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Kriegsszene aus Saporischschja

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Ukraine - der erste "TikTok-Krieg"?

Jeden Tag werden in der Ukraine tausende TikTok-Videos hochgeladen. Zu sehen sind Kampfhandlungen, immense Zerstörungen und das Leid des Kriegs, aber auch der Alltag der Menschen. Welche Rolle spielt TikTok für unsere Wahrnehmung des Ukraine-Kriegs?

TikTok, so wie es viele kennen: 20- oder 30-sekündige, harmlose Videos, etwa von Komiker Khaby Lame oder Influencerin Charli D’Amelio. Den beiden folgen jeweils rund 150 Millionen Menschen. Aus der Ukraine kommen meist ganz andere TikTok-Videos zu uns. Zu sehen sind Alltagsszenen aus einem geschundenen Land: Eine hilflose alte Frau, die weint und von einem herbeieilenden Soldaten getröstet wird. Der Gang mit der subjektiven Kamera durch ein zerbombtes Haus, hier hat jemand seine Existenz verloren. Ukrainische Soldatinnen, die vor der Handykamera posen und zeigen: auch wir Frauen kämpfen für die Unabhängigkeit unseres Landes. Auf einem anderen Video ist eine Frau zu sehen, die an einem von Kugeln durchsiebten Gartenzaun steht und die Einschusslöcher mit großen Sonnenblumen verziert – ein Bild der Hoffnung auf bessere Zeiten.

Bilder erinnern an die Spieler-Perspektive bei Egoshooter

Aber dann sind da auch die Videos mit dem Blickwinkel aus Kameras auf den Helmen von Soldaten. Bilder, die an die Spieler-Perspektive bei Ego-Shooter erinnern, aber brutal real sind und verstören können: heftiges Maschinengewehrfeuer, Häuserkampf, brennende Militärfahrzeuge, Zerstörung, Tod.

Der Hamburger Kommunikationswissenschaftler Marcus Bösch beobachtet eine ganz unmittelbare und direkte Wirkung der Videoclips auf die Betrachter. Schließlich fehle die Filterung durch traditionelle Medienunternehmen. "Auf der einen Seite bin ich viel involvierter - und auf der anderen Seite bin ich vielleicht aber auch nicht so gut in der Lage, Abstand zu nehmen und die Situation richtig einschätzen zu können", sagt Bösch, Kommunikationswissenschaftler an der HAW Hamburg. Er forscht zu Desinformationskampagnen. Ein Schwerpunkt: die Social-Media-Plattform TikTok.

"Ein multiperspektivisches, kunterbuntes Treiben"

Sowohl die russische als auch die ukrainische Seite nutzen TikTok als Plattform, um die Wahrnehmung des Konflikts zu beeinflussen. Die Flut an TikTok-Videos lässt sich kaum auf ihren jeweiligen Wahrheitsgehalt überprüfen. "Da kommen sowohl menschliche Moderatoren als auch algorithmische Kontrollinstanzen kaum noch hinterher“, sagt Bösch und beschreibt die Videos aus dem Ukraine-Krieg als ein "multiperspektivisches, kunterbuntes Treiben", mit authentischen First-Hand-Informationen, aber auch mit bewussten Versuchen der Desinformation.

Heroisch, traurig, trotzig

Wer sich einen Nachmittag lang durch TikTok-Videos aus dem Ukraine-Krieg geklickt hat, gewinnt viele persönliche, unmittelbare und oft berührende Eindrücke aus einem Land mitten im Krieg. Eine besondere Rolle spielt die Musik, die in den meisten Videos unterlegt ist und die nicht selten die Wirkung beeinflusst. Mal klingt es heroisch, dann traurig, trotzig, aber auch lustig. Die ausgewählte Musik – für die oft jungen TikTok-Filmerinnen und -Filmer möglicherweise auch ein Weg, um ihre Situation zu bewältigen.

Schon ist die Rede vom ersten "TikTok-Krieg". Schon früher gab es militärische Konflikte, in denen Massenmedien eine entscheidende Rolle spielten. So etwa der Vietnamkrieg, der als erster Fernsehkrieg in die Geschichtsbücher einging, nicht zuletzt, weil die Bilder vom Sterben in Vietnam die öffentliche Meinung in den USA stark beeinflussten. Der Irak-Krieg im Jahr 2003 war der erste Konflikt, in dem vor den Augen der Weltöffentlichkeit live gekämpft und live gestorben wurde. Tatsächlich, so TikTok-Experte Marcus Bösch, gebe es mit der Social-Media-Plattform "viel mehr audiovisuelles Material direkt aus dem Kriegsgebiet, als wir das jemals zuvor hatten."

Digitale Feldpost

Das liegt nach Einschätzung von Bösch auch daran, dass Präsident Wolodymyr Selenskyj die TikTok-Userinnen und –User als eine Gruppe angesprochen hat, die mithelfen könne, den Krieg zu beenden. Fazit Böschs: Die Relevanz von TikTok sei besonders zu Beginn der Invasion im Februar 2022 hoch gewesen, aber jetzt sei sie es auch noch.

Sicherlich treiben die vielen privaten ukrainischen TikTok-User und -Userinnen unterschiedliche Motive an, warum sie Videos aus den Todeszonen des Ukraine-Krieges posten. Die Menschen im sicheren Westeuropa können dadurch ganz ungefiltert Augenzeugen eines verbrecherischen Krieges werden, nehmen die Bilder vielleicht als Hilfeschreie wahr. Oder einfach als Botschaft der TikTok-Userinnen und -User an ihre Familien, Freunde und Follower: ich lebe immer noch! Eine Art digitaler Feldpost.

Bildrechte: BR

Auf TikTok erleben wir zum Teil Live-Gefechte vom Krieg in der Ukraine.

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