Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Wie Andy Warhol zum Helden eines großen Comics wurde | BR24

© Bayern 2

Andy Warhol gehört zu den einflussreichsten Künstlern der Nachkriegszeit. Nach Büchern und Filmen gibt es jetzt einen riesigen Comic über sein Leben und sein Werk. Typex aus Amsterdam hat das "Factual Fairytale" gezeichnet.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wie Andy Warhol zum Helden eines großen Comics wurde

Andy Warhol gehört zu den einflussreichsten Künstlern der Nachkriegszeit. Nach Büchern und Filmen gibt es jetzt einen riesigen Comic über sein Leben und sein Werk. Typex aus Amsterdam hat das "Factual Fairytale" gezeichnet.

Per Mail sharen
Teilen

Typex' großes Comic-Buch "Typex's Andy: A Factual Fairytale" führt zu einem der magischen Augenblicke in der großen Geschichte des Pop: Die Musik, die so anders, so neu klingt. Laute Gitarren, eine verzerrte Viola, ein schleppender, doch beständig treibender Rhythmus. Lärm und Energie, Musiker, die mit dem Rücken zum Publikum spielen und sich als die Avantgarde inszenieren. Eines der ersten Konzerte der New Yorker Band The Velvet Underground. Im Publikum Andy Warhol, einer der wenigen, der das Potential der damals jungen Band um Lou Reed und John Cale erkennt. Und einer der wenigen an diesem Abend, der ihre Musik mag. Warhol produziert schließlich das Debüt-Album von The Velvet Underground, die berühmte Platte mit der ebenso berühmten Banane.

"Die Tatsache, dass Andy die erste Platte der Velvets produziert hatte, war für mich einer der ersten Beweggründe überhaupt, ein Buch über ihn zu machen", sagt der Comic-Zeichner Typex im Interview. "Dieser Teil meiner Biographie beginnt auf dem Höhepunkt der Happy-Hippie-Zeit: Es ist der einzige Teil der Geschichte, in der Andy einmal nicht in New York ist. Er bricht auf an die Westküste. Es ist der Sommer der Liebe. Doch Velvet Underground haben damit überhaupt nichts zu tun. Ich würde sagen: Ihnen ging es um den Hass, nicht um die Liebe. Und um einen ganz anderen Bereich des Lebens. Sie pfiffen auf die ganzen Happy-Hippie-Drogen. Sie bevorzugten Speed und Heroin. Und sie standen für die raue, dunkle Seite des Lebens. Sie haben keine schöne Musik gespielt. Sie haben Lärm gemacht."

Ein Comic verrückt und exzentrisch – wie Warhol selbst

In ein paar Tagen kann man die Geschichte von Velvet Underground und Andy Warhol als Comic lesen. Und nicht nur die: Der in Amsterdam lebende Zeichner Typex erzählt Warhols Leben in einem großen Comic-Buch, auf fast 600 Seiten. Ein Bilderrausch, dicht, flirrend, exzessiv, das Resultat einer fünfjährigen Beschäftigung mit Warhols Leben und Werk. Am Stück im Grunde unlesbar, weshalb der voluminöse Band aus zehn einzelnen Comic-Alben besteht. Auf dem hinteren Einband gibt es ein Hinweisschild: Man möge, für ein größtmögliches Lesevergnügen, nicht mehr als ein Kapitel auf einmal lesen. Das sollte man ernst nehmen. Denn Typex' Buch ist keine brave und brav gezeichnete Künstler-Biographie. Der Riesencomic ist exzentrisch und verrückt – wie Warhol selbst.

"Auf der einen Seite hat er sich als Künstler unsichtbar gemacht", betont Typex. "Auf der anderen war er in den Medien unglaublich präsent. Das eine kann man nicht vom anderen trennen. Und es gibt auch einen Part seiner Biographie, den man leicht übersieht: die emotionalen Kämpfe. Das ist auch Teil der Kunst und des Künstlers. Und das will ich den Leuten zeigen. Er ist kein widerlicher Mensch. Und er ist ebenso wenig ein Hexenmeister, der alles verzaubert. Er ist ein ganz normaler Mensch. Oder besser: ein ungewöhnlicher Mensch mit normalen und zugleich mit unnormalen Ängsten. Ebenso hatte er einen ungewöhnlich großen Sinn für Humor. Ich wollte das ganze Bild zeichnen. Gut, das will jeder Biograph. Das Problem mit Biographien ist nur: Sie wollen das so gut machen. Dabei kann es aber leicht passieren, dass das Thema verfehlt wird. Es gibt so vieles, was wir nicht wissen können – und was auch Andy nicht über sich wusste. Du solltest die Menschen selber urteilen lassen, wenn du – gestützt auf die Fakten – ein Leben ausmalst."

