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Tricks und Täuschung: Kunst als Detektivspiel | BR24

© Audio: BR / Bild: Lucy McKenzie. Foto: Lothar Schnepf. Courtesy of the artist; Galerie Buchholz, Cologne/Berlin/New York; and Cabinet, London..

Was steckt hinter solchen Bildern von Lucy McKenzie? Sicher ist nur: Es handelt sich um Buntstift und Grafit auf Papier

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Tricks und Täuschung: Kunst als Detektivspiel

"Prime Suspect", Hauptverdächtige also – so heißt eine Ausstellung Museum Brandhorst, die das Werk von Lucy McKenzie zeigt. Was aber macht die schottische Künstlerin, eine Malerin im alten Stil, zur titelgebenden Hauptverdächtigen?

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Lucy McKenzie kann einfach alles. Marmor so malen, dass einem kalt wird, zum Beispiel. Oder der Hörer des grünen Telefons, das da an der Wand hängt: Den möchte man doch glatt abnehmen, so echt sieht er aus. Und was da alles an die Korkpinnwand geheftet ist, Zettel, Listen, herausgerissene Bildchen – erst bei näherer Betrachtung erweist sich alles als eine Illusion der Malerei. Wenn Kunst die Wirklichkeit übertrifft!

Wenn propere Sozialisten zu coolen Typen der Subkultur werden

Lucy McKenzie malt im Stil der dekorativen Malerei des 19. Jahrhunderts Antworten, wie sie selbst einmal gesagt hat. Antworten auf Kunstgeschichte etwa oder Politik, Sport, Design, Mode, Literatur, Musik oder Film. Das Werk der 1977 in Glasgow geborenen und heute in Brüssel lebenden Künstlerin befeuert Verweisungszusammenhänge und ist ein Cross-over aus Genres und Stilen, Fakten und Fiktionen. Es gehe ihr um den Zusammenhang von Dingen, erklärt die Künstlerin, und weiter: "Ich mag Detektivgeschichten, die eine klare Absicht haben und ganz klare literarische Mittel, dank derer die Geschichte mit all ihren Tricks und Täuschungen funktioniert. Genauso funktioniert auch meine Malerei." "Global Joy I" ist der Titel eines Bildes von 2001, mit dem Lucy McKenzie ein wenig Geschichtsversöhnung betreibt: All die properen Sozialisten des monumentalen Wandfrieses, den der DDR Künstlers Walter Womacka 1964 am Haus des Lehrers in Ostberlin anbrachte, hat McKenzie unter Beibehaltung des Sozialistischen Realismus in coole Typen der Subkultur verwandelt – gleichsam Verweis und Verfremdung, Dokumentation und Imitation.

© Lucy McKenzie. Photo courtesy of the artist; Galerie Buchholz, Cologne/Berlin/New York.

Lucy McKenzie: Mooncup, 2012, Detail

© Lucy McKenzie. Photo courtesy of the artist; Galerie Buchholz, Cologne/Berlin/New York.

Lucy McKenzie Interior (Detail: C.R. Mackintosh.

© Lucy McKenzie. Photo courtesy of the artist; Galerie Buchholz, Cologne/Berlin/New York.

"May of Teck", eine Arbeit aus dem Jahr 2010. Öl auf Leinwand.

© Lucy McKenzie. Foto: Lothar Schnepf. Courtesy of the artist; Galerie Buchholz, Cologne/Berlin/New York; and Cabinet, London.

Lucy McKenzie: Kensington 2246, 2010

Der Kurator der Ausstellung Jacob Proctor spricht von einer Kunst des Vexierspiels und macht auf den Ausstellungstitel aufmerksam: "Prime Suspect", steht im Untertitel, "Hauptverdächtige". Das spiele auf ganz Verschiedenes an, so Proctor : "Zum einen tritt Lucy McKenzie selbst als eine Art Detektiv auf. Zum anderen fordert ihr Werk den Betrachter auf, detektivisch vorzugehen." Er denkt dabei an die vielen Details, Dinge, die normalerweise übersehen werden oder unwichtig scheinen. Bei Lucy McKenzie aber sind sie eine Art Sprungbrett zu komplexen Zusammenhängen und historischen Narrativen, und es liegt am Betrachter, die heterogenen Detail miteinander in Verbindung zu bringen. Und noch etwas fällt Jacob Proctor zum Titel ein: "Auch die Künstlerin wird plötzlich zur Verdächtigen und man will wissen, wer die Meisterin der Verwandlung ist, die immer wieder entwischt, wenn man sie festlegen will."

Der Wirklichkeit ein Schnippchen schlagen

Das Werk von Lucy McKenzie ist tatsächlich nicht zu fassen. In der Ausstellung im Münchener Museum Brandhorst sind Arbeiten zu sehen, die auf Pop Art machen, auf klassisch Griechisch, konstruktivistisch, sozialistisch oder abstrakt. Zudem Interieurs, mal mit umlaufender Holzvertäfelung, mal mit Marmorverkleidung oder Trompe-l’Oeil-Stilleben mit Büchern, Briefen, Scheren, Stiften, Schlüsseln, Stricknadeln oder Wollknäueln, die der Wirklichkeit so nahe kommen und ihr, bei genauem Hinsehen, mitunter doch ein Schnippchen schlagen. Etwa der Radio- Maria Aufkleber, der täuschend echt aussieht, auf den sich aber unauffällig auch arabische Schrift eingemischt hat. Es geht immer auch um die Hinterfragung von Codes und kulturellen Verabredungen.

"Ich würde eher ein Mannequin malen als einen echten Menschen", noch so ein Satz der Künstlerin, der viel über ihre Arbeit aussagt. Sie interessiere, wie die Kultur Bilder von der Wirklichkeit produziere, wie subjektiv dieser Vorgang sei und wie voreingenommen jeder Zeitgenosse. "Aus der Distanz lässt sich deutlicher sehen, nach dem Motto: Die Leute dachten, sie tun das eine, aber tatsächlich taten sie etwas ganz anderes. So ergeht es uns heute!" Eine Schule des Sehens: hintergründig, verspielt, analytisch, ausgeklügelt, humorvoll. "Prime Suspect" ist ein wunderbar abgehobenes Vergnügen, das für viele Nachbilder sorgt.

Die Ausstellung "Lucy McKenzie – Prime Suspect" läuft bis 21. Februar 2021 im Museum Brandhorst.

© Lucy McKenzie. Foto: Robert Haas

Die Verwandlungskünstlerin selbst im Bild: Lucy McKenzie vor dem Werk „Mooncup“

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