sachlichkeit, sondern zeigt auch Installationen jüngerer Künstlerinnen.

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Von
  • Rudolf Schmitz

Das Umkrempeln, auf den Kopf stellen, das Revidieren des Kanons – das ist derzeit ein großer Trend in der deutschen Museumslandschaft. Und der dänische Kunsthallenleiter Johan Holten macht da keine Ausnahme. Es gibt in dieser Mannheimer Ausstellung eine Videoarbeit, die diesen Umbruch wie keine zweite zum Ausdruck bringt. Clément Cogitore inszeniert auf Einladung der elitären Pariser Oper eine Barockoper und überrascht das Publikum, indem er ganz neue Typen von Tänzern auf die Bühne holt, sagt Jophan Holten: "Das sind Straßentänzer aus den Banlieus, aus dem Hip-Hop-Milieu." Diese Tänzer mit dem Krumping-Tanzstil haben mitten auf der Bühne der Pariser Oper eine Barock-Oper-Musik inszeniert. Dann entsteht ganz plötzlich etwas Magisches. Indem Cogitore anderen die Bühne überlässt, mischen sich zwei soziale Sphären, die schon existierten in der Stadt, aber eigentlich fast nie miteinander in Berührung kamen. "Und daraus entstand dieser magische Moment des Neuen", sagt Holten.

Dieser Clash of Cultures, dieser Zusammenstoß der Kulturen, ist tatsächlich sehenswert und mitreißend. Doch Johan Holten, ein temperamentvoller, schlanker Mann, Anfang Vierzig, möchte diese Arbeit nicht als Indiz für seine Tänzervergangenheit verstanden wissen. Aufmerksamkeit für Performance, für Körperkunst – na klar. Aber das soll die Zukunft der Mannheimer Kunsthalle nicht dominieren: "Ich sehe das nicht als einen besonderen Schwerpunkt von mir, es ist ein Ausdrucksmittel unter vielen und ich möchte diese Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksmittel noch stärker in unserer Sammlung, unserem Ausstellungsprogramm in der Zukunft verankern. Und da ist Tanz eben eins von diesen Ausdrucksmitteln."

© Rudolf Schmitz
Bildrechte: Rudolf Schmitz

Die Installation "Mannheimer Resonanzraum" von Nevin Aladag

Mit einer Installation hat Nevin Aladag, eine in Deutschland aufgewachsene Künstlerin mit türkischen Wurzeln, einen "Mannheimer Resonanzraum" gebaut. Instrumentenartige Objekte, eingebaut in den vier Ecken, sollen, von Musikern zum Leben erweckt, spezifische Mannheimer Geräusche hervorbringen. Zum Beispiel ein Glockenspiel, sagt Johan Holten: "Und besonders über den Teppichteil auf dem Boden bin ich sehr glücklich, eine sogenannte "social fabric"-Arbeit von Nevin Aladag, in der orientalische mit normaler deutscher Auslegeware sich verknüpfen. Und bei dieser Arbeit ist es per Zufall dazu gekommen, dass es in Quadraten ausliegt, was für die Quadratenstadt Mannheim nicht unerheblich wichtig ist."

Vergessene Künstlerinnen

Mannheim, in der Barockzeit geometrisch angelegt, ist auch die Geburtsstadt der Neuen Sachlichkeit, einer nüchtern realistischen Malrichtung der 1920er-Jahre. Die entsprechende großartige Sammlung hat Johan Holten nun durch drei Künstlerinnen bereichert, die damals vergessen wurden: die Berlinerin Jeanne Mammen, die Hamburgerin Anita Rée, die Heidelbergerin Hanna Nagel.

Das soll keineswegs als Kritik an der mutigen Leistung der berühmten Ausstellung von 1925 verstanden werden. Aber heute, so Johan Holten, fragen wir eben: Wer wurde ausgewählt? Wer wurde vergessen? Und alle drei Künstlerinnen haben nun wirklich genug Qualität zu bieten.

Für Hanna Nagel ist vor allem das Thema der Gleichberechtigung zentral. Von ihr zeigt Johan Holten vor allem eindrucksvolle Papierarbeiten: "Sie hat aus Wut über die ausbleibende Karriere nach dem Krieg, nachdem es in den Zwanzigerjahren ihr gut gegangen war, denn auch viele, viele Werke zerstört." So sind heute überhaupt nur zwei Leinwandarbeiten von ihr übrig, der Rest sind Papierarbeiten, von denen es einige in der Sammlung gibt. "Andere haben wir von der Tochter ausgeliehen, die als betagte Frau heute in Karlsruhe lebt, aber die sich sehr über die Würdigung ihrer Mutter freut", sagt Holten.

"Umbruch" ist eine Ausstellung, die Spaß macht, die Augenmaß verrät und für die Zukunft der Mannheimer Kunsthalle zuversichtlich stimmt. Und nicht zufällig präsentiert Johan Holten das Ganze mithilfe eines großen Baugerüstes. Es bildet unfertige Räume und lässt immer wieder seine Metallstreben, seinen vorläufigen Charakter erkennen. "Die Ausstellungsarchitektur ist vielleicht etwas ungewöhnlich, weil ich wollte zeigen, wie alles ja ein Aufbruch, ein Umbruch zu einer noch nicht festgeschriebenen Geschichte ist", sagt Holten.