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Totentanz statt Cancan: Morbider "Orpheus in der Unterwelt" | BR24

© Martin Sigmund/Oper Stuttgart

Wilder Höllentanz

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Totentanz statt Cancan: Morbider "Orpheus in der Unterwelt"

Bacchus ist ein Junkie, Pluto peitscht Frauen und Zeus hat auf gar nichts mehr Lust: Armin Petras inszenierte Offenbachs Operette als Schauerdrama der untergehenden Bourgeoisie. Gelacht wurde wenig, aber protestiert. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Stuttgart ist ja nicht gerade eine Bastion des Frohsinns, und die dortige Oper ist auch nicht für ausgelassene Heiterkeit bekannt, sondern allenfalls für feine Ironie. Über Jahre hinweg wurden die Zuschauer hier sehr erfolgreich zum Mitdenken und Mitdiskutieren erzogen, weniger zum Mitschunkeln, Mitsummen und Mitklatschen. Es war also von vorneherein klar, dass gestern Abend in Stuttgart beim berühmten Cancan in Jacques Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" garantiert nicht die Röcke fliegen würden. Und wie zu erwarten, wurde auch sehr wenig gelacht.

Stuttgart hadert mit Armin Petras

Regisseur Armin Petras zeigte einen düsteren Totentanz, so morbide und pessimistisch, dass ihn einige Zuschauer am Ende ausbuhten. Nun hat es Petras beim Stuttgarter Publikum ohnehin nicht leicht. Als Schauspielchef wurde er für seine Inszenierungen und für seine angeblich mangelnde Anwesenheit so heftig kritisiert, dass er frustriert das Handtuch warf und 2018 vorzeitig gehen will, statt, wie ursprünglich geplant, drei Jahre länger zu bleiben. Die Auslastung war im Sprechtheater zwischenzeitlich auf bescheidene 74 Prozent gesunken, soll allerdings momentan wieder steigen.

Pluto schwingt die Peitsche

Wie auch immer: Nach eigener Aussage geht Petras aus "familiären und persönlichen Gründen", tatsächlich ist er mit der Stadt wohl nicht recht "warm geworden". Insofern war es wenig verwunderlich, dass er an der Oper keine lustige, karnevalstaugliche Operetten-Sause inszenierte. Seine Eurydike ist zunächst geschundene Fabrikarbeiterin im Paris um 1870, heiratet dann den eitlen Künstler Orpheus, brennt schließlich mit dem sadomasochistischen Unterweltgott Pluto durch, hängt sich kurz darauf an den bräsigen Zeus persönlich und endet als Gefährtin in den Armen von Bacchus, einem Klebstoff schnüffelnden Junkie.

Glanz und Elend der Bourgeoisie

Hier wird also Aufstieg und Fall der Bourgeoisie beschrieben: Eine Frau will nach oben, will die Verhältnisse auf den Kopf stellen, aber die sind stärker als sie - und deutlich fader. Es stimmt ja: Offenbach hielt der neureichen Schickeria seiner Zeit den Spiegel vor, und sicherlich lag damals schon der Arbeiter-Aufstand der Pariser Commune in der Luft. Aber das hätten Petras und seine Ausstatterinnen Susanne Schuboth und Dinah Ehm sehr viel schärfer, direkter und einfallsreicher bebildern müssen. Den Cancan von vier Tänzern als "Dämonen" im Skelett-Trikot vorturnen zu lassen, reicht nicht, um die Abgründigkeit der Operette auszuleuchten. Die Götter im Himmel sind nicht etwa böse Kapitalisten oder schläfrige Großbürger, sondern Langweiler in Pastellfarben.

Es fehlte am Tempo

Die eigentlich herrlich satirischen Ensemble-Szenen plätschern fast griesgrämig vorbei. Es fehlt eindeutig Tempo, auch bei Dirigent Sylvain Cambreling, und somit die wichtigste Zutat für eine gelungene Operette. Josefin Feiler war als aufstiegsorientierte und genusssüchtige Eurydike leider viel zu harmlos, was ihren Orpheus, gespielt von Daniel Kluge, als Künstler antrieb, blieb völlig schleierhaft. Dagegen lieferte Max Simonischek eine sehr unterhaltsame Charakterstudie von Mars und Bacchus ab: Der Kriegsgott lässig in Adiletten, der Herrscher über den Rausch total kaputt als Dauerqualmer, Dauerkiffer und Dauerschnüffler. André Morsch fehlte es als Pluto an höllischer Entschlossenheit, Michael Ebbecke war als Zeus zu wenig abgebrüht und schmierig in seinen Bedürfnissen. Insgesamt also eine zu matte und vor allem witzlose Gesellschaftskritik, zumal Filmeinspielungen einmal mehr den Ersten Weltkrieg herbeizitierten, im Zusammenhang mit der Operette ein inzwischen abgenutzter Effekt. Im Programmheft bedauerte Karl Kraus übrigens, dass immer mehr Menschen nicht mehr in der Lage sind, im Theater den Verstand auszuschalten, wo die Operette doch vom Unsinn lebe. Wirklich tragisch!

© Martin Sigmund/Oper Stuttgart

Arbeiter unter dem Kreuz

© Martin Sigmund/Oper Stuttgart

Götter rebellieren

© Martin Sigmund/Oper Stuttgart

Zeus und Mars im Zwiegespräch