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Trotz geschlossener Kinos: Das sind unsere 11 besten Filme 2020 | BR24

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Bildrechte: cottonbro/Pexels

Treffen zum Filmgucken: in Lockdown-Zeiten leider schwierig. Aber gute Filme kann man ja auch alleine oder zu zweit genießen.

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    Trotz geschlossener Kinos: Das sind unsere 11 besten Filme 2020

    Kinos mussten schließen, Filmstarts verschoben werden – dennoch: Auch im Corona-Jahr 2020 haben es viele sehr gute Filme auf die Leinwand geschafft. Unsere Filmredaktion hat 11 Filme ausgewählt, die man gesehen haben muss.

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    • BR24 Kultur

    Levin Akan: "Als wir tanzten"

    Im Zentrum dieses mitreißenden georgischen Coming-out Films von Levin Akan steht ein jungen Tänzer, Mehrab. Er träumt von einer Karriere, die ihn aus dem schwierigen Leben in Tiflis herausführen soll. Die Dreharbeiten in Tiflis, bei denen auch viele Laien beteiligt waren, fanden teils unter Geheimhaltung und mit Bodyguards statt, nachdem das georgische Nationaltanzensemble kategorisch die Zusammenarbeit verweigert hatte. Der Film ist eine Liebeserklärung an das pulsierende Tiflis, seine Bewohner, die georgische Kultur und Mentalität, den Gesang – und die Traditionen. Und zugleich eben eine mutige Revolte gegen das mehrheitlich homophobe gesellschaftliche Korsett im orthodoxen Kaukasusstaat, das Queerness unterdrückt.

    Empfehlung von Markus Aicher

    Oskar Roehler: "Enfant Terrible"

    Ein kaputtes Studio mit selbstgemalten Kulissen, muffigem Pornolicht, Bier, Zigarettenqualm – und ein sich brillant selbst entblößender Hauptdarsteller. Dazu der irre Mut des Regisseurs Oskar Roehler, seinen Fassbinder-Darsteller Oliver Masucci zwischen Genie, Prolet, Psychopath und Drogenwrack jede Sorte Monster ausstellen zu lassen: Der wohl billigste und hässlichste Film der Saison ist eine rabiate Hommage an den unvergleichlichen Rainer Werner Fassbinder – und überraschenderweise großes, zeitgemäßes Kino!

    Empfehlung von Armin Kratzert

    Yann L'Henoret, Jean Paul Gaultier: "Freak & Chic"

    Eine glitzernde, atemberaubend rasante Revue schriller Typen und fantastischer Dekorationen um den immer verblüffend entspannt grinsenden Moderevolutionär Jean Paul Gaultier, der in Paris ein grellbuntes Theaterspektakel so empfindsam inszeniert wie seine Autobiografie. mit einem geheimen, hochemotionalen Kern: Der Liebe zu seinem an AIDS gestorbenen ersten Mann. Ein Doku-Melodram auf Speed!

    Empfehlung von Armin Kratzert

    Thomas Heise: "Heimat ist ein Raum aus Zeit"

    Ein Jahrhundert lebt auf in diesem vierstündigen Dokumentarfilm – und mit ihm die Frage: Was ist geblieben? Was dauert fort? Wie geht es weiter? Der Ostberliner Regisseur Thomas Heise liest Dokumente seiner Familie vor – Briefe, Tagebücher, Notizen, literarische Fragmente, Aufsätze und Bewerbungsschreiben, entstanden zwischen 1912 und 2018. Es kommen vor: Erste Liebe und verschwundenes Glück. Affären und Katastrophen. Lebenslust und Verfolgung. Gefühl und Krieg. Dazu inszeniert Heise faszinierend assoziative Bilder. "Der Heimat kann man nicht entkommen", sagt er.

    Empfehlung von Moritz Holfelder

    Taika Waititi: "Jojo Rabbit"

    Taika Waititis schräge Coming-of-Age-Story über einen fanatischen Führer-Fanboy hat einen langen Weg hinter sich. Bereits 2012 landete "Jojo Rabbit" auf der sogenannten Blacklist, einer jährlich veröffentlichten Liste mit den besten unverfilmten Hollywood-Drehbüchern. Damals hat sich niemand an den Stoff herangetraut. Dann kam das Jahr 2017 und "Thor: Tag der Entscheidung", der überdrehteste Superheldenfilm, der je die Leinwand erblickt hat. Regie: Taika Waititi. Spätestens jetzt war klar: Der irre Humor des Neuseeländers hat Blockbuster-Qualitäten. Dass er ebenso warmherzige wie scharfsinnige Filme mit jungen Darstellern umsetzen kann, hatte er schon mit Filmen wie "Boy" oder "Wo die wilden Menschen wohnen" bewiesen. "Jojo Rabbit" vereint all diese Talente – und wurde vollkommen verdient mit dem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet.

