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"Toy Story 4": Plastikbesteck in der Identitätskrise | BR24

© Walt Disney

"Toy Story 4"

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"Toy Story 4": Plastikbesteck in der Identitätskrise

Pixar geht wieder ins Kinderzimmer, um Spielzeug zum Leben zu erwecken. Wieder gelingt das in technischer Perfektion. In "Toy Story 4" stößt zur Gang um Cowboy Woody ein extrem fragiles Wesen, das nichts lieber tut, als sich in Mülleimer zu stürzen.

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Er kommt in schöner Regelmäßigkeit: Der Aufschrei, wenn in einem Filmtitel eine Ziffer auftaucht, die anzeigt, dass hier die Fortsetzung von der Fortsetzung von der Fortsetzung ins Kino kommt: Einfallslosigkeit, Geldmacherei, der Untergang der Filmvielfalt – die Vorwürfe wiederholen sich und sind so monoton wie es manche dieser Franchisevehikel tatsächlich sind. Aber eben nicht alle. "Toy Story 4" ist der erneute Beweis, dass eine gefühlt unendliche Geschichte nicht automatisch Ermüdungserscheinungen auslöst.

Technische Perfektion – und viel Gefühl

1995 revolutionierte Pixar mit "Toy Story" die Filmgeschichte. Das Abenteuer von Stoffcowboy Woody und seinen Spielzeugfreunden war der erste abendfüllende Animationsfilm, der komplett am Computer entstanden ist. Auch das löste einen Aufschrei aus – bei Zeichentrickpuristen. Die Aufregung von damals hat sich schon lange gelegt. Pixar produziert einen Oscarkandidaten nach dem anderen und sorgt für Staunen angesichts der von Mal zu Mal realistischer wirkenden Details. Regen, Grashalme, Stofftexturen, Plastikoberflächen – auch in "Toy Story 4" wird die Technikkarte wieder voll ausgespielt. Der eigentliche Joker der Geschichten ist jedoch wie immer auf einer anderen Ebene angesiedelt: der emotionalen.

© Walt Disney

Szene aus "Toy Story"

Ein Göffel auf der Suche nach sich selbst

Wie schon in den vorausgegangenen Abenteuern hat es Cowboy Woody mit einer ausgewachsenen Existenzkrise zu tun. Er hadert mal wieder mit seinem Schicksal, nicht mehr das beliebteste Spielzeug im Kinderzimmer zu sein. Zeit für Depressionen hat er jedoch nicht, denn der Sheriff muss für Ordnung sorgen: Es gilt, einen Neuzugang zu integrieren in die über Jahre hinweg gewachsene Gang aus Puppen, Plüschtieren und Plastikfiguren: "Darf ich vorstellen? Das ist Forky! Wir müssen alle gemeinsam dafür sorgen, dass ihm nichts passiert."

Das Problem: Forky hat suizidale Anwandlungen. Wann immer er einen Mülleimer sieht, springt er hinein und will nicht mehr raus. Ein eigentlich logischer Schritt, denn Forky wurde aus Wegwerfbesteck geformt. Hinzu kommt: Er hat von Haus aus eine Identitätsstörung. Der Göffel – halb Gabel, halb Löffel – wusste noch nie, was er eigentlich sein soll. Dass ihn ein Vorschulkind zum Spielzeug umfunktioniert und ihm Arme, Beine und Augen angeklebt hat, überfordert das zum Leben erweckte Etwas komplett.

Das Bedürfnis, geliebt zu werden

Was für jüngere Zuschauer ein anarchischer Spaß ist, birgt für Menschen mit etwas ausgereifteren Analysefähigkeiten weit mehr Deutungsoptionen. Niemand, ob Spielzeug oder Mensch, sollte sich in sein auf den ersten Blick naturgegebenes Schicksal fügen. Es gibt höhere Bestimmungen, man muss es nur wollen. Beziehungsweise muss man auch gewollt sein. Denn das Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung und die zermürbende Erfahrung der schleichenden Vereinsamung ist die emotionale Brücke zwischen allen "Toy Story"-Abenteuern.

Die zutiefst menschliche Angst, nicht geliebt zu werden, steckt tief drin in den Plüsch- und Plastikfasern von Woody und seinen Freunden – und sie spiegelt sich auch in den manchmal fast schon erschreckend entschlossen zugekniffenen Kulleraugen vieler anderer Neuzugänge in "Toy Story 4". Mit dem Wiederholungs-Wimpel muss deswegen niemand wedeln. Denn diesmal nimmt sogar eine der Hauptfiguren Abschied, weil sie lernt, dass man manchmal einfach neue Wege gehen muss. Fans der ersten Stunde könnte das durchaus die Kehle zuschnüren. Und es dürfte dafür sorgen, dass bei vielen Zuschauern vor allem ein großer Wunsch entsteht: dass diese perfekt durchdachten, ebenso lustigen wie warmherzigen und immer wieder überraschenden Abenteuer noch viele Fortsetzungen haben werden.

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