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Traditionell, alleinerziehend, Patchwork: Was ist Familie heute? | BR24

© picture alliance/dpa

Familien auf der Straße

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    Traditionell, alleinerziehend, Patchwork: Was ist Familie heute?

    Das Bild der Familie hat sich gewandelt: Patchwork-Familien, alleinerziehende Eltern, gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind heute genauso "normal" wie die traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familie. Was bedeutet der Begriff "Familie" noch?

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    Laut dem Statistischen Bundesamts ist die Zahl traditioneller Familien, also von Ehepaaren mit minderjährigen Kindern in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gesunken: von 6,7 Millionen Ehepaaren im Jahr 2004 auf 5,6 Millionen im Jahr 2014 - also um 17 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der Lebensgemeinschaften mit Kindern um 22 Prozent auf 883.000, und die Zahl der Alleinerziehenden um 4 Prozent auf gut 1,6 Millionen.

    Alleinerziehende finanziell oft schlechter gestellt

    Das kann eklatante Folgen haben, denn vier von zehn Alleinerziehenden leben demnach von einem monatlichen Familiennettoeinkommen von unter 1300 Euro. Bei der Interpretation dieser Daten ist aber Vorsicht geboten. "Oft wird die Idee transportiert, Alleinerziehende haben’s schwer und deswegen geht es den Kindern schlecht", sagt der Soziologe Norbert Schneider, Leiter des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Das sei einerseits richtig, andererseits aber falsch.

    "Alleinerziehende leben sehr viel häufiger in ökonomisch schlechten Umständen im Vergleich zu in Anführungszeichen normalen Elternfamilien", sagt Schneider. Die sozioökonomische Lage beeinflusse die kindliche Entwicklung sehr stark. Das sei aber kein Merkmal dieser Lebensform per se: "Kontrolliert man statistisch sozusagen das Einkommen oder die ökonomische Lebenslage, dann unterscheiden sich Alleinerziehende von normalen Familien im Hinblick auf Lebenszufriedenheit oder im Hinblick auf kindliche Entwicklung gar nicht." Geld macht also den Unterschied und nicht die Frage, ob ein Kind mit einem oder zwei Elternteilen aufwächst.

    Ehe oder Kinder - Was ist Familie?

    Was ist überhaupt Familie? Wie viele Menschen braucht es, damit eine Familie ganz oder komplett ist? Und was ist sonst noch notwendig? Der Mikrozensus, die Statistik über die Deutschen schlechthin, versteht unter Familie alle Eltern-Kind-Gemeinschaften. Das war nicht immer so und wandelt sich weiter, sagt Professor Norbert Schneider vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung: "Das eher traditionelle Verständnis ist, Familie ist dort, wo Ehe ist. Da braucht es keine Kinder, ein Ehepaar bildet eine Familie." Vor etwa 20 - 25 Jahren habe sich eine modernere Sichtweise etabliert: "Familie ist überall dort, wo Kinder sind. Es braucht keine Ehe, sondern zwei Generationen."

    Allerdings stimmt dieses Familienverständnis mit einer wachsenden Zahl von Menschen nicht mehr überein. Die Evangelische Kirche von Westfalen ist 2014 zu einer anderen Definition gekommen, die inzwischen von einigen evangelischen Landeskirchen mitgetragen wird: "Familie ist dort, wo Menschen generationenübergreifend füreinander Verantwortung übernehmen", erklärt Martin Treichel, Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft das Projekt „Familie heute“. Blutsverwandtschaft oder unmittelbare Abstammung werde nicht mehr in den Mittelpunkt gestellt. "Da haben wir eben nicht nur Vater, Mutter, Kind und Hund, sondern diverse andere Familienkonstellationen."

    "Familie" braucht nicht zwingend Kinder

    Kinder sind nach der Definition der Evangelischen Kirche von Westfalen beispielsweise keine Voraussetzung für eine Familie. "Jeder Mensch hat eine Familie", sagt Treichel, "jeder Mensch ist von einer Mutter und einem Vater in die Welt gestellt worden, viele haben Geschwister. Viele haben auch Kinder, aber das ist nicht Voraussetzung, um von Familie zu sprechen." Es gebe schließlich auch Menschen, die ungewollt kinderlos seien, betont seine Kollegin Nicole Richter: "Und denen abzusprechen, dass sie keine Familie sind oder keine Familie haben, diese Meinung vertrete ich nicht."

    Die jüngste Diskussion um höhere Steuern für Kinderlose kann Richter deshalb nicht nachvollziehen und legt das Bibelzitat „Seid fruchtbar und mehret euch“ ähnlich aus wie manche Theologen: "Das kann man rein biologisch sehen, setzt Kinder in die Welt. Aber es kann eben auch für Menschen gesehen werden, die Wissen weitergeben, die Vertrauen weitergeben, die verlässliche Strukturen weitergeben." Gute oder schlechte Nachricht für alle Bewohner einer WG? Nach dieser Auslegung könnte schließlich auch eine Wohngemeinschaft eine Form einer Wahlfamilie sein. Füreinander da sein, Verantwortung übernehmen - das macht Familie nach dieser Definition im Kern aus.