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Protest gegen die NATO in Athen, Oktober 2018
© picture alliance/ZUMA Press

Autoren

Marie Schoeß
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Protest gegen die NATO in Athen, Oktober 2018

Eines vorweg: Wir kommen nicht umhin, "wir" zu sagen. Das stellt Tristan Garcia gleich zu Beginn seiner Abhandlung klar. Gleichgültig, ob Aktivist oder Sympathisant, Neokonservativer oder LGBT-Aktivist: Zum politischen Agieren gehört die Frage nach dem "Wir", das Argumentieren im Namen eines "Wir" und die Meinungsbildung aufgrund eines oder auch mehrerer „Wir“, denen man sich zugehörig fühlt.

Ein Ordnungsprinzip, das trennt und vereint

Und der Wesenskern des politischen Diskurses besteht in der Definition dessen, was wir unter diesem "Wir" verstehen, was unsere Rechte sind, unsere legitimen Ansprüche, unsere Vorstellungen von der Gesamtgesellschaft, doch auch darin, diejenigen als Negativ zu identifizieren, die sich gegen uns stellen, die Feinde, die wir mit "ihr" oder "die" bezeichnen.

Garcia weiß um die Aktualität seiner Fragen, stellt diese aber nicht in den Vordergrund. Es geht ihm weniger um eine politische Bestandsaufnahme oder gar mögliche Maßnahmen, eher um ein Instrumentarium, das die Politik in Vergangenheit wie Gegenwart beschreibbar macht. Und so definiert er zunächst das "Wir" zwischen seinen absoluten Grenzen: dem Ich und der Totalität. Dazwischen erscheint das "Wir" als Ordnungsprinzip der Subjektivität, das trennt und vereint, und somit auch Solidaritäten erklärt: "Das 'Wir' ist also nicht einfach 'eine Gesamtheit von Personen', sondern ein Einteilungssystem, das die Anpassung unseres Gerechtigkeitssinnes, das veränderliche Interesse an den Dingen, die Intensitäts- und Deutlichkeitsgrade aller Erscheinungen ordnet und es erlaubt, bestimmte Teile davon ins Halbdunkel eines Hintergrundes abzudrängen, damit man andere besser ins Licht rücken kann."

Die Schichten der Identität

Ins Halbdunkel abdrängen, ins Licht rücken, das heißt: Garcia stellt sich vor, die verschiedenen Zugehörigkeiten und daraus resultierenden Wahrnehmungen von der Welt werden wie transparente Blätter übereinandergelegt. Jedes Blatt sortiert die eigenen Gewohnheiten, Rechte, Benachteiligungen nach einer Kategorie: einer ethnischen beispielsweise, einer sozialen, einer geschlechtlichen. Legt man diese Bildschichten übereinander, setzt sich ein feines Bild unserer Zugehörigkeiten zusammen. Und ein Bild unserer Priorisierung: Wer sich entscheidet, sich in erster Linie als Frau zu verstehen, legt diese Bildschicht nach oben und lässt damit in den Hintergrund treten, was man auch ist und was anderen wichtiger sein kann: Europäer etwa, weiß oder schwarz, homo- oder heterosexuell.

Die verschiedenen Bildschichten ebenso wie die Priorisierungen entscheiden über den nächsten Schritt im politischen Agieren. Ein Beispiel: Wer als Frau strukturelle Benachteiligung erfährt, fühlt sich berechtigt, gegen diese Asymmetrie anzukämpfen, die Herrschaft der Männer zu beenden. Damit beginnt für Garcia der Kampf zwischen den "Wir", und aktuell: ein Kampf um die Deutungshoheit, um gefühlte und tatsächliche Herrschaft. Denn wer die Herrschaft überwinden will, muss selbst mit Mitteln der Herrschaft agieren. Die Konsequenz: Andere Gruppen fühlen sich an den Rand gedrängt – die Bewegung des Maskulinismus erzählt davon.

"Wir sind deshalb nicht gleich geworden, bei weitem nicht", schreibt Garcia. "Aber alle Identitäten haben durch die Einleitung moderner Befreiungsprozesse (der Frauen, der ethnischen und rassischen Minderheiten, der Kolonisierten, der sexuellen Minderheiten) einander allmählich durch Herrschaft und Gegenherrschaft geantwortet und die Trennungslinie zwischen konkreter und symbolischer Herrschaft ausgelöscht. Es bleibt ein im Wesentlichen strategisch gebrauchtes Herrschaftsgefühl übrig, mit dem jeder versucht, sein Recht anerkennen zu lassen, und sich als berechtigt ansieht, das heißt unablässig die politische, gleichermaßen verbale und physische Gewalt moduliert, die er sich nach der Maßgabe dessen erlaubt, was er als sein Gefühl ansieht, von den anderen in die Minderheit gedrängt zu werden."

Jeder ist Teil einer Gruppe

Dieses Buch lebt von seiner Nüchternheit – davon, sich unaufgeregt, im trockenen Duktus der Wissenschaft aktuellen Fragen zu nähern. Garcia scheut sich nicht, in seinem historischen Durchgang Bekanntes durchzusprechen oder auf traditionelle Einwände zu antworten, die gegen das "Wir" vorgebracht wurden. Von John Lennon etwa, der davon sang, woran er nicht glaube, von welchen Kollektiven er sich lossage: "I don't believe in Buddha, I don't believe in Mantra, I don't believe in Gita, I don't believe in Yoga ... I just believe in me and that's reality..."

Garcia lässt solche populären Einwände gegen das "Wir" nicht gelten: Zu leicht würden Individualisten wie Lennon übersehen, dass Hautfarbe, Herkunft oder Sexualität auch Genies wie ihn zum Teil einer Gruppe machten. Wenn also, das führt einem dieser Philosoph auf jeder Seite vor, das "Wir" unumgänglich ist, um das eigene Ich zu definieren und um politisch zu agieren, dann müssen wir uns der Verfahren und der Konsequenzen der "Wir"-Bildungen bewusst werden – gerade in Zeiten wie diesen. Dazu ermächtigt einen dieses Buch.

"Wir" von Tristan Garcia ist in der Übersetzung von Ulrich Kunzmann im Suhrkamp Verlag erschienen.

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Marie Schoeß

Sendung

Diwan - Das Büchermagazin vom 21.10.2018 - 14:05 Uhr