© (c) Roy Tee/Carlsen

Fünf Jahre unterwegs im Kunst-Universum von Andy Warhol: Der Amsterdamer Comic-Zeichner Typex.

Typex – geboren 1962 als Raymond Koot in Amsterdam – zeichnet seit bald 40 Jahren Comics. Er war in der niederländischen Untergrund-Szene tätig, arbeitete als Illustrator für Zeitschriften, unter anderem für das britische Mojo-Magazin. Die Geschichte des Pop, nicht nur aus musikalischer Perspektive, ist eines seiner Lieblingsthemen. Ebenso die Geschichte der Kunst. 2013 veröffentlichte er ein Comic-Buch über Rembrandt, eine Arbeit, die das Amsterdamer Rijksmuseum in Auftrag gegeben hatte. Die Biographie des Alten Meisters machte den Zeichner international bekannt. Dann folgte der Sprung vom Goldenen Zeitalter ins 20. Jahrhundert, zum Leben und Werk eines Künstlers, dessen Biographie in die eigene Lebenszeit führt. Warhol ist allgegenwärtig. Vielleicht ist das die Pointe seiner Kunst.

"Er hat auch unseren Blick auf die Kunst – und ebenso auf die alltäglichen Dinge – verändert", erzählt Typex. "Du kannst heute nicht mehr eine Suppendose anschauen, ohne an Andy zu denken. Bananen sind ebenfalls suspekt. Und er hatte einen großen Einfluss auf unsere heutige Lebensweise. Die ganze Selfie-Kultur, die Preisgabe des Privaten. Das alles wurde durch Andys Welt geprägt. Sein Einfluss ist heute womöglich noch größer als zu seinen Lebzeiten."

Kein Hofknicks vor König Andy

Typex blickt, bei aller Bewunderung, doch mit einer wohltuend kritischen Distanz auf den Überkünstler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auf dessen Bewegungen zwischen Pop-Art, experimenteller Filmkunst und kommerzieller Selbstverwertung. Das große „Factual Fairytale“ ist kein Hofknicks vor König Andy, vielmehr der Versuch, Höhen und Tiefen dieser Biographie gleichermaßen auszuloten. Einerseits erzählt Typex von der noch immer genialen künstlerischen Idee – man denke an die unendlichen Bilder der berühmtesten Tomatensuppe der Welt. Andererseits thematisiert der zeichnende Biograph auch die Kehrseiten dieser ästhetischen Versuchsanordnung: Siebdruckporträts von Richard Nixon und Mao Zedong, ein lukrativer Auftrag für den Shah von Persien. Der Weg von der Kunst zum Kommerz ist durchaus klein.

"Etliche Leute sagen: Warhol war nicht wirklich ein Künstler." Typex erklärt, er sei da anderer Meinung. "Warhols Kunst ist so widersprüchlich, wie es nur geht. Es wäre wohl anders, wenn sie sich nur an drei, vier, fünf Leute richten würde. Sie sollten nicht vergessen, dass er auch eine Reihe von Filmen gedreht hat. Das ist ein großer Teil seines Werkes. Und die Filme waren ganz und gar nicht kommerziell. Ich liebe sie, vor allem ‚Sleep‘. Da schläft ein Mann. Vermutlich acht Stunden lang. Ein Teil des Materials ging bei der Produktion verloren. Der Film dauert fünfeinhalb Stunden. Und ich möchte niemandem die Freude am Plot verderben. Der Mann wacht nicht auf. Er schläft nur. Die Idee ist brillant. Denn es ist unmöglich, jemandem beim Schlafen zuzusehen. Der Film ist so sanft. Und ich glaube, es ist der einzige, den Andy ganz alleine gemacht hat."

Ein Leben in Widersprüchen

Gerne erzählt Typex über seine gut zweieinhalbjährigen Recherchen zum Leben und Werk von Andy Warhol, über die Besuche in den Museen und Archiven, über die Gespräche mit Wegbegleitern und Zeitzeugen, über bisweilen schwer zu ertragene Lektüren, etwa von den Tagebüchern des Künstlers. Typex zeigt nun den Menschen hinter der ikonographischen Figur in seiner ganzen Widersprüchlichkeit, verletzbar und verletzend, interessiert, egozentrisch, einnehmend, abweisend, einsam, brutal – beispielhaft zu verfolgen an der Geschichte der Beziehung mit Gerard Malanga, dem ersten Assistenten Warhols.

