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Tonaufnahmen der Kolonialzeit in neuem Licht | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: Deutsches Historisches Museum

Geschichte wird stets von den Stärkeren geschrieben, das war in der Kolonialzeit nicht anders. Nun aber wird diese Epoche neu bewertet – auch dank Büchern wie denen von Anette Hoffmann und Britta Lange.

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Tonaufnahmen der Kolonialzeit in neuem Licht

In der Kolonialgeschichte gaben weiße Wissenschaftler den Ton an, ihre Informanten waren oft nur recht- und namenlose Gehilfen. Zwei Forscherinnen haben nun Sprachaufnahmen dieser Zeit untersucht – und unternehmen den Versuch einer Gegenerzählung.

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Von
  • Hendrik Heinze

Zwei Bücher. Zwei engagierte Wissenschaftlerinnen. Ein gemeinsames Unterfangen: Sie wollen die Sprach- und Gesangsaufnahmen der Kolonialgeschichte noch einmal hören. Anders. Viel genauer! Mit dem Ziel, den Dokumenten einer meist gewaltsamen Wissensproduktion, wie die Fachwelt das nennt, etwas bisher Unerhörtes abzulauschen: Das Auftreten der Beforscher, vor allem aber die Standpunkte der Beforschten.

"Mein Buch", sagt die Afrikanistin Anette Hoffmann aus Köln, "ist eigentlich ein Versuch, das ganz systematisch anzuschauen oder anzuhören: Was können historische Tonaufnahmen? Gibt es einen anderen Zugang zur Kolonialgeschichte und insbesondere zur kolonialen Wissensgeschichte durch Tonaufnahmen? Und ich denke ja, den gibt es."

Aufnahmen waren eine Form von Gewalt

In ihrem Buch “Kolonialgeschichte hören” untersucht Hoffmann Tondokumente aus Wiener Archiven. Und so sehr die Forscher damals der Völkerkunde und der Sprachwissenschaft zu dienen versuchten, wenn sie Lieder einsingen oder Wortlisten einsprechen ließen, so problematisch erscheint uns heute ihr Umgang mit ihren Informanten. Viele Aufnahmen entstanden unter Zwang, etwa in Gefängnissen. Und dann waren da natürlich noch das riesige Machtgefälle und die unter Europäern vorherrschende Auffassung, dass es Menschen erster und Menschen zweiter Klasse gibt.

Hoffmann erzählt von einem Gewährsmann, der 1908 im heutigen Botswana auf Geheiß des sehr herrenmenschenhaft und skrupellos auftretenden Anthropologen Rudolf Pöch in den Schalltrichter eines Phonographen sprach – und dabei sogar gefilmt wurde. Informanten wie diesen damals so betitelten "Buschmann" nennt Hoffmann “Schattenfiguren”, weil sie als Bild erscheinen und doch als Person unkenntlich bleiben.

Das Akustische ernst nehmen

In ihrem Buch unternimmt die Kölnerin nun den Versuch, da etwas geradezurücken. Wiederzugeben, was die Beforschten eigentlich gesagt haben, wie sie hießen. Vielleicht sogar, wer sie gewesen sein könnten. "Das repariert natürlich nicht die Verzerrung", sagt sie, "die Schattenfigur wird davon nicht unbedingt zu jemandem, den wir jetzt ganz klar erkennen können. Aber es verändert unseren Blick auf die koloniale Geschichte."

Die Methode, die Hoffmann für ihre Spurensuche mitentwickelt hat, nennt sie "Close Listening", also: genaues Hinhören. Weil die Tonbänder eben mehr enthalten als Beispielsätze und Zahlenreihen. "Ich höre eben auch Tonfall, ich höre Pausen", sagt sie, "ich höre Lachen oder Husten - bestimmte Sachen, die mit der Stimme passieren. Das ist erst mal eine Möglichkeit, das Akustische wirklich ernst zu nehmen."

© Mandelbaum + Kadmos / Montage: BR

Die beiden Bücher: Anette Hoffmanns "Kolonialgeschichte hören" (Mandelbaum Verlag) und Britta Langes "Gefangene Stimmen" (Kadmos Kulturverlag)

Hoffmanns Kollegin Britta Lange ergänzt weitere Befragungen: "Was ist noch auf den Tonaufnahmen drauf? Welche Erkenntnisse ermöglicht das Hören zunächst im Unterschied zum Rezipieren eines geschriebenen Textes?"

Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Lange ist mit Hoffmann befreundet. Für ihr Buch "Gefangene Stimmen" hat auch Lange nach der gemeinsam entwickelten "Close Listening"-Methode gearbeitet. Untersucht hat sie Tonaufnahmen aus deutschen Gefangenenlagern. Hier waren im Ersten Weltkrieg Zivilisten und Soldaten aus den Feindstaaten interniert – unter ihnen auch viele Kämpfer aus den Kolonien Frankreichs und Großbritanniens.

Ein Gurkha-Soldat singt von der Heimat

Kolonialgeschichte wurde so auch an Orten wie Wünsdorf geschrieben, auch in Begegnungen, wie Lange in ihrem Buch beschreibt, etwa zwischen den Forschern der Königlich Preußischen Phonographischen Kommission und dem nordindischen Gurkha-Soldaten Jasbahadur Rai. Er singt ein Lied – aber für wen? Für sich, für die weißen Wissenschaftler, für die Nachwelt? "Er singt in meinem Kopf. Ich verstehe seine Sprache nicht", schreibt Lange. Und weiter: "Wenn mir scheint, er spräche zu mir – welche Rolle spiele ich dann in dieser Geschichte?"

"Ich spiele die Rolle der Hörerin, die aber nicht unbeteiligt ist", sagt sie im Interview. "Eine Stimme spricht zu mir, nicht nur inhaltlich, sondern auch körperlich und emotional. Und weil ich sie höre, bin ich auch Teil der Geschichte dieser Tonaufnahme." Ein nepalesischer Musikethnologe hat das Lied für Britta Lange analysiert. Der Soldat Rai erzählt darin sehr bildhaft vom Krieg, der ihn nach Deutschland führte, vom Heimweh, vom Trennungsschmerz. Es scheint kein tradiertes Lied zu sein, sondern der von Herzen kommende Gesang eines jungen Mannes.

Die Geschichte spricht zu uns – Lange und Hoffmann hören zu

Britta Lange und Anette Hoffmann haben verdienstvolle Bücher geschrieben, weil sie Stimmen wie diese in ausführlichen Beschreibungen des Gesagten zu Gehör bringen, bei Hoffmann zudem mit Links zu den Audiodateien und bei Lange mit einer beigelegten CD. Sie erzählen auch, wie die Wiederentdeckung und Neubewertung der alten Aufnahmen nicht nur die Kolonialgeschichte bereichert, sondern auch sie selbst – zwei Forscherinnen, die