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Trauerbewältigung im Internet: Wenn Schicksal öffentlich wird | BR24

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Fast zwei Jahre lang haben Anne und Uli Tag für Tag einen Artikel auf einem Blog veröffentlicht. Jetzt ist das Projekt abgeschlossen und das ganze Leben ihres Sohnes Josef, der mit 22 Monaten verstorben ist, kann im Internet nachgelesen werden.

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Trauerbewältigung im Internet: Wenn Schicksal öffentlich wird

Fast zwei Jahre lang haben Anne und Uli Tag für Tag einen Artikel auf einem Blog veröffentlicht. Jetzt ist das Projekt abgeschlossen und das ganze Leben ihres Sohnes Josef, der mit 22 Monaten verstorben ist, kann im Internet nachgelesen werden.

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Von seiner Geburt an wissen Josefs Eltern, ihr Kind wird sterben. Nach einem Geburtsunfall kommt Josef mit schweren Hirnschäden und einer geringen Lebenserwartung zur Welt. Anne und Uli Neustadt wollen ihrem Sohn dennoch ein möglichst schönes und langes Leben ermöglichen, in einem Alltag, der von Pflegediensten und ärztlichen Untersuchungen geprägt sein wird.

"Vor einer Woche wurdest du geboren, Josef. Vor einer Woche waren wir guter Dinge. Nun sitze ich bei dir. Du auf der Intensivstation mit Schläuchen überall. Niemand ist mehr guter Dinge."

2013 wurde Josef geboren, 22 Monate wurde er alt. Als er im Oktober 2015 verstirbt, hinterlässt er eine Vielzahl an Behandlungsunterlagen. "Das Besondere an Josef ist, dass jeder Tag seines Lebens dokumentiert ist", sagt Vater Uli Neustadt, "und wir haben gesagt, wie wäre es, wenn wir jeden Tag nachfühlbar machen?" Zwei Jahre nach Josefs Tod beginnen die Eltern, sein Leben zu rekonstruieren, jeden Tag veröffentlichen sie einen Artikel im Internet.

22 Monate Leben als Internet-Tagebuch

Sie wollten etwas zurückgeben, sagt Vater Uli. Als Josef noch lebte, fanden die Eltern kaum Berichte im Internet von Menschen, die eine ähnliche Situation durchlebten. Die Texte hat Anne Neustadt im ehemaligen Zimmer von Josef geschrieben. "Ich habe eine Kerze angezündet und bin dann eingetaucht", erzählt sie.

"Mein Josef, ein schönes Leben sollst du haben. Das ist unsere Aufgabe, denke ich. So schön wie möglich."

Tag für Tag hat Anne Neustadt das ganze Leben von Josef noch einmal aufgearbeitet – radikal subjektiv, wie sie sagt, und in kleinen Häppchen. "Da sind ja Emotionen aufgekommen, die ich vorher noch nie in dieser Intensität wahrgenommen habe. Und ich habe das Gefühl, dass es durch die Annäherung weicher geworden ist, milder." Die Texte auf der Seite sind illustriert mit Bildern von Josefs Behandlungsunterlagen. Vater Uli hat sie bemalt, zerschnitten oder verbrannt und daraus kleine Kunstwerke gemacht.

Trauerarbeit in der Öffentlichkeit des Internets?

Das eigene Schicksal mit zeitlichem Abstand reflektieren und kreativ aufarbeiten kann eine gute Art der Trauerbewältigung sein, sagt Astrid Gosch-Hagenkord, Trauerbegleiterin beim Verein "Verwaiste Eltern und Geschwister" in München. "Also wirklich der Welt zu zeigen: Es hat unser Kind wirklich gegeben. Der Josef war da, er hat gelebt – hier ist er, das war unser Leben mit ihm." Gosch-Hagenkord hat selbst vor 13 Jahren eine Tochter kurz vor der Geburt verloren und erinnert sich, wie sie am liebsten die Wände mit dem Namen des Kindes voll geschrieben hätte.

Doch die eigene Geschichte ins Internet zu stellen, in die Sozialen Medien, wo jedermann seine Kommentare hinterlassen kann – dieser Weg eigne sich freilich nicht für jeden, so die Trauerbegleiterin. "Man ist natürlich – in Anführungsstrichen – auf Ewigkeit auch mit diesem Thema verbunden." Und irgendwann gibt es vielleicht eine Zeit, in der das verstorbene Kind nicht mehr im Mittelpunkt steht, oder man in Situationen an das eigene Schicksal erinnert wird, in denen man das nicht möchte.

"Lebst du noch weiter? Oder wirst du sterben? Heute? Morgen? Das Leben läuft weiter und bleibt gleichzeitig stehen, mein Josef. So ist das. So ist das gerade mit uns. Was soll ich da fühlen?"

Für Anne und Uli Neustadt war das inzwischen abgeschlossene Internet-Tagebuch aber der richtige Weg im Umgang mit dem Tod ihres Sohnes. Dass es so große Aufmerksamkeit erregt, hätten sie aber nicht gedacht. "An Josefs Todestag waren über 11.000 Nutzer auf unserer Webseite", sagt Uli Neustadt, "wir hatten viele stille Leser, die sich nie geäußert haben. Die haben dann geschrieben: Wow, ich lese seit über einem Jahr täglich mit, jetzt ist es vorbei ..." Die vielen Nachrichten, oft nur kleine Emojis als Zeichen der Anteilnahme, hätten etwas sehr Tröstendes gehabt, so Mutter Anne. "Wir haben uns gefühlt, nochmal mehr getragen zu werden."

"Wir sind begeistert, wie Josef sein Leben gelebt hat"

Das ganze Leben mit dem verstorbenen Sohn noch einmal in Echtzeit zu durchleben – für Anne und Uli Neustadt war das ein Weg, Frieden zu schließen, sagt die Mutter. "Ich habe mit Josef nichts offen. Es gibt Zeiten, in denen es schmerzhafter ist, aber es gehört zum Leben dazu."

Jetzt, nachdem alle Tage aus Josefs Leben im Internet verewigt sind, spürt Vater Uli ein Gefühl der Erschöpfung, aber auch, etwas geschafft zu haben. "Wir haben kurz nach Josefs Tod auch gesagt, dass wir total begeistert sind von ihm, so toll wie er sein Leben gelebt hat – und dieses Gefühl spüre ich jetzt auch." Josef wird immer einen Platz im Haus der Familie haben. In seinem alten Zimmer brennt Tag und Nacht eine elektrische Kerze.