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Warum auch Trettmanns neues Album ein Meilenstein ist | BR24

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Seine Platte "D.I.Y." war das deutsche Hip-Hop-Album 2017. Auf dem Nachfolger "Trettmann" treffen erneut stylishe Autotune-Beats auf melancholische Texte. Und die umstrittene Zusammenarbeit mit dem Rapper Gzuz? Ist richtig, sagt unser Autor.

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Warum auch Trettmanns neues Album ein Meilenstein ist

Seine Platte "#DIY" war das deutsche Hip-Hop-Album 2017. Auf dem Nachfolger "Trettmann" treffen erneut stylishe Beats auf melancholische Texte. Und die umstrittene Zusammenarbeit mit dem Rapper Gzuz? Ist richtig, sagt unser Autor.

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Begonnen hat alles in der 80er-Jahren, als Rave-Partys, Breakdance, Hip-Hop und Reggae noch frisch waren, aufregend und neu, erklärt Stephan Richter alias Trettmann. In "Intro", dem Album-Opener, beginnt er seine Biographie nachzuzeichnen, von den wichtigsten Lebensabschnitten zu erzählen. Es folgen Liebesgeschichten: Popsongs, die das Berliner Produktionsteam Kitschkrieg am Rechner inszeniert hat. Es geht um Vertrauen, Nähe, Verlässlichkeit und Freundschaft, um die sogenannten "Beziehungen", beginnende wie scheiternde, und um die Gründe, warum sie missglückten.

Liebeserklärung an Trettmanns kleine Tochter

Die Platte endet mit dem Titel "Margarete". So – vermuten wir mal – wie Trettmanns Tochter im wahren Leben heißt. Ein Vater reflektiert in dem Song sein Verhältnis zu einem nicht anwesenden Kind. Ein Erwachsener entdeckt seine Liebesfähigkeit, Nachkommen als Lebens-Sinn. Das ist zwar nicht sehr originell, aber dennoch existenziell. Dagegen lässt sich kaum etwas sagen, denn Trettmann hat mit dieser Erzählidee ein mustergültiges Pop-Album geschaffen.

Trettmann, sozialisiert in Karl-Marx-Stadt in der DDR, ist ein Hiphop-Künstler, dessen Texte nicht wie die vieler anderer Möchtegern-Gangsta-Rapper deutscher Zunge ein Weltbild aus der Steinzeit transportieren. Sein extrem verknapptes Vokabular hält Schritt mit den avancierten, elektronischen Produktionsmethoden, mit angesagten Autotune-Effekten und stylishen Beats aus dem Computer. Jedes Wort, jede Silbe ist bei ihm von Bedeutung, jedes Komma, jeder Gedankenstrich. Erstaunlich, was "Trettie" in eine Zeile bannen kann. Ich persönlich habe übrigens ganz schön lang gebraucht, bis ich "das Ess, das süß schmeckt", von dem auf seinem Erfolgsalbum "#DIY" die Rede ist, decodieren konnte. Gemeint ist Sensimilla, eine besonders reine, starke Marihuana-Sorte.

Musikalisch setzen der Trap- und Cloud-Rap-Künstler sowie sein Produktionsteam auf extrem poppige Klänge und Sounds, ein Charakteristikum vieler ostdeutscher Pop- und Rock-Acts. Sie verfügen über eine erfrischende Naivität, eine Unmittelbarkeit, die vielen westdeutschen Pop-Artisten, an chronischen Coolness-Problemen laborierend, abgeht. Zudem ist und hat Trettmann eine unverwechselbare Stimme, leicht belegt, leicht verschattet klingt sie. Hier ist kein Macho-Lautsprecher am Werk, sondern ein verletzlicher, einfühlsamer Beobachter.

Zeilen für den Deutschunterricht

Dass Trettmann besseres zu erzählen weiß als viele andere Reim-Artisten, dürfte auch mit dem Alter und der Erfahrung dieses Künstlers zu tun haben, der mittlerweile in Leipzig lebt. Mit dem Song "Stolpersteine" hat Trettmann ein einzigartiges Statement geschaffen gegen den gefährlichen Salonfaschismus unserer Tage, gegen den geschichtsvergessenen Flirt mit dem Rechtsextremismus, wie er in der AfD-Wählerschaft zum Ausdruck kommt.

Ein Mann, der auf einer Rave-Party war und sich da in eine junge Frau verkuckt hat, geht vor dem Morgengrauen nach Hause. Er liest und vergegenwärtigt sich den Text eines Stolpersteins. Die jüdische Frau, an deren Leben erinnert wird, war ebenfalls "Ende zwanzig", als sie ermordet wurde. Auch sie könnte "eine Königin vom Ballsaal" gewesen sein, mutmaßt der Erzähler und versucht sich die Verhaftung des Opfers vorzustellen – frühmorgens, bevor die Sonne aufgeht. Ein erstaunlich starker Songtext, der Geschichte thematisiert, ohne lähmenden Betroffenheitsgestus zu verbreiten – ein Lied für zukünftige Deutschstunden, Nachhilfe für aktuelle Geschichtsleugner. Überhaupt verweist hier jeder Song auf den nächsten, ist verbunden mit einem Gegenstück. Die codierten Texte sind voller Verweise auf die Pop- und Hiphop-Geschichte. So wie ein gutes Album eben sein muss.

Dass Trettmann wieder mit dem höchst umstrittenen Rapper Gzuz kooperiert hat, erweist sich als weitere Stärke. Er habe mit dem Kollegen und Freund, dem häusliche Gewalt vorgeworfen wird, geredet, ihn auf die Vorwürfe angesprochen. Ausgrenzen und Kontakt abbrechen sind uncool. Im Gespräch bleiben und Widersprüche aushalten, ist viel besser, weil erwachsener. Trettmanns neues Studiowerk, so viel dürfte schon jetzt klar sein, ist ein beachtlicher Meilenstein des D-Pop.

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