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"Total verrückt": Max Emanuel Cenčić belebt Bayreuther Barock | BR24

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Die Wagner-Festspiele fielen in diesem Jahr aus, doch erstmals feiert Bayreuth ab 3. September im Markgräflichen Opernhaus zehn Tage lang ein Barock-Festival. Dort werden auch "kubanische Drogenbosse" auftreten, verspricht der künstlerische Leiter.

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"Total verrückt": Max Emanuel Cenčić belebt Bayreuther Barock

Die Wagner-Festspiele fielen in diesem Jahr aus, doch erstmals feiert Bayreuth ab 3. September im Markgräflichen Opernhaus zehn Tage lang ein Barock-Festival. Dort werden auch "kubanische Drogenbosse" auftreten, verspricht der künstlerische Leiter.

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Also "normal" fand der Counter-Tenor Max Emanuel Cenčić seine Sopran-Stimme zunächst keineswegs, ganz im Gegenteil. Auch er selbst wunderte sich anfangs, dass er noch als erwachsener Mann singen konnte wie einst die Kastraten im 18. Jahrhundert. Das war damals, als der gebürtige Kroate in einem Benediktiner-Kloster lebte, um in England sein Abitur zu machen. Zuvor war der Sohn eines Dirigenten und einer Sängerin bereits mit den Wiener Sängerknaben ein paar Jahre lang um die Welt gereist, immer auf den Stimmbruch wartend - doch der kam nicht. "Irgendwann sagte einmal ein Musiklehrer in dieser Klosterschule, der selbst in der Chapel Royal, also in Windsor Castle, als Counter-Tenor gesungen hat: Ich denke, du bist wirklich Sopranist, also deine Stimme wird sich nicht mehr verändern, und das war ein kleiner Schock für mich, weil ich mir gedacht habe, oh Gott, was ist mit mir falsch gelaufen, also irgendwas ist nicht in Ordnung und der erste Gedanke war, du hast einen Hormonfehler oder eine Krankheit", erinnert sich Cenčić.

Den Staub zum Leben erwecken

Bis zum Alter von etwa 17 Jahren sang er viele Kunstlieder, etwa von Schubert, Brahms und Mozart, was er selbst angesichts seiner Jugend und seiner Sopran-Stimme für "kurios" hielt, aber nicht für "ernst zu nehmende Kunst". Doch schon bald entdeckte er für sich, wie spannend und reichhaltig das Barock-Repertoire war, auch, wenn die allermeisten Werke längst nicht mehr gespielt wurden, viele verschollen waren. Gerade das stachelte seinen Ehrgeiz an: "Diese archäologische Idee von etwas, das völlig vergessen ist und wo der Staub drüber wächst, das man irgendwoher wieder raus nimmt und zum Leben erweckt, das fand ich wahnsinnig faszinierend. Wir alle sind passionierte Musik-Archäologen, wir sind alle von der Geschichte und Kunstgeschichte fasziniert. Ich habe selten Kollegen getroffen, die sich nicht dafür begeistern, also wir teilen hier schon eine Leidenschaft."

© Jungblut/BR

Regiepult in Bayreuth

Und diese Leidenschaft kommt jetzt dem neuen Festival Bayreuth Baroque zugute, wo Cenčić in den kommenden Jahren als künstlerischer Leiter für die Belebung des Markgräflichen Opernhauses sorgen soll - immerhin ein Weltkulturerbe. Doch das reich geschmückte Barock-Juwel aus dem Jahr 1748 wird bisher zwar fleißig besichtigt, jedoch selten genutzt. Als Festivalstadt ist Bayreuth eben wegen Richard Wagner und dem Grünen Hügel weltweit bekannt. Kaum jemand weiß, dass es in der Stadt schon vor Wagner viel Opernbegeisterung gab, dass damals im örtlichen Fundus sage und schreibe 1000 Barock-Kostüme lagerten - von denen Cenčić demnächst gern einige Repliken in einem Museum ausstellen will, denn die kostbaren Stücke wurde teilweise in Zeichnungen festgehalten.

Wagner kam wegen der "Vorgeschichte"

"Ich finde, dass Bayreuth vor Richard Wagner eine unglaublich interessante musikalische Kulturgeschichte hat", sagt er dem BR. "Es kamen sehr bedeutende Sänger, Schauspieler und Tänzer hierher. Das ist schon bemerkenswert, was hier ablief. Wagner ist ja gerade deshalb nach Bayreuth gekommen und hierauf aufmerksam geworden, weil Bayreuth diese musikalische Vorgeschichte hatte."

© Lukasz Rajchert/Max Emanuel

Hingegossen: Cenčić in voller Barock-Pracht

Bei der Eröffnungspremiere von "Bayreuth Baroque" am kommenden Donnerstag wird Cenčić, der seinen Vornamen Max Emanuel von seinen Eltern übrigens zum 250. Todestag des berühmten, gleichnamigen bayerischen "Blauen Kurfürsten" bekam, als Bösewicht "Lothar" auf der Bühne stehen, in der Oper "Karl der Kahle" (1738). Das Werk wurde seit fast 300 Jahren nicht mehr aufgeführt.

Kokain-Bosse im Palmengarten

Eigentlich geht es da um eine frühmittelalterliche Familiensaga, doch Cenčić hat die Oper aus der Feder des seinerzeit berühmten Barockkomponisten Nicola Antonio Porpora als Regisseur kräftig modernisiert: "Wir sind jetzt eine große, südamerikanische Narco-Familie in einer Hacienda in Kuba - eine prächtige Hacienda, mit Palmen-Gärten und Innenhöfen. Wir sind Kokain-Drogenkartell-Bosse in dieser schwülen Atmosphäre mit Grillen und Vogelgezwitscher und zwischendurch geschieht Mord und Totschlag. Es ist eine total verrückte Geschichte, und ich habe dem noch etwas Pep gegeben, indem ich den Rest der Familie noch mit rein inszeniert habe."

"Gegengewicht zum ganzen Müll"

Natürlich gibt es auch in Bayreuth Bedenken, ein Festival während der Pandemie abzuhalten. Alle Mitwirkenden wurden auf Corona getestet, für das Publikum gelten strenge Hygiene-Regeln. Max Emanuel Cenčić wollte eine Absage unbedingt verhindern: "Der erste Grund ist natürlich der, dass ich meine Künstler, die wir eingeladen haben, auf keinen Fall wieder ausladen wollte, weil wir dieses Jahr soviel hinnehmen mussten an Stornierungen, und vor allem auch von Institutionen, die den Künstlern, den Freischaffenden für die Stornierungen nichts gezahlt haben, was ich eigentlich nicht in Ordnung finde. Außerdem denke ich, dass es heutzutage wahnsinnig wichtig ist, dass die Kultur digital zur Verfügung steht und abrufbar ist als eine Art Gegengewicht zu dem ganzen Müll, den man im Internet findet."

Und deshalb wird die aberwitzige Barock-Oper "Karl der Kahle" im kubanischen Drogenmilieu am 8. September auch live und in bester Tonqualität von BR Klassik online und im Radio übertragen.

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