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Warum Erdogans Offensive das Kulturerbe Nordsyriens gefährdet | BR24

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Erdogans Einmarsch in die syrischen Kurdengebiete sorgt weltweit für Empörung. Die Münchner Archäologin Adelheid Otto ist überzeugt: Die Offensive kostet nicht nur Menschenleben, sie zerstört auch jahrhundertealte Kulturschätze.

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Warum Erdogans Offensive das Kulturerbe Nordsyriens gefährdet

Erdogans Einmarsch in die in Syrien gelegenen Kurdengebiete sorgt weltweit für Empörung. Die Münchner Archäologin Adelheid Otto ist überzeugt: Die Offensive kostet nicht nur Menschenleben, sie zerstört auch jahrhundertealte Kulturschätze.

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Ein "Verbrechen" nannte der EU-Außenminister Jean Asselborn den türkischen Militäreinsatz in Nordsyrien. So kommt eine Menge zusammen, eine enorme politische Brisanz und eine menschliche Katastrophe. Aber auch das kann nicht aus dem Fokus genommen werden: Die kriegerische Invasion droht kulturelle Bauwerke und wichtige Ruinen zu zerstören, die in diesem 30 Kilometer langen Korridor liegen. Adelheid Otto, Professorin für vorderasiatische Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München sowie Vorsitzende der Deutschen Orient-Gesellschaft, ist überzeugt, dass es zu massiven Kulturverlusten kommen wird.

Gleich mal am Anfang: Natürlich sind kulturelle Zeugnisse nicht mit Menschenleben gleichzusetzen – aber als Ausdruck menschlicher Identität kann man sich schon sehr viel Sorgen machen. Machen Sie sich sehr viel Sorgen über diesen kulturellen Verlust, der droht?

Natürlich ist das menschliche Leid viel, viel schlimmer als die Zerstörung von Kultur. Aber Kultur ist Identität. Die Menschen in diesem Gebiet brauchen auch eine Vergangenheit, ebenso wie sie eine Zukunft brauchen. Insofern ist das menschliche Schicksal auch immer direkt mit dem Schicksal der Umgebung, den Ruinen und mit der Vergangenheit in einem Gebiet verbunden.

In diesem Gebiet, diesem 30 Kilometer breiten Streifen, in der jetzt der Militäreinsatz der Türkei stattfindet, was liegt da aus archäologischer Sicht?

Aus archäologischer Sicht ist es wirklich das Herzstück Vorderasiens. Die Westgrenze dieses Gebietes ist der Euphrat, die Ostgrenze des Gebietes ist der Tigris, das heißt, es ist genau dieses Gebiet zwischen den zwei Strömen, das als Mesopotamien definiert wird. Und Mesopotamien, wie jeder weiß, ist die Wiege der Kultur, also wirklich das Herzstück der Vergangenheit im Nahen Osten - zu vergleichen nur mit dem Niltal oder einer griechischen Metropole wie Athen. Wo die Menschen das erste Mal sesshaft geworden sind, wo das Neolithikum begonnen hat, wo man die ersten Städte gebaut hat. Dieses Gebiet liegt in diesem Streifen in Nordmesopotamien. Es liegen dort Hunderte von kleinen Hügelchen, die unspektakulär aussehen. Aber darin verbergen sich diese vergangenen Städte.

© BR / alpha-Forum

Adelheid Otto, Professorin für vorderasiatische Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

Und was genau sind diese Hügel? Was kann da zerstört werden oder wird derzeit zerstört?

Massiv werden diese Hügel zerstört, die extrem unspektakulär aussehende Erdhaufen sind. Das sind ein bis fünfzig Meter hohe Hügel, die daraus entstanden sind, dass die Städte in diesem Gebiet aus Lehmziegeln und aus Lehm gebaut wurden. Und nach ungefähr hundert Jahren werden diese Gebäude verlassen, es regnet, und aus einem ehemaligen Gebäude wird ein kleines Hügelchen. Und dann kommt nach ein paar Jahren die nächste Besiedlung, die nächste Familie baut wieder ihr Gebäude drauf, und so entstehen dann im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende Hügel, die arabisch Tell genannt werden und diese Tell-Siedlungen, die man schon von ferne sieht, sind diese vergangenen Städte, von denen ein Bruchteil erst ausgegraben und untersucht ist. Die meisten sind einfach noch in einem Dornröschenschlaf und warten eigentlich darauf, dass sie eines Tages ausgegraben werden.

Und jetzt rollen dort die Panzer?

Ganz massiv. In Ras al-Ain war der Beginn der Invasion. Ras al-Ain heißt arabisch "Kopf der Quelle", also dieses wichtigsten Flusses Chabur in der Region. Neben einer großen Quelle sind auch die wichtigsten Hügel einer Region. Und so liegen zwei der ganz zentralen Städte, Tell Halaf und Tell Fecheriye, zwei Hauptstädte der damaligen Zeit, unmittelbar neben Ras al-Ain und werden seit den letzten zwei Tagen massiv zerstört. Diese Tells eignen sich hervorragend, weil sie etwas erhöht sind, für die Anlage von Panzerstellungen. Angeblich sollen sich dort auch Gegner verstecken, weswegen diese Tells bevorzugt auch bombardiert und angegriffen werden.

© picture alliance/Geisler-Fotopress

Zwei aramäische Steinfiguren aus dem frühen 1. Jahrhundert vor Christus, die Max Freiherr von Oppenheim 1899 auf dem Tell Halaf entdeckte

Nochmal zu dem archäologischen Wert – was erzählen denn diese Tells? Wenn ich es richtig verstanden habe, eigentlich mehr über die Alltagskultur der Menschen dort?

Genau. Entgegen gängiger Meinung versucht ein Archäologe nicht, Schätze zu finden. Wir versuchen, das vergangene Leben zu rekonstruieren durch winzig kleine Dinge, die wir finden - oft nur Scherben oder kleine Geräte. Wir versuchen nach und nach das Leben vor Tausenden von Jahren zu rekonstruieren und auf diese Weise bekommen wir Aufschluss darüber, wie die Leute damals lebten, aber auch, woher unser heutiges Know-how kommt. So banale Dinge wie Bierbrauen wurden in dieser Gegend der Welt erfunden. In Bayern hätten wir kein Oktoberfest, wenn es nicht in Mesopotamien erfunden worden wäre. Genauso Lesen und Schreiben. Die ersten Städte, die Verwaltung, all diese Kenntnis kommt aus dieser Gegend. Und wir wissen es nur, weil wir sehr, sehr vorsichtig diese Hügel ausgegraben haben in den letzten hundert Jahren. In dem Moment, wo diese Hügel zerstört werden, wird Weltwissen vernichtet – ohne dass es jemals erforscht wurde.

Fürchten Sie nicht nur die Panzer, die jetzt schon dort sind, sondern auch wieder ein Erstarken des IS? Denn durch den türkischen Einmarsch und den Abzug der amerikanischen Truppen könnte der IS wieder stärker werden, der ja schon Stätten wie Palmyra oder Mossul konsequent vernichtet hat.

Absolut. Und offensichtlich scheint es auch Taktik zu sein, dass der IS wieder erstarkt. Denn dieses Gefängnis in Ain Issa, das angegriffen wurde, liegt weit südlich der 30-Kilometer-Zone – aus dem nun Hunderte von IS-Kämpfern entkommen sind. Ich vermute das Allerallerschlimmste und denke, dass der IS massiv wiedererstarken wird. Und die werden sich zum einen natürlich an den Leuten rächen, die sie gefangen genommen haben und es wird wieder entsetzliche Massaker geben. Zum anderen werden sie weiterhin ihr Ziel verfolgen, jegliche Relikte der Kultur zu vernichten, Moscheen, heilige Gräber, antike Statuen, antike Städte – alles wird von diesen Barbaren zerstört. In diesem Gebiet – also in Rakkar zum Beispiel – gab es ja sehr lange überhaupt keine Schulen. Der Schulbesuch war für Kinder verboten. Sie wurden nur in einer völlig falschen Auslegung des Koran unterrichtet. Jetzt hatte sich diese Situation in Nord-Ost-Syrien durch die kurdische Selbstverwaltung wieder sehr gebessert. Die Menschen erhalten wieder Schulbildung – selbst Musik und Freude war ja verboten in diesem Gebiet. Und diese positive Entwicklung wird jetzt eben brutal zu Ende gebracht.

Ist denn eigentlich das Bewusstsein für den Schutz von Kulturgütern Teil diplomatischer Verhandlungen?

Ich hoffe es. Aber da die Unesco relativ unfähig meiner Ansicht nach ist – die müssten sich eigentlich um den Schutz kümmern, sie tun aber nichts –, bleibt es immer privaten NGOs vorbehalten, sich um diesen Schutz der Kulturgüter zu kümmern. Das geht natürlich einher mit unglaublichen menschlichen Risiken. Es gibt sehr, sehr viele Schützer, auch Mitarbeiter der antiken Verwaltungen – sowohl im Kurdengebiet als auch in den anderen Gebieten Syriens und Iraks –, die mit ihrem Leben bezahlt haben, dass sie versucht haben, diese Ruinen zu schützen.

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