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"Touch": Fulminante Uraufführung an den Münchner Kammerspielen | BR24

© Audio: BR / Foto: Sigrid Reinichs/Münchner Kammerspiele

Falk Richter ist einer der renommiertesten Regisseure seiner Generation. Als Mitglied der neuen Leitung der Münchner Kammerspiele um Barbara Mundel hat er zusammen mit Anouk van Dijk die Intendanz nun mit der Uraufführung von "Touch" eröffnet.

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"Touch": Fulminante Uraufführung an den Münchner Kammerspielen

Mit einem Stück über die Befindlichkeiten der Menschen in Corona-Zeiten ist Barbara Mundel in ihre erste Spielzeit als Intendantin der Münchner Kammerspiele gestartet. In "Touch" findet Regisseur Falk Richter eindringliche Bilder.

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Bei „Touch“ sagt der Regisseur und Autor Falk Richter hätten nicht nur er und die Choreographin Anouk van Dijk Regie geführt, sondern auch die Coronaverordnungen der Stadt München. Und tatsächlich merkt man der gesamten Produktion an, dass ihre Ästhetik geprägt ist von infektionsschützenden Maßnahmen: Wer da mit wie vielen auf welchem Abstand tanzt, wer da wann welche Maske trägt, wer da wen, wenn überhaupt, nur durch Plexiglas berührt, das ist alles strengsten Regeln geschuldet. Doch da „Touch“ die zurzeit alles bestimmende Pandemie zum Ausgangspunkt nimmt, um auf eine zutiefst verunsicherte Gesellschaft blicken, deren ohnehin bereits seit längerem bestehende Atomisierung durch Maskenpflicht, Abstandsregeln und Berührungstabu nur noch deutlicher zu Tage tritt: Darum ist diese Coronaästhetik in keiner Weise einschränkend, sondern in ihrer zudem grellbunten Farbigkeit überaus erhellend.

Wie überhaupt Falk Richter und Anouk van Dijk getanzter und gespielter Szenenreigen mit dem Mut zu einer unmittelbaren Gegenwärtigkeit einen Blick zu werfen versucht, auf das, was wir da gerade in unsicherer Verzweiflung zu leben verdammt sind und auf das, was daraus eventuell entstehen könnte.

© Sigrid Reinichs/Münchner Kammerspiele

Szene aus "Touch" von Falk Richter und Anouk van Dijk an den Münchner Kammerspielen

Unruhige Menschen nennt Falk Richter seine monologisierenden Figuren, die sich zu Beginn aus dem Ensemble der tanzenden und dabei eruptiv aus ihrer Fassung gerissenen Leiber herauslösen. Sie erzählen von Ängsten und Einsamkeit und dem Horror des auf sich selbst Zurückgeworfen Seins, von Sehnsüchten nach Nähe und Berührung und von der Unfähigkeit dazu.

Und sie erzählen von Verschwörungstheorien: so als schaue man in den Kopf einer hysterisierten Gesellschaft, die durch ein Virus aus der Bahn geworfen ist. Dabei bewegen sich alle mit großem Abstand aneinander vorbei oder retten sich immer wieder auf die auf der Bühne herumliegenden Eisschollen, die aussehen, als sei das durch den Klimawandel dahinschmelzende Eis der Antarktis inzwischen schon in die Kammerspiele geschwemmt.

Der Moment einer Zeitenwende

Touch von Falk Richter und Anouk van Dijk wirft ein Schlaglicht auf den unmittelbaren Moment, in dem eine Pandemie eine Zeitenwende einläuten könnte, weil nicht nur unser Verhältnis zur Natur, sondern auch unser gesellschaftliches System zu Ende pervertiert ist.

Dabei schließt sich dem Pandemiepanorama, das auf der Bühne mal apokalyptisch mal satirisch grundiert daherkommt, ein zweiter Teil an, der dieses Panorama aus der Zukunft heraus in den Blick nimmt. Hier tut sich eine Art Museum auf, in dem malträtierte Nutztiere neben Figuren einer Herrschaftsgeschichte ausgestellt werden, als deren populärste und plaudertaschigste Ikone sich die kuchenessende Marie-Antoinette entpuppt. Dabei wird sie zum Symbol einer weißen Mehrheitsgesellschaft, deren größte Angst es ist, dass die Pandemie sie ihrer Privilegien berauben könnte.

© Sigrid Reinichs/Münchner Kammerspiele

Die kuchenessende Marie-Antoinette auch "Toch"

Es ist ein fulminanter Auftakt, der den neuen Münchner Kammerspielen unter Barbara Mundel da gelungen ist, noch dazu unter pandemischen Bedingungen, ein Auftakt, der ein spielfreudiges und tanzwütiges Ensemble auf die Bühne wirft, und der ungewöhnliche und eindringliche Bilder findet, für das, was dieser unserer Gegenwart gerade auf den Nägeln brennt. „Die Wirklichkeit nicht in Ruhe lassen“ ist das Motto dieser ersten Spielzeit der Kammerspiele. „Touch“ löst das ein.

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