Einerseits waren sie Kollegen, Malanga begann als Siebdrucker in der Factory. Andererseits entstand eine immer größere Nähe zwischen den beiden – Warhols Mutter bezeichnete Malanga sogar als Andys kleinen Bruder. Typex zeigt diese Symbiose auf seinen vielen Bildern: Vertrautheit, Verbundenheit, Sympathie, bisweilen eine so große Ähnlichkeit. Den Bruch schließlich dokumentiert er am Beispiel von Postkarten. Malanga hat sie aus Europa geschickt, die Reise dorthin nahm ihm Warhol bitterübel. Es folgt ein abweisendes Porträt des Künstlers, die Augen zusammen gekniffen, in der Sprechblase der Entschluss, nie wieder mit Malanga zu reden.

Streifzug durch die Pop-Kultur

Daneben aber spielt die Zeit, die Lebenszeit, die Ära eines kulturellen Aufbruchs, eine eigene große Rolle. „Typex‘s Andy“, wie der jetzt in 13 Ländern erscheinende Comic heißt, ist auch eine Geschichte der Pop-Kultur. Das Figuren-Tableau ist riesig: Bob Dylan, Jimi Hendrix, Mick Jagger, Debbie Harry sind nur einige von ganz vielen. Für Typex gehören Künstler und Zeit zwingend zusammen.

"Das ist die Zeit, in der alles, was ich liebe, seinen Ursprung hat", erklärt Typex. "Der Comic, die moderne Kunst, der Film. Alles begann mehr oder weniger, als Andy geboren wurde. Er sprach seine ersten Worte, als der Tonfilm in die Kinos kam. Er steht für die populäre Kultur. Und er kann gleichzeitig einen speziellen Blick auf diese ermöglichen. Denn er hat die Populärkultur in seiner Kunst aufgenommen und sie zugleich in einer verdrehten Weise zurückgegeben. Er hat sich ständig umgeschaut, war auf der Höhe seiner Zeit. Er hatte ein großes Gespür für das, was passiert. Sein ganzes Leben lang blieb er ein interessanter Mensch und ein interessanter Künstler."

© (c) dpa

Auch die Banane gehört zu den bekanntesten Warhol-Motiven. "Und auch dieses ist suspekt", sagt der Comic-Zeichner Typex.

Kleine Comic-Geschichte

Zur thematischen Weite kommt eine besondere Form des Erzählens. Im Fall der Rembrandt-Biographie, erinnert sich Typex, ergab es keinen Sinn, einen Comic über diesen großen Künstler in leuchtendem Grün und fluoreszierenden Pink zu malen. Im Fall von Andy Warhol konnte er nun genau das tun. Und noch viel mehr. Die zehn Bücher der großen Biographie sind allesamt unterschiedlich gestaltet und erzählen so auch eine kleine Comic-Geschichte, beginnend in den sogenannten Goldenen Jahren, bei Figuren wie Dick Tracy – bei den Comics also, die Andy Warhol als Kind las. Jedes Kapitel hat einen eigenen Stil: Da zeichnet Typex in der Ästhetik der Pop-Art, in Anlehnung an die Porträts von Robert Rauschenberg.

Dann wiederum – in der Schilderung des Attentates auf Andy Warhol durch Valerie Solanas im Juni 1968 – arbeitet er quasi-dokumentarisch, verbindet reduzierte Panels mit Auszügen aus dem Manifest der Frauenrechtlerin, das alles auf knallrotem Untergrund: hart und brutal, wie die Zeit selbst. Das vorangehende Kapitel über „The Velvet Underground“ – „All Tomorrow’s Parties“ – zitiert Musikmagazine und zugleich die Flower-Power-Ästhetik der 60er Jahre. Man sieht Bilder der Happennings mit der Band, tanzende Körper, verzückt. Ebenso Straßenszenen aus San Francisco, aus dem Stadtteil Haight-Ashbury. Die Musiker – zusammen mit Warhol – als Fremde inmitten fröhlicher Hippies, dahinter gelbe Häuserwände. In einer Nachtszene schließlich steht kein Mond am Himmel. Sondern Warhols Banane. Eine von ganz vielen wunderbaren Bildideen.

Der große Comic-Band "Typex's Andy: A Factual Fairytale" erscheint am 30. Oktober im Carlsen-Verlag, in der Übersetzung von Cornelia Holfelder von der Tann.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Mehr Hintergrund? Das Kulturjournal als Podcast - hier abonnieren.