Archivbild Sänger Gerhard Polt und Campino von Die Toten Hosen
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Campino und Gerhard Polt

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Tote Hosen, Well-Brüder und Polt: Tourstart in Oberbayern

Seit dem legendären Protest-Konzert gegen Wackersdorf Mitte der 1980er machen sie gern gemeinsame Sache. Jetzt gehen die Punkrocker aus Düsseldorf mit den satirischen Stubenmusi-Guerillas aus Oberbayern zusammen auf Tour. Los geht's diesen Freitag.

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Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Damals, am 27. Juli 1986 beim Anti-WAAhnsinns-Konzert in Burglengenfeld, als die Biermösl Blosn in knallroten Lederhosen-Hotpants die Bühne enterten und ihren Abgesang aufs schöne Bayernland anstimmten, nachdem kurz zuvor die Toten Hosen grölend gitarrengerockt hatten.

Lederhosenträger und Tote Hosen

Beim gemeinsamen Fußballspielen abseits der Festivalbühne erhärtete sich der Verdacht: Der subversive Geist verbindet Tote Hosen und Lederhosenträger über musikalische Gegensätze hinweg. Nach dem Beckenbauer-Motto "Gute Freunde kann niemand trennen" spielen sich die Wells und die Düsseldorfer Punkrocker seither auch immer wieder künstlerisch die Bälle zu.

Und bald stieß, quasi als Libero, auch Gerhard Polt dazu, wobei der anfangs etwas Skepsis zu überwinden hatte, wie Tote-Hosen-Frontmann Campino unlängst dem BR erzählte: "Ich meine so die erste Begegnung mit Gerhard, das war schon etwas Scheues. Man hat sich gegrüßt, voller Respekt. Aber das dauerte, bis es dann auch herzlich wurde. Ich glaube, auch Gerhard brauchte eine kleine Weile, um uns einordnen zu können. Er musste auch erst begreifen, dass unser Humor sehr benachbart zu seinem ist und zu dem von den Well-Brüdern."

Biermösl Blosn-Texte auf Toten Hosen-Alben

Über die Jahre haben sich Polt und die Biermösl Blosn immer wieder mal mit satirischen Einwürfen auf Alben der Toten Hosen verewigt. Die Düsseldorfer Punkrocker revanchierten sich mit Gastmusikerauftritten bei Biermösl-Aufnahmen. Dazu gab’s regelmäßig gemeinsame Programme, zuletzt 2017 "Im Auge des Trommelfells". Da hießen die Biermösl Blosn – nach dem Ausstieg von Hans Well und dem Einstieg von Karli Well – "Well-Brüder aus’m Biermoos".

Was genau das Publikum nun auf der "Forever"-Tour erwartet, darüber herrscht höchste Geheimhaltung. Probenbesuche der Presse jedenfalls wurden nicht erlaubt. Nur so viel war vorher immerhin schon zu erfahren: Das Zusammenspiel soll intensiver ausfallen als je zuvor.

Campino mit Alphorn

Sie spielten diesmal "wirklich alles zusammen", sagt Stofferl Well. "Dem Breiti habe ich ein bisschen was auf der Zither gezeigt. Und dem Andi was auf dem Hackbrett. Und der Campino wird mit dem Alphorn einsteigen, das haben wir ihm besorgt. So haben sich die Hosen kulturell bei uns angereichert. Und umgekehrt lernen wir natürlich bestimmte Harmoniefolgen von den Hosen. Die haben wir uns angeeignet."

"Eine kulturelle Aneignung" sollte folglich der ursprüngliche Untertitel des Programms lauten. Das Wort "Aneignung" steht auch immer noch auf dem Plakat – aber durchgestrichen und ersetzt durch das Wort "Zumutung". Soll heißen: Gerhard Polt, die Well-Brüder und Die Toten Hosen können ihrem Publikum die kulturelle Aneignung nicht ersparen, auch wenn das manche als Zumutung empfinden mögen.

"Kulturelle Aneignung" – oder auch nicht

Ein Übernehmen in Wertschätzung von bestimmten musikalischen Stilen und Möglichkeiten, sei das, so Stofferl Well. "Der Bach war ein großer kultureller Aneigner. Der ist nach Italien runtergefahren und hat beim Vivaldi die Violinkonzerte kopiert und dann in Brandenburg wieder Konzerte im italienischen Stil dem Vivaldi nachempfunden. Das ist eine Grundschnittmenge, die wir miteinander haben, dass wir diesen Ausdruck bei Musik vollkommen daneben finden."

  • Raus aus dem Schwarz-Weiß-Denken: "Kulturelle Aneignung"

Etwas mehr Gelassenheit in solchen Debatten, findet Stofferl Well, könnte nicht schaden. Und dazu die Gabe zur Selbstironie. So wie sie sich auch im Titel des neuen Programms mit den Toten Hosen "Forever" ausdrückt, der natürlich auch nicht wörtlich zu nehmen ist. "Es ist alles endlich, und angesichts dieser Endlichkeit von einem selber, von einer Gruppierung und von einer Musik, die man macht, haben wir uns gedacht: Wir wollen‘s noch mal wissen, und wir machen uns den Spaß noch einmal."

Gerhard Polt, die Well-Brüder & Die Toten Hosen treten unter anderem auch in Wien und Berlin auf. Hier die Bayerntermine: Nach der Premiere in Schliersee heute (14.7.) stehen noch Altusried (19.7.), Spalt (21.7.) und Oberschleißheim (29. und 30.7.) auf dem Tourplan.

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