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Darum ist der Staubsauger wichtig fürs familiäre Zusammensein | BR24

© Bayern2

Hikikomori sind Menschen, die ihr Haus nicht mehr verlassen. In Toshiki Okadas neuem Stück "The Vacuum Cleaner" an den Münchner Kammerspielen geht es genau um diese Menschen - und um einen Staubsauger, der irgendwie auch eine Hauptrolle hat.

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Darum ist der Staubsauger wichtig fürs familiäre Zusammensein

Hikikomori sind Menschen, die ihr Haus nicht mehr verlassen. In Toshiki Okadas neuem Stück "The Vacuum Cleaner" an den Münchner Kammerspielen geht es genau um diese Menschen - und um einen Staubsauger, der irgendwie auch eine Hauptrolle hat.

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Ein wenig ist es so, als sei er eine Person in diesem Stück: Der Titelheld: The Vacuum Cleaner. Der Staubsauger. Tatsächlich spielt er wohl in Japans Gesellschaft eine nicht zu unterschätzende Rolle. Denn in dieser Enge und Dünnwandigkeit, in der man dort zusammenlebt, ist der Staubsauger ein sehr beliebter und gängiger Übertüncher jeglicher Art von Geräuschen, die man den Nachbarn nicht hören lassen will.

In Toshiki Okadas Stück „The Vacuum Cleaner“ benutzt die Tochter des Hauses eben diesen Staubsauger, um ihre täglichen Wutausbrüche zu übertönen. Sie lebt als sogenannte Hikikomori im Haus ihres Vaters und gehört damit zu jenen Menschen, die dem gesellschaftlichen Druck des Landes nicht standhalten können oder wollen, und sich völlig zurückgezogen haben. Die meisten von ihnen, deren Anzahl in Japan auf über eine Million geschätzt wird, verlassen über Jahre oder Jahrzehnte nicht mehr ihr Zimmer oder ihre Wohnung. Viele leben bei ihren Eltern.

© Julian Baumann

Anette Paulmann in "The Vacuum Cleaner"

Auch Toshiki Okada beschreibt dieses sogenannte 8050 Problem, in dem hochbetagte Eltern für den Unterhalt ihrer Kinder aufkommen müssen und es zugleich als Schande empfinden, weil diese in ihren Augen versagt haben. Doch auch umgekehrt bestehen Schuldzuweisungen.

Rückzug aus der Arbeitswelt

Da schreit die Tochter alltäglich ihre Wut heraus, oben in ihrem Zimmer, während der Vater ein Stockwerk tiefer steht oder seine Kreise zieht. Und auch der Sohn hat sich längst aus der Arbeitswelt zurückgezogen, auch wenn er immer noch das Haus verlässt, um dann aber Stunden in Einkaufszentren oder Parks zu verbringen. Dann gibt es da noch eine dritte Figur in diesem engen, ineinander verschachtelten Dreiraumhaus, dessen Papierwände in den verschiedensten Farben märchenhaft leuchten können. Sie scheint als Erzählerin alles zu wissen und zugleich dann doch wie ein Geist zur Familie zu gehören, zumindest wundert sich nie jemand über ihre Anwesenheit. Auch sie wird schließlich als Hikikomori geoutet, die nie wirklich einen Schritt aus diesem Puppenhaus gesetzt hat. Und selbst der von außen kommende Freund beschreibt seine letzte Arbeitserfahrung als eine solche, die er nie wieder machen will.

Bewegung und Sprache als getrennte Ausdrucksmittel

Nicht also das Versagen des Individuums, sondern die Erbarmungslosigkeit des Systems nimmt Toshiki Okada mit „The Vacuum Cleaner“ ins Visier. Dabei scheint der gesellschaftliche Druck zugleich auch in die Körper seiner Opfer gefahren zu sein. Wie schon in seinen vorhergehenden Arbeiten an den Münchner Kammerspielen, hat der Regisseur mit seinen fünf Spielern auch jetzt wieder eine sehr individuelle Bewegungschoreographie entwickelt, die noch einmal jenseits der Sprache in teilweise komischer Absurdität davon erzählt, was in den Körpern gerade vorgeht. Etwa wenn Anette Paulmann als Tochter darüber philosophiert, ob sie schon einmal daran gedacht hat, den Vater umzubringen. Oder auch umgekehrt:

Und so zeigt „The Vacuum Cleaner“ auf ebenso leise, wie absurd melancholische Weise, welche Wirkung die perversen Auswüchse unseres kapitalistischen Systems auf den Menschen hat. Sei es nun in Japan oder anderswo.

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