    Empfehlung von Bettina Dunkel

    Die Filme von Regisseur King Vidor

    Was das Filmmuseum München seit Jahrzehnten in Sachen "Filmgedächtnis" leistet, ist phänomenal. In diesem Jahr war die King Vidor Reihe eines der Highlights. Im März saß man noch in dem kleinen Kellerkino in den Räumen des Stadtmuseums und sah zum Beispiel "The Jack-Knife Man" mit Livemusik! Eine Schiffergeschichte um ein Findelkind, die die amerikanischen Verhältnisse auf sehr eindrückliche Weise widerspiegelt. Und dann der Lockdown. Welches Glück, dass man nach der Wiedereröffnung im September die Reihe mit tollen Stummfilmen, unter Einhaltung usw., fortsetzen konnte. King Vidor war Filmpragmatiker und Filmkünstler, er arbeitete fast 70 Jahre als Regisseur, Fleisch gewordene Filmgeschichte! Vidor probierte sich in allen filmischen Genres aus, drehte Komödien und Tragödien, Western, Liebesfilme, Antikriegsfilme, Sozialdramen. Bis heute ein unterschätzter Mann. Also King Vidor gucken! Ein paar Tipps: "Bird of Paradise" oder "Unser tägliches Brot" findet man auch im Netz. Im Kino gucken ist natürlich schöner.

    Empfehlung von Martina Boette-Sonner

    Tamara Kotevska und Ljubomir Stefanov: "Land des Honigs"

    Die Filmemacher Tamara Kotevska und Ljubomir Stefanov erkunden die Lebenswelt einer einsamen Imkerin in den Bergen von Nordmazedonien. Klingt erstmal abseitig, erweist sich aber als einer der besten Dokumentarfilme dieses Jahres, der es in die Endauswahl für den Oscar geschafft hat. Hatice, die Imkerin, besitzt das Charisma eines Kinostars – sie träumte schon immer davon, von einem Filmteam bei den Gängen zu den in Felsspalten lebenden wilden Bienenvölkern begleitet zu werden. Im Regionalen stellen sich zudem globale Fragen: Wie beeinflusst der Mensch die Natur? Und wie bedingt die kapitalistische Marktwirtschaft das Handeln der Menschen?

    Empfehlung von Moritz Holfelder

    Greta Gerwig: "Little Women"

    Vielleicht gelingt diesem Film das eigentlich Unmögliche: gewitzter zu sein als seine literarische Vorlage. Ganz sicher aber hat Regisseurin Greta Gerwig den Klassiker von Louisa May Alcott ausgesprochen charmant und modern für die Leinwand übersetzt. Herausgekommen ist eine Geschichte, in der eigentlich jeder etwas finden dürfte, ohne dass der Film darüber beliebig oder anbiedernd wird. Zu haben sind: eine witzige Familiengeschichte, rührende Liebesleiden und – noch wichtiger! – das Porträt einer bis zum Schluss emanzipierten und ausgesprochen eigensinnigen jungen Frau.

    Empfehlung von Marie Schoeß

    Eliza Hittman: "Niemals Selten Manchmal Immer"

    Vorgesetzte, die sie betatschen, Mitschüler, die sie als Schlampe beschimpfen, Fremde, die sie mit Blicken ausziehen: All das ist normal für Autumn und ihre Cousine Skylar. Die Teenager aus Pennsylvania nehmen die Alltagsübergriffigkeit notgedrungen hin. Wenn es zu viel wird, wehren sie sich. Gemeinsam sind sie stark. Dann allerdings passiert etwas, das die beiden überfordert: Autumn ist schwanger, ungewollt. Eine Abtreibung scheint für die 17-Jährige utopisch, zumindest in der provinziellen Kleinstadt, in der sie wohnt. Regisseurin und Drehbuchautorin Eliza Hittman bezeichnet ihren Film als Alltagsthriller, der die MeToo-Realität thematisiert. Umsetzen wollte sie "Niemals Selten Manchmal Immer" schon vor Jahren. Als dann Donald Trump gewählt wurde, wusste sie: Time's up. Auf der Berlinale gab es für das lange nachhallende Drama den Silbernen Bären.

    Empfehlung von Bettina Dunkel

    Yulia Lokshina: "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit"

    Der Film der Stunde gelang der jungen Münchner Regisseurin Yulia Lokshina, weil sie gar nicht erst versuchte, einen solchen zu drehen. Ihre Dokumentation über das Leben von Leiharbeiterinnen und Leiharbeitern in deutschen Schlachthöfen erschien, als Deutschland gerade – Corona sei Dank – wieder einmal auf die Lebensbedingungen in und um Schlachthöfe aufmerksam geworden war. Lokshina hatte ihre Haltung zur Fleischindustrie da längst gefunden und nur deshalb ist dieser Film so glaubwürdig, hintergründig, aufrüttelnd und, auch das, künstlerisch komponiert.

    Empfehlung von Marie Schoeß

    Janna Ji Wonders: "Walchensee Forever"

    Die Filmemacherin erzählt mit viel autobiografischem Zugang über fünf Generationen von Frauen hinweg die Geschichte ihrer Familie, die am oberbayerischen Walchensee das Cafe Bucherer führt(e). Es ist eine Geschichte über Heimat und Suche, über Entfremdung und einen Sehnsuchtsort, der Chiffre für die Basis gleich mehrerer Leben ist. Die Männer sind in diesem von vielen Fotos, frühen Super-8-Aufnahmen und Archivmaterial unterfütterten Film eher Randfiguren zwischen München, Kalifornien und dem See. Eine gefühlvolle und zugleich distanzierte Annäherung an die eigene Familie, ein Blick auf Bindungen und Brüche, auf heimatliche Verwurzelung – und ein vielschichtiges Porträt starker Frauen aus Bayern, zu Recht ausgezeichnet beim Bayerischen Filmpreis!

    Empfehlung von Markus Aicher