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Befinden wir uns auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft? | BR24

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Am Computer generierte, menschliche Gesichter

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    Befinden wir uns auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft?

    Globalisierung und Abschottung zugleich: Der Philosoph Christoph Türcke stellt in seinem Buch die These auf, dass sich in Zukunft eigene Gesellschaftssysteme im Internet bilden werden. Diese "Riesenclans" bieten ihren Mitgliedern eigene Lebenswelten.

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    Das neue Buch von Christoph Türcke heißt: "Digitale Gefolgschaft auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft". Digitale Gefolgschaft! Ausgerechnet in der modernsten Technologie findet sich bei Ihnen das Archaische, das Rituelle, das Vormoderne, das Unterwerfungspotenzial und die Gefolgschaft. Wir unterwerfen uns, schreiben Sie, den großen Konzernen wie Google, indem wir dort nach Dingen suchen. Wir unterwerfen uns Facebook, einer Plattform auf der wir alles preisgeben. Und natürlich sind unsere Daten, unsere Datenprofile interessant für Wirtschaft und Staat. Wir werden degradiert zu Nutzern und Followern. Nun ist einer ihrer Befunde im Buch: Das World Wide Web ist zu unserem Lebensmittelpunkt geworden. Es ist einerseits eine globale Entwicklung, andererseits werden wir zu kleinen Stämmen, zu Clans. Das klingt jetzt erstmal für mich nach einem Widerspruch.

    Türcke: Das Eine schließt das Andere nicht aus. Ich schlage vor, sich einmal folgendes Szenario zu überlegen: Nehmen Sie an, Facebook und Google stellen einmal für einen ganzen Tag oder für eine ganze Woche sämtliche ihrer Dienste ein, was Wikipedia am Donnerstag getan hat. Was wird die Folge sein? Weltweite Panikattacken, Schweißausbrüche, Herzrasen et cetera. Alles, was wir als Entzugserscheinungen kennen bei Leuten, bei denen man versucht, sie vom Heroin abzusetzen. Da haben wir es zu tun mit Suchtverhalten und Suchtverhalten ist Abhängigkeit. Das bedeutet "die große Gefolgschaft". Ich habe ja nur das vielgebrauchte Wort "Follower" ins Deutsche übersetzt. Die große Gefolgschaft eben, die suchtbasierte Gefolgschaft. Das ist eine der höchsten Formen von Abhängigkeit. Das kann man kaum mehr überbieten. Und nun ist es so, dass bei diesen großen Plattformen gewissermaßen im Handumdrehen, in sehr kurzer Zeit, Millionen beziehungsweise Milliarden von Leuten als Follower zusammenschwärmen.

    Nicht zufällig redet man von der Schwarmintelligenz. Schwarm heißt: wo die Anderen hinziehen, da muss ich auch hin, denn sonst bin ich abgehängt. Sonst bin ich draußen. Sozial nicht mehr existent. Heute ist dieser Sog da und nicht wie das anfangs in den 1990er Jahren war, wo diese großen Plattformen erst mal nur Orientierung geschaffen haben. Google hat ebenfalls als Suchmaschine angefangen, in einem Internet-Dschungel in dem man ohne Suchmaschine überhaupt gar nicht mehr durchkam.

    Sie schreiben in Ihrem Buch aber auch, dass man diesen Dschungel nicht beherrschen kann. Es wird im Netz niemals einen Herrscher geben.

    Das vermute ich stark. Es gibt Teilbeherrschung, also man kann diesen und jenen Teil beherrschen und ihn überwachen. Aber nicht das Internet als Ganzes. Nun aber haben sich diese Suchmaschinen nicht nur als Orientierungshilfen herausgebildet, sondern zu einer ganzen Weltordnung. Also zum Beispiel die Google-Hierarchie. Die Google-Suche, das Ranking, das am meisten Gesuchte ist auch das Wichtigste. Ein Mechanismus, den Larry Page übrigens von seinem Informatik-Professor abgeguckt hat. Die Wissenschaftler haben nämlich immer geguckt: Wie oft werde ich bei Kollegen zitiert? Je mehr ich zitiert werde, desto wichtiger bin ich. Und das hat er auf die Suchmaschine übertragen. Und es kommt dazu: Der Suchende ist ja selber auch zugleich Zitierter und hebt das Zitierte auf eine neue Stufe, macht es wichtiger.

    Damit haben die zugleich so etwas in Gang gesetzt wie eine neue Weltordnung: das Page-Ranking und den Like-Button bei Facebook. Die strukturieren nicht nur die digitale Welt, sondern sie führen auch zu einer neuen Vergesellschaftung. Diese Gesellschaftsform sind die Schwärme. Schwärme sind Riesendinger und natürlich global. Aber jeder hat seinen eigenen Schwarm. Die Tendenz geht dahin, dass sich die Plattformen auch mehr und mehr gegeneinander abschließen müssen. Alle versuchen ständig, ihre Follower bei sich zu halten und sehen, dass die ja auf der Plattform bleiben und nicht runtergehen. Und dazu werden ständig neue Dienste angeboten. Man ist längst dabei, große Verkehrslogistik, Gesundheitslogistik und Bildungslogistik zu entwickeln.

    Das Ganze läuft darauf hinaus, dass man in gar nicht so langer Zeit eine ganze Lebenswelt geboten bekommt. Wie so ein riesiger Fanclub. Der Fanclub hat dann schon etwas mit einem Clan zu tun. Das sind dann ganze Lebenswelten und Versorgungseinheiten, womöglich auch noch mit einer eigenen Währung. Das Ganze wird dann umfassend organisiert: Sie bieten Gesundheitsversorgung bis hin zu täglichen Gebrauchsgegenständen et cetera. Dann hat man neue Riesenclans, in denen sowohl hochtechnologische Strukturen herrschen, als auch komplexe archaische Strukturen.

    © dpa

    Der Philosoph Christoph Türcke

    Wenn man Ihr Buch liest, dann hat man das Gefühl: Um Gottes willen, das ist ja fast ausweglos. Ein sehr wichtiger Begriff ist das Informelle, das aus der analogen Welt in die digitale gewandert ist. Erklären Sie doch mal, warum das Informelle in Ihrem Buch so ein wichtiger Begriff ist.

    Das Informelle ist gewissermaßen die Kehrseite gewesen von der Formalisierung der Arbeitswelt in den Zwanzigerjahren. Der amerikanische Ingenieur [Frederick Winslow, Anm. d. Red.] Taylor hat gesagt: Wir schaffen solange keine Arbeitswelt, wie wir nicht alle Arbeitsabläufe, den gesamten Arbeitsalltag formalisieren, durchstrukturieren. Der hat sich mit der Stoppuhr neben die Arbeitsplätze gestellt und gemessen, wie lange brauchen die Leute wofür? Ja, der Handgriff ist ganz überflüssig. Das können wir auf die Hälfte verkürzen. Effektivität! Der Witz war, dass der Versuch nicht funktioniert hat, weil man entscheidende Sachen damit gar nicht erfassen konnte. Bestimmte soziale Beziehungen, das Arbeitsklima et cetera. Das Informelle ist durch mathematische Formalisierung nicht erfassbar. Und in dem Maße wie die Formalisierung gestiegen ist, ist zugleich das Informelle gestiegen und das hat im Internet dann einen riesen Schub bekommen. Algorithmen sind die höchsten Formen der Formalisierung. Und zugleich ist mit dieser mathematischen Formalisierung ein gigantischer informeller Raum geschaffen worden, den man anfangs mit einem neuen Reich der Freiheit verwechselt hat, weil es nicht regierbar ist. Man hat gedacht, nun bricht endlich die Freiheit aus. 1990 gab es eine riesige Internet-Euphorie. Da hieß es: Wir brauchen die ganzen Regierungen nicht mehr, wir brauchen Presse, Rundfunk, Fernsehen nicht mehr, die ganzen Aufseher die dort herrschen.

    Aber wir dachten doch auch, es gibt nun Zugang zu Wissen für alle.

    Direkt kann jeder rein in diesen neuen öffentlichen Raum. Dadurch wurde er zu diesem Dschungel, in dem Öffentlichkeit und Privatheit nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Ich habe das Buch geschrieben, um zu verstehen, warum es um 1990 hieß, durchs Internet wird endlich die freie, demokratische Öffentlichkeit möglich, die früher nur beschworen wurde. 25 Jahre später stellt man sich die Frage: Wie schützen wir die demokratische Öffentlichkeit vor dem Internet?

    Wenn wir uns wieder auf die Aufklärung besinnen, wenn wir wieder über Kant, Hegel oder Marx nachdenken, wenn wir wieder unseren freien Willen benutzen, dann könnte das ja möglicherweise gelingen. Das Buch endet ja nicht damit, dass man das Gefühl hat, es ist ausweglos.

    Es ist ein Buch, bei dem glaube, einen Ausweg, eine Möglichkeit gezeigt zu haben, die ich bisher so noch nirgends entdeckt habe. Es würde jetzt zu lange dauern, das zu entfalten. Ich will nur eine Andeutung machen: Der Kollege Fredric Jameson, ein amerikanischer Philosoph, sagte: "[Jemand hat mal gesagt, Anm.d.Red] es ist heute leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus." Ich sehe einen Silberstreif am Horizont durch eine bestimmte Technologie, die sich innerhalb dieses Dschungels entwickelt hat. Ich gebe ein kleines Stichwort. Es heißt 3-D-Druck.

    Christoph Türcke, "Digitale Gefolgschaft auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft" ist im Beck-Verlag erschienen. Es kostet 16,95 Euro.

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