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Tosender Mahlstrom der Schuld: "Evolution" bei der Ruhrtriennale | BR24

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Mit beklemmenden Bildern zeigt der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó in der Bochumer Jahrhunderthalle eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Zum "Requiem" von György Ligeti setzt er alles unter Wasser: Auschwitz, die Gegenwart und Zukunft.

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Tosender Mahlstrom der Schuld: "Evolution" bei der Ruhrtriennale

Mit beklemmenden Bildern zeigt der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó in der Bochumer Jahrhunderthalle eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Zum "Requiem" von György Ligeti setzt er alles unter Wasser: Auschwitz, die Gegenwart und Zukunft.

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Drei Tatort-Reiniger bei der Arbeit. Sie verschütten reichlich Desinfektionsmittel, sie haben Kalk dabei, sie streifen sich Gummihandschuhe über und schrubben die Wände. Dabei wird ihnen immer heißer, bis sie sich ihre Klamotten vom Leib reißen. Aber welcher Tatort ist das eigentlich? Ein düsteres Kellerverlies, eine Eisentür mit Guckloch, viele Duschen an der Wand. Das kann nur eine Gaskammer sein, ein Ort der Massenvernichtung.

Die Arbeiter ziehen Haare aus einem Ventilator in der Wand, Unmengen Haare. Haare überall, unter den Eisengittern am Boden, in den Duschköpfen. Sie ekeln sich vor diesen menschlichen Überresten, vor all dem Dreck. Plötzlich Baby-Geschrei, irgendwo ist ein Säugling versteckt, er lebt und wird gerettet. So beginnt "Evolution", ein beklemmender Abend über Trauer ganz allgemein, vor allem aber über den Holocaust.

© Heinrich Brinkmöller-Becker/Ruhrtriennale

Wasserfontänen im Verlies

Es sind ganz große, ergreifende Bilder, die der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó und seine Ausstatterin Monika Pormale in der Bochumer Jahrhunderthalle zeigen; Bilder, die dem Thema jederzeit gewachsen sind. Wasser schießt plötzlich aus geplatzten Rohren, der Abgrund wird zum Ritualbad oder Taufbecken, hoch in den Himmel steigen die Fontänen, bilden zuletzt einen Bogen, als ob die Sintflut ein Tor öffnet. Das sind Bilder, die ganz viel Raum für eigene Gedanken lassen und doch die Konfrontation erzwingen mit diesem unsagbaren, unbegreiflichen Ort - mit Auschwitz.

Angst vor Listen aller Art

Drei Generationen treten in "Evolution" auf: Eva, die im Konzentrationslager geboren wurde, überlebte, und zeit ihres Lebens unter Verfolgungswahn leidet. Sie hat Angst vor Listen aller Art, vor Sichtbarkeit, vor Hunger und Elend. Ihre Tochter Lena ist genervt von all diesen Alpträumen, will, wie sie selbst sagt, nicht "Überlebende" sein, sondern "Lebende", also die Vergangenheit abschütteln. Sie will auch das Wiedergutmachungs-Geld annehmen, das Eva ablehnt, einschließlich eines Verdienstordens.

© Heinrich Brinkmöller-Becker/Ruhrtriennale

Zeitzeugin ohne Gedächtnisstütze

Der Streit zwischen Mutter und Tochter in der Wohnküche, er steht im Mittelpunkt von "Evolution". Es ist eine tief beeindruckende Auseinandersetzung, erstens, weil sie auf ungarisch geführt wird mit deutschen Übertiteln, was den Streit für deutsche Ohren unwirklich, fast gespenstisch macht. Zweitens, weil die Videobilder lauter Großaufnahmen der beiden Schauspielerinnen Lili Monori und Annamária Láng vom Budapester Proton-Theater zeigen, als ob in ihren Mienen die Wahrheit liegt, die beide doch verdrängen, vertuschen, vergröbern. Die Erinnerung, sie trügt, der Schrecken, er lässt sich nicht mit Worten oder Gesten wiedergeben.

Tobende Gischt in der Küche

Die Zeitzeugin verheddert sich, ist vielleicht schon dement, kann nicht mehr aktengenau berichten. Am Ende stürzen abermals Wassermassen herein, diesmal in die Küche, ein wahrer Mahlstrom der Schuld, der alles mitreißt. Ein überwältigendes Zeichen, wie die Tochter hilflos mitten in dieser tosenden Gischt steht, nachdem ihre inkontinente Mutter gerade noch die Küche verschmutzt hat. Aber um welchen Dreck geht es wirklich? Um den des Faschismus natürlich.

© Heinrich Brinkmöller-Becker/Ruhrtriennale

Planet Erde in Zeit und Raum

Die dritte Generation: Jonas, der Enkel, spielt eifrig mit dem Smartphone, drückt seine Mutter einfach weg, wenn sie anruft. Er hat kein Interesse an den Themen der Vergangenheit. Er wird gemobbt beim Chatten, er muss niederträchtige Kommentare lesen, auch antisemitische. Die "Evolution" geht also weiter, fragt sich nur, wohin. Der Blick öffnet sich schließlich weit hinein in die Bochumer Jahrhunderthalle, ein gelber Laserstrahl umfasst den Raum, mittendrin eine Kugel, die sich als Planet Erde erweist. Blau leuchtend, mit weißen Wolken, aber ohne erkennbare Landmassen.

© Heinrich Brinkmöller-Becker/Ruhrtriennale

Tatort-Reiniger bei der Arbeit

Vergebliches Ringen um Hoffnung

Optisch ist dieser Abend phänomenal, technisch raffiniert, inhaltlich voller Denkübungen. Begleitet wird das Ganze von György Ligetis "Requiem", eine Musik, die Filmfreunde aus Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" kennen. Unter der Leitung von Steven Sloane sang der lettische Staatschor und spielten die Bochumer Symphoniker mit dem gebotenen heiligen Ernst, sehr verschattet, als ob jeder einzelne ächzte unter der Last der musikalischen Verantwortung. Das war klanglich weniger meditativ als aufrüttelnd, bohrend, anklagend. Ligetis Musik ist universal, allumfassend im besten Sinne des Wortes und gleichzeitig sehr konkret, hat er doch, Jahrgang 1923, Faschismus und Kommunismus persönlich durchlitten. Sein "Requiem" mag nichts mit Religion zu tun haben, aber sehr wohl mit namenloser Trauer, mit dem oft vergeblichen Ringen um Hoffnung. Eine sehr überzeugende Gesamtleistung der Ruhrtriennale.

Wieder am 7., 8., 12., 13. und 14. September 2019 in der Jahrhunderthalle Bochum.

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