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Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt | BR24

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Die Schriftstellerin Ulrike Edschmid

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Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt

Ein Fall, eine Querschnittslähmung. Eine Sekunde der Unachtsamkeit, der falschen Bewegung – und nichts ist mehr so, wie es vorher war. Unverschuldet selbst schuld am Missgeschick, das so unversehens zum Schicksal wird! Von Barbara von Becker

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Wahrlich eine Fallhöhe von tragödienhaftem Ausmaß, die Ulrike Edschmid da an den Beginn ihres Romans setzt. Die größte, anzunehmende Herausforderung, Aufgeben oder Standhalten? Aber zu welchem Preis?

Wechselbad der Gefühle

Mit minutiöser Genauigkeit und Einfühlung beobachtet und beschreibt die Autorin den nun einsetzenden und fortwährenden Kampf um die Rückeroberung eines Lebens in größtmöglicher Selbstbestimmung. Das uns Selbstverständliche von Bewegungsabläufen und simplen Koordinationen muss mühsamst eingeübt werden, kann auf kein motorisches Gedächtnis zählen. Der Mann – sein Name und der Name der Frau bleiben in diskreter Anonymität – fordert seinen Körper bis zum Äußersten heraus. Was die Ärzte erst für unmöglich erachten: Es gelingt ihm mit unendlichen Mühen den aufrechten Gang zumindest in quälender Langsamkeit, gestützt auf Krücken und Arme, gelehnt an Wände und Zäune zu bewältigen.

Jeder Zentimeter ein Meilenstein

Dennoch läuft das sogenannte normale Leben weiter. Das Wohnhaus, in dem die das Paar lebt, steht in Berlin-Charlottenburg. Noch schreibt man das Jahr 1986. Unten im Haus ist ein spanisches Restaurant, der einzige Mieter, der außer dem Mann und der Frau die Zeitläufte bis in unsere Gegenwart überdauern wird. In einer Etage sind Iranische Oppositionelle eingezogen. Der Fall der Mauer spült Roma-Flüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien ins Haus, später russische Neureiche. Das Tempo, das Klima der Stadt verändern sich. Das Buch spiegelt den Wandel, die Umbrüche, nur der Mann und die Frau verharren an ihrem Platz, mit der ihnen gemäßen Geschwindigkeit.

Der Tag wird zum Abenteuer

Der Mann fährt schon längst jeden Morgen selbst mit dem Auto in die Büroetage in Kreuzberg, wo er als Urbanist an Plänen zum Erhalt alter Wohnviertel, einem Konzept der behutsamen Stadterneuerung arbeitet. Die Geschichte vom Fall wird zur Fallstudie, wie sich Leben meistern lässt. Wie einer aus dem anfänglichen „Gefängnis seines Körpers“ täglich neu ausbricht in ein Leben voller unscheinbarer Siege und großer Niederlagen. Ein großes, Mut machendes „Ja“ zu diesem Leben. Ulrike Edschmids Roman "Der Mann, der fällt" ist für 20 Euro bei Suhrkamp erschienen.