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Das Biopic "Mach dein Ding" kommt Udo Lindenberg sehr nah | BR24

© DCM Letterbox Gordon Timpen

Das eigene Leben in Panik-Color, mit allen Schikanen: In der Filmbiografie taumelt der Nuschelrocker durch den Hamburger Kiez

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Das Biopic "Mach dein Ding" kommt Udo Lindenberg sehr nah

Eine Filmbiografie in Torkel-Choreografie: Mit "Udo Lindenberg! Mach dein Ding" setzt Regisseurin Hermine Huntgeburth dem Panik-Rocker ein Denkmal. Weltsensationell ist sein Leben nicht, aber ein cooles Dokument deutscher Nachkriegsgeschichte.

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Im "Graugau von Gronau" fängt alles an. Im Münsterland, Westfalen, wo Udo Lindenberg schon als kleiner Junge trommelnd von einem leinwandreifen Leben träumt – so hat er es in seiner Autobiografie "Panikpräsident" bereits 2004 erzählt: "Ihr wisst schon. Das eigene Leben als Breitwand-Movie. In Panik-Color, in Technicolor und Dolby-Surround, mit allen Schikanen. Sowas hatte Hollywood noch nicht gesehen. Eine weltsensationelle Inszenierung."

Die Kindheit als Keimzelle des Panik-Rocks

Weltsensationell ist die Inszenierung der frühen Jahre Lindenbergs nicht. Aber Hermine Huntgeburth – die Regisseurin trägt denselben Vornamen wie die Mutter Lindenbergs, was für Udo ein gutes Zeichen gewesen sein mag – wählt für ihren Film den genau richtigen Ansatz: Sie konzentriert sich auf den Werdegang des Künstlers als junger Mann. Kindheit und Jugend als Keimzelle: der Vater ein Klempner, der mit reichlich Doppelkorn intus und im Frack daheim im Wohnzimmer imaginäre Orchester dirigiert wie Votan Wahnwitz und seinen Sohn auf der Verliererstraße wähnt so wie sich selbst. Charly Hübner verkörpert ihn so wuchtig wie liebevoll. Doch Udo, der "kleine Matz", will raus aus all dem. Der Weg, den er geht, ist der der Musik. Doch, meint Lindenberg: "Der Junge in Gronau, der auf Entdeckungsreise gegangen ist, stirbt ja nicht einfach weg. Ich achte darauf, dass er mir nicht verloren geht."

© DCM Letterbox Sandra Hoever

Schon früh ist klar: Udo Lindenberg wird den Weg der Musik gehen – Schauspieler Jan Bülow performt "Andrea Doria"

Diese turbulente Entdeckungsreise setzt Huntgeburth in durchweg stimmige Bilder. Sie lässt den Zuschauer in Lindenbergscher "Torkel-Choreografie" mit ihrem Helden, den Jan Bülow vollkommen überzeugend gerade nicht als platte Kopie des Nuschelrockers anlegt, durch den Hamburger Kiez taumeln, springt in der Chronologie vor und zurück, ohne dass dies stören würde. So mancher Fan wird seine bisherige Lesart großer Songs überdenken: "Ich zieh' meinen Hut" ist diesem Film zufolge eine einzige große Liebeserklärung an Lindenbergs Mutter, die Julia Jentsch spielt.

Jodeln in der Sprache von Goethe, Leichtmatrosen und Luden

Nur ein Ignorant wird verkennen, wie entscheidend es für Udo Lindenberg war, in seiner Sprache zu singen, was verpönt war, galt Deutsch doch als "Sprache der Täter". "Aber es ist die Sprache, in der ich träume, in der ich denke und in der wir alle reden", sagt er Anfang der 70-er in einer der verqualmten WG-Diskussionen, als man ihm weismachen will, er dürfe nur auf Englisch singen. Deutsch, das sei dem Schlager, der Schmonzette vorbehalten. Lindenberg sieht das zum Glück anders: "Es war ein Kraftakt, eine kurze Kraulstrecke steil bergauf. Und alle kamen mir entgegen, leichtfüßig mit dem Strom schwimmend, und riefen: Ey, gib auf, es gibt keinen deutschen Rock'n'Roll! Ich schloss die Ohren und wusste: Du schaffst es. Ich war mir jetzt ganz sicher. Ich würde in der Sprache von Goethe und Herder, Leichtmatrosen und Luden jodeln. Weil nur die eigene Sprache singen konnte, was die bizarre Seele bewegt."

© DCM Letterbox Gordon Timpen

Immer schön cool bleiben: Von einer Filmbiografie hat Udo Lindenberg schon immer geträumt

"Udo Lindenberg! Mach dein Ding" ist eine sentimentale Reise – zurück in eine Zeit, in der noch nicht der Glaube an Instant-Stars grassierte: Manager von Konzernen, wie Detlev Buck hier einen gibt, hatten noch einen langen Atem, meint Lindenberg: "In den 70ern gab es auch in Plattenfirmen noch Menschen aus Fleisch, Blut und sieben Sinnen, da gab es noch Typen, die ohne Marketing-Analyse und Rückversicherung beim obersten Boss meinten: Ich spüre das in der Nebenniere, der Typ hat was. Kann es zwar nicht beschreiben, aber der riecht nach Gold und Platin. Und wenn es wie bei mir nicht sofort abging, zählten sie das verlorene Geld und verdoppelten den Einsatz. Heute produzierst du als Beginner maximal einen Flop, dann spielst du auf der Heimorgel auf Goldenen Hochzeiten."

Ein Film, der Udo Lindenberg sehr nah kommt

Dieser Kino-Film kommt Udo Lindenberg sehr nah, und das ist keine geringe Leistung der Regisseurin. "Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu", diesen Satz Ödön von Horváths zitiert Udo Lindenberg nicht von ungefähr sehr gern. Hermine Huntgeburth gelingt es auf einfühlsame Art und Weise, den 73-jährigen Mann hinter der Maske aus Brille und Hut deutlich werden zu lassen.

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