BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Über das verkrampfte Verhältnis der Kirchen zum Tanz | BR24

© colourbox.com

Tanzende Nonnen sieht man ziemlich selten. Warum eigentlich?

Per Mail sharen

    Über das verkrampfte Verhältnis der Kirchen zum Tanz

    Tanzende Nonnen? Fehlanzeige! In Klöstern und Kirchen wird das Tanzbein eher nicht geschwungen. Dabei gibt es in der Bibel einschlägige Stellen, die zum Tanzen animieren. Woher kommt also das verkrampfte Verhältnis der Kirchen zum Tanz?

    Per Mail sharen

    "Singt dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben." So zitiert das Alte Testament die Prophetin Mirjam. Die Israeliten sollen singen, weil Gott sie vor den Ägyptern gerettet hat. Und nicht nur das, denn wie es heißt, ziehen Mirjams Hörer sogar "mit Paukenschlag und Tanz hinter ihr her". Eine Polonaise also zum Lobpreis Gottes – zum Gottesdienst, wenn man so will. Und das in einem Bibeltext, der Wissenschaftlern zufolge zu den ältesten der Heiligen Schrift gehört.

    Spott nach Tanzauftritt im Gottesdienst

    Damit zählt auch das Tanzen zu den ältesten Ausdrucksformen der Bibel. In der Kirche scheint das aber längst vergessen. Der Balletttänzer Clemens Fröhlich hat das bitter erfahren müssen. Nach einer Tanzperformance in der Augsburger Moritzkirche hagelte es Kritik: "Erotik-Prinz" und "Homo-Peinlichkeiten" spottete etwa das konservative Nachrichtenportal kath.net über die Performance, in der Clemens Fröhlich tänzerisch den Propheten Jeremia darstellen sollte. Der Profi-Tänzer, der inzwischen am Stuttgarter Ballett engagiert ist, hatte zuvor noch nie in einer Kirche getanzt.

    "Ich habe die Kirche vorher angeschaut. Es ist wirklich eine schöne Kirche. Sie ist sehr minimalistisch, klar, hat wunderschönes Licht. Und dann kamen schon die ersten Ideen – ich sollte ja den Propheten Jeremia darstellen und dass Jeremia verspottet wurde, dass er es nicht einfach hatte." Clemens Fröhlich

    Für Clemens Fröhlich dann die bittere Parallele: Auch seine Inszenierung vor und nach der Lesung aus dem Jeremia-Buch erntete Spott und Unbill. Auf kath.net war auch von "liturgischem Missbrauch" und "laszivem Räkeln vor dem Altar" die Rede; die Empörung groß über eine angeblich "eindeutig homophile, ja, homoerotische Veranstaltung in einer geweihten Kirche". Fröhlich trat oberkörperfrei auf – wie er sagt ein Kunstgriff, der bei all der Skandalisierung völlig unter den Tisch fiel: "Ich musste das Leid des Jeremias darstellen, das Angreifbare – quasi ohne Waffen", sagt Clemens Fröhlich. "Da hätte kein anderes Kostüm gepasst."

    Verpönte Erotik und Leiblichkeit

    Nackte Haut hin oder her – schon das Tanzen allein ist in der Kirche weithin verpönt, sagt Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das gelte kulturgeschichtlich für beide Kirchen. "Tanz ist ja immer auch verbunden ist mit Leiblichkeit, mit Erotik, mit nicht mehr autoritär angeleiteter Sexualität zwischen Mann und Frau", so Claussen. Tanz steht also für etwas Verdächtiges, Unkontrolliertes, Sinnliches, das sich in einem Kirchenraum nicht schickt. Dabei sei es in biblischen Zeiten völlig normal gewesen, Gott tänzerisch zu preisen, sagt Claussen: "Tanzen hat damals eine große Rolle gespielt: Prozessionen, Umzüge in und um den Tempel herum waren immer mit tanzenden Bewegungen verbunden."

    "Tanzwut" wird kritisch beäugt

    Auch die Propheten und Prophetinnen hätten immer getanzt, wenn der Geist über sie kam. Dafür ist der Tanz ums Goldene Kalb wohl der prominenteste Beleg: Hier wird mit dem Volk Israel zwar scharf ins Gericht gegangen – aber nicht fürs Tanzen, sondern weil das Falsche umtanzt wird. In den beiden großen Kirchen sollte sich das Tanzen aber nicht durchsetzen, zumindest hierzulande. Selbst als die Deutschen anfingen nach dem ersten und zweiten Weltkrieg, ihr Tanzbein geradezu euphorisch zu schwingen.

    "Da sprach man von einer richtigen Tanzwut, einem Tanzwahnsinn, in dem sich die Leute ganz viel Luft verschafften", sagt Johann Hinrich Claussen. Einen schrecklichen Krieg überlebt zu haben, die völlige Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit – all das, meint Claussen, führte dazu, dass Menschen aus allen Schichten und Altersklassen hemmungslos dem Tanz verfielen: "Wie in einem Rausch. Und das hat gerade bei Pastoren und Priestern für Sorgenfalten gesorgt."

    © dpa/picture-alliance

    Tanzende Nonnen 2016 in Polen

    Tanzen spricht andere Sinne an

    Von der Tanzwut der Deutschen ist heute nicht mehr viel übrig geblieben, meint Antje Röckemann. Sie ist Pfarrerin im Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid - und leidenschaftliche Tänzerin:

    "Tanzen ist eine ganz wunderbare Möglichkeit, mich wirklich ganzheitlich auszudrücken und alles zusammenzubringen, was mich ausmacht - auch als Geschöpf Gottes mit all diesen Möglichkeiten, die ich habe. Das spricht einfach andere Sinne an als einfach nur das Wort." Antje Röckemann

    International betrachtet, sagt Röckemann, gebe es einige Kulturen, in denen im Gottesdienst viel häufiger getanzt würde. In Südamerika oder Afrika beispielsweise. Weil tanzen dort selbstverständlich zum Leben gehört. Die Deutschen hingegen seien sehr durch das Wort geprägt, meint Antje Röckemann:

    "Unsere Gesellschaft wertschätzt das Denken, das Wort stärker als Körperlichkeit. Bei Familienfesten zum Beispiel, wird gegessen ohne Ende, aber Tanzen gehört nicht dazu." Antje Röckemann

    Trotzdem hat die Pfarrerin erste Geh-, oder besser Tanzversuche, in ihrer Gemeinde gewagt. Mit ihrer Tanzgruppe entwickelte sie Bewegungen, die in den Gottesdienst passen und verschiedene Bibelstellen gestisch untermalen sollten: "Das kam richtig gut an", sagt Antje Röckemann. Auch der Balletttänzer Clemens Fröhlich hat damals bei seinem Auftritt in der Augsburger Moritzkirche keineswegs nur negative Kritik erhalten: Den Ordensschwestern habe sein Tanz gut gefallen, auch der Pfarrer fand ihn schön. Clemens Fröhlich jedenfalls fände es schön, wenn in der Kirche in Zukunft mehr getanzt würde.

    Wie offen sind die Kirchen?

    Wie offen die katholische Kirche dafür ist, ist fraglich. Schon unkonventionell gestaltete Online-Gottesdienste während der Corona-Zeit wurden teils als liturgischer Missbrauch kritisiert. Für die evangelische Kirche kann sich der Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen hingegen mehr Experimentierfreude vorstellen: "Das Tanzen", sagt er, "hat eine so tiefe, menschheitsgeschichtliche Bedeutung, dass es schade wäre, wenn wir nicht eine geeignete Form finden würden, das bei uns zu integrieren."