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Türkischer Psychorock mit Weltraumeffekt: So irre sind Altın Gün | BR24

© Audio: BR / Foto: Sanja Marusic 2020
Bildrechte: Sanja Marusic 2020

Gleichzeitig nach Rock und nach Orient klingt diese Musik. Dahinter steckt aber keine Altherrenband aus Istanbul, dahinter stecken junge Musiker aus Amsterdam.

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Türkischer Psychorock mit Weltraumeffekt: So irre sind Altın Gün

Auch wenn es sich nicht so anhört: Diese Band kommt aus Holland. Altın Gün – so heißt sie – hat sich den psychedelischen Sounds der Türkei der 1970er Jahre verschrieben. Klingt verrückt? Ist es. Und hörenswert! Gerade ist das dritte Album erschienen.

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Von
  • Bernhard Jugel

Bassist Jasper Verhulst fing vor vier Jahren an, mit befreundeten Musikern seine Lieblingsmusik nachzuspielen: anatolischen Rock und psychedelischen türkischen Folk aus den 1960ern und 1970ern. Weil irgendwer die Songs auch singen sollte, suchte man per Kleinanzeige türkische Mitmusiker. Der Saz-Virtuose, Keyboarder und Sänger Erdinç Ecevit Yıldız und die Sängerin Merve Daşdemir meldeten sich und gehören seitdem fest zur Band. Damals entstand auch der Name, erzählt die Sängerin: "Altın Gün heißt goldener Tag. Unser Bassist hat das von Google übersetzen lassen und mich gefragt: Geht Altın Gün als Bandname? Klar, hab‘ ich gesagt, klingt toll!"

Was anfangs kaum auffiel, weil der Sound von Altın Gün so ungewöhnlich war, weil die Texte nur die türkische Diaspora in den Niederlanden verstand und weil nur Hardcore-Fans die alten Lieder aus der Blütezeit der türkischen Hippie-Ära kannten: Die Band spielte keinen einzigen eigenen Song, sie coverte nur. Bei Interviews stellte Sängerin Merve das immer wieder klar: "Wir komponieren nicht, wir arrangieren neu. Wir nehmen bekannte Songs aus den 60ern und 70ern und spielen sie dann auf unsere Weise."

© Altın Gün
Bildrechte: Altın Gün

Das Cover des neuen Albums "Yol"

Da werden Folksongs kräftig elektrifiziert oder anatolischer Rock wird frech in die Disko versetzt. Überhaupt hat sich der Sound auf dem neuen Album "Yol" deutlich weiterentwickelt. Inzwischen dominieren nicht mehr Gitarren und Rockrhythmen, sondern Synthesizer und orientalische Tanzbeats. Das liegt daran, dass die Band sich diesmal ein Produzentenduo aus der Elektronikszene geleistet hat.

Überhaupt war das Album eigentlich erst viel später geplant, aber nachdem 2020 fast alle Konzerte und Festivalauftritte ausfielen, hatten die Musiker viel freie Zeit, erzählt Schlagzeuger Daniel Smienk: "Dieses Album wäre ohne den Corona-Lockdown wohl nicht entstanden – das ist aber auch das einzig Gute, was er bewirkt hat. Unser Klang ist moderner geworden – mehr Synthie-Einsatz, wir sind von den 70ern in die 80er gewechselt."

Auf in die Vergangenheit, auf nach Indonesien

Typisch für den neuen Sound von Altın Gün sind neben flirrenden Analogsynthies die nach Star-Wars-Filmen klingenden Soundeffekte. Das erinnert manchmal an New Wave, klingt aber in Verbindung mit den vielen orientalischen Rhythmen ganz und gar nicht nach Klischee. Mit ihrem neuen Album "Yol" werden Altın Gün jedenfalls türkischen Pop in aller Welt noch bekannter machen. Schlagzeuger Daniel Smienk sagt dazu: "Worauf wir stolz sind? Wir sind künstlerisch frei, können von Musik leben, sind weltweit anerkannt, waren für einen Grammy nominiert und haben türkische Musik schon nach Indonesien, Australien und in die USA gebracht."

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