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Ausstellung "Two in One": Lars Eidinger und Erwin Wurm in Köln | BR24

© Courtesy Ruttkowski68 und König Galerie

Erwin Wurm Untitled

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Ausstellung "Two in One": Lars Eidinger und Erwin Wurm in Köln

Den Körper strapazieren beide: der Künstler Erwin Wurm in absurden Verrenkungen und Verkürzungen, Schauspieler Lars Eidinger in Exzessen, auch jenseits der Schmerzgrenze. Jetzt haben sie sich für die Kölner Ausstellung "Two in One" zusammengetan.

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Von
  • Iris Buchheim

Zu dem seltsamen Stillstand, der in unseren Pandemie-Zeiten außerhalb der Kliniken herrscht, passen die One Minute Sculptures des österreichischen Künstlers Erwin Wurm bestens: eingefrorene Bewegungen von Menschen, dokumentiert und festgehalten mit der Kamera. Erwin Wurm macht diese Kurzzeit-Kunstwerke allerdings schon seit fast 25 Jahren, und zwar meist zusammen mit seinen Ausstellungsbesucherinnen und -besuchern. Wer es wagt, den so kuriosen wie präzisen Handlungsanweisungen des Künstlers zu folgen, kann selbst zum Kurzzeit-Kunstwerk werden: Sich auf Orangen legen oder seine Beine verdreht durch Jackenärmel zwängen oder eben, wie jetzt Lars Eidinger: gekrümmt in Unterhose dastehen, mit Besen hoch aufragend über dem vom Pulli verdeckten Kopf. Oder mit dem Kopf, der auf einer Tischplatte ruht und einen Tennisball auf der Schläfe balanciert.

Stets sind die Haltungen seiner zu kurzzeitigen Skulpturen mutierten Besucherinnen verdreht und hochgradig unnatürlich. Ihr Witz ist, dass sie trotzdem spürbar um Haltung bemüht sind – und dabei alle mehr und weniger scheitern.

Lars Eidinger: Rollen wie Kostüme übereinander

Spätestens seit die Red Hot Chili Peppers 2002 in ihrem "Can't Stop"-Video Wurms groteske One Minute-Scultpure-Einfälle zeigten, ist die Kunst des Österreichers Pop. Es verwundert daher nicht, dass Lars Eidinger, gerade der wohl angesagteste Schauspieler Deutschlands, sich auch zu ein paar Kurzzeit-Kunstwerken von Erwin Wurm verewigen lässt.

Der Schauspieler – zuletzt für seinen "Hamlet" und "Peer Gynt“ an der Berliner Schaubühne und seinen Rollen in "Berlin Babylon" und "Die Blumen von gestern" gefeiert – hat aber schon länger eine Affinität zu dem österreichischen Künstler. Auf die Frage, wie er zu seinen so verschiedenen Rollen steht – in aktuellen Filmproduktionen gibt er gerade sowohl einen überzeugten Nazi, und zum anderen einen sterbenden Starschauspieler –, antwortete Lars Eidinger vor kurzem in der NZZ im Rekurs auf ein Erwin Wurm Bild: "Früher dachte ich, ich könne die Rolle einfach ablegen. Aber wenn man die Rolle als Kostüm sieht, dann habe ich manchmal das Gefühl, ich sitze jetzt hier und trage die ganzen Kostüme übereinander. Wie in den Bildern von Erwin Wurm, wo die Leute ihre komplette Garderobe gleichzeitig tragen. Dieses Übereinandertragen der Rollen macht mich als Persönlichkeit eher komplexer, und ich will gar nichts mehr ablegen."

Ausstellung "Two in One" macht Unterschiede spürbar

© Courtesy Ruttkowski68 und König Galerie

Erwin Wurm: Untitled

© Courtesy Ruttkowski68 und König Galerie

Eine Wand mit 6 hochformatigen Film-Stills von Lars Eidinger: Menschen an verschiedenen Orten der Welt als One Minute Skulpturen.

© Courtesy Ruttkowski68 und König Galerie

Two in One: Hier haben Schauspieler und Künstler zusammen gearbeitet und Wurm aus und mit Eidinger drei One Minute Skulpturen geschaffen.

© Courtesy Ruttkowski68 und König Galerie

Erwin Wurm: Lars liegend

© Courtesy Ruttkowski68 und König Galerie

Ausstellungsansicht von Skulpturen Wurms, vorne links: Erwin Wurm: Lars, Arm erhoben, hinten rechts: Erwin Wurm: Michael gebeugt

© Courtesy Ruttkowski68 und König Galerie

Im Vordergrund: Erwin Wurm: Untitled. An der Wand: Lars Eidingers Film-Fotos, auf denen Menschen auch wie zu Skulpturen eingefroren sind.

© Courtesy Ruttkowski68 und König Galerie

Erwin Wurm: Michael

© Courtesy Ruttkowski68 und König Galerie

Scheint nur aus Arm und Bein zu bestehen: Film-Still von Lars Eidinger, Ausschnítt

Von den verdrehten, absurden Körper-Skulpturen inspiriert, hat Lars Eidinger für die gemeinsame Ausstellung "Two in One" in der Kölner Ruttkowski;68 Galerie in Zusammenarbeit mit der Berliner König Galerie selbst Momentaufnahmen gemacht und aus verschiedenen Filmen Standbilder gewonnen, auf denen Einzelne in ungewöhnlichen Posen wie erstarrt im Raum oder einer Landschaft verharren. Diese Fotos sind aber deutlich Resultate eines vorübergehenden Anhaltens der Bewegung in einem besonderen Moment, während Wurms Fotos der Kurzzeit-Skulpturen Endpunkte einer sorgfältig geplanten und meist vorgezeichneten Körper-Inszenierung sind. Die totale Künstlichkeit von Wurms Kunst, Menschen verrenkt, aus aller Ordnung und ihrem Gleichgewicht gebracht, zu zeigen, wird durch die Filmstills Eidingers nur deutlicher. Die Kölner Ausstellung bringt die Kunst des Künstlers und des Schauspielers zusammen, aber so, dass die Unterschiede ihrer Werke spürbar werden.

Zusätzlich werden in Köln Gipsfiguren gezeigt, in denen Erwin Wurm dieses Zusammenspiel mit dem Schauspieler reflektiert. Lars Eidinger liebt den Exzess, die völlige Verausgabung, die Grenzen sprengt, und er will stets Vieles auf einmal. Erwin Wurm zeigt diesen Lars Eidinger als fragmentierten Körper: Eine hoch ausgreifende Hand auf einem langen Arm strebt von einem langen auf dem Boden verankerten Bein weg - ohne Kopf. Und in einem anderen Werk bringt Wurm den Gips-Abdruck des Torsos des ruhelosen Mimen zum Schweben und ins Gleichgewicht: Auf verschieden hohen Farbflaschen, die für das Metier des Künstlers stehen.

Die Ausstellung "Two In One" in der Ruttkowski;68 Galerie in Köln in Zusammenarbeit mit der König Galerie ist noch bis 24. Januar zu sehen.

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