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Der ukranische Schriftsteller Juri Andruchowytsch

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Ukrainische Schriftsteller über die Situation im Land

Ukrainische Schriftsteller über die Situation im Land

Beim Literaturfest München ist der Ukraine-Krieg in diesem Jahr das bestimmende Thema. Hier wird ukrainischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern eine besondere Bühne gegeben.

Ukrainische Schriftstellerinnen und Schriftsteller schildern in ihren Texten nicht nur den tristen Alltag ihres Landes, das sich seit 2014 mit einem brutalen Angriffskrieg konfrontiert sieht, sie reisen zu Lesungen an und erzählen auch wie sie selbst eingezogen und an die Front geschickt wurden.

Was machen solche Erfahrungen mit einem? Inwiefern verändert ein Fronteinsatz die Wahrnehmung? Verändert sich die Sprache? Wird der Ton zynisch oder zornig, oder schlägt manchmal auch eine zärtliche Sehnsucht durch, nach Frieden und früheren Zeiten?

Besondere Begegnungen auf dem Literaturfestival

Der neue Roman muss noch warten. Das erste Kapitel habe er am 20. Februar abgeschlossen, erzählt Juri Andruchowytsch, einer der Gäste des Münchner Literaturfestes. Vier Tage später begann der russische Krieg. Seitdem äußert sich Andruchowytsch, zu Hause in Iwano-Frankiwsk, im Westen der Ukraine, beständig zur aktuellen Situation, wirbt für die Unterstützung seines Landes, auch mit schweren Waffen. In diesem Herbst ist er mehrfach in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs, stellt sein aktuelles Buch "Radio Nacht" vor. Wie viele seiner Landsleute blickt auch er auf den nahenden Winter.

"Jetzt müssen wir mit diesen natürlichen Umständen rechnen," sagt er. "Uns interessieren die Temperaturen im Winter. Uns interessieren die Möglichkeiten der Infrastruktur – uns ein bisschen zu wärmen, ein bisschen mehr Licht uns zu geben".

Was heißt es im Krieg zu leben?

Es sind oft nebensächliche Bemerkungen, kleine Episoden, die deutlich machen, was es heißt, im Krieg zu leben - leben zu müssen. Andruchowytschs Tochter Sofia, ebenfalls Schriftstellerin, ist dieser Tage ebenfalls in München zu Gast. Sie wohnt mit ihrer Familie in Kiew.

Jeden Tag, berichtet Sofia Andruchowytsch, gebe es dort mehrfach Luftalarm, immer wieder werde die Stadt von der russischen Armee bombardiert – Häuser werden zerstört, Menschen sterben. Dazu kommen, seit den gezielten Angriffen Russlands auf die Infrastruktur, Stromausfälle, oft für mehrere Stunden. "Verglichen mit dem Sterben sind das kleine Unannehmlichkeiten," sagt sie. "Wir können uns damit irgendwie arrangieren. Jetzt geht es darum, genügend innere Ressourcen zu haben – für dich selbst, deine Freunde, deine Liebsten – und weiter zu leben".

Andruchowytsch, die in der Ukraine eine Romantrilogie zur Geschichte des Landes im 20. Jahrhundert veröffentlicht hat, schreibt seit dem Frühjahr Essays in tagebuchartiger Form. Sie will alles festhalten, was sie in dieser Situation erlebt oder auch hört, etwa dann, wenn sie den Gesprächen von Frauen an der Bushaltestelle folgt.

Schreiben im Krieg

Auch Andruchowytschs Kollege Artem Chapeye schreibt, wenn überhaupt, allenfalls kurze essayistische Texte. An Literatur sei derzeit nicht zu denken, sagt der Schriftsteller. Im Frühjahr hat sich Chapeye zum Militärdienst gemeldet und dient nun in der ukrainischen Armee. Er verteidigt sein Land. Und damit auch die Freiheit Europas.

Im Augenblick ist nicht absehbar, wie lange der russische Angriffskrieg noch dauern wird, trotz der schrittweisen Rückeroberung einzelner Regionen durch die ukrainische Armee. Juri Andruchowytsch ist der Überzeugung, ein Frieden sei erst dann möglich, wenn die russischen Invasoren vollständig das Land verlassen haben. Oder anders gesagt: mit einem Sieg der Ukraine.

Kein falscher Frieden

Laut seinen Aussagen, zeigten Umfragen, dass 90 Prozent der Ukrainer eine andere Form des Friedens nicht akzeptieren würden. Dafür nähmen sie all die Herausforderungen ohne Licht, Heizung, Internet oder Mobiltelefonie zu leben, hin. Denn sie wollten keinen 'falschen Frieden' erreichen und keine falschen Zugeständnisse, wie Andruchowytsch betont. Auch wenn diese Punkte für die westliche Wahrnehmung wohl oft schwer nachzuvollziehen seien.

Vielleicht, so eine vage Hoffnung des Schriftstellers, rücke ein solcher Frieden ohne Zugeständnisse im kommenden Frühjahr näher. Aber das ist im Augenblick Spekulation. Was jetzt klar ist: Den Menschen in der Ukraine steht ein harter, fordernder Winter bevor. Sie seien auch deshalb weiter auf die Solidarität Europas angewiesen, sagen Juri Andruchowytsch und andere seiner Kolleginnen und Kollegen. Gleichzeitig betonen sie immer wieder, wie dankbar sie sind für die bisherige Unterstützung ihres Landes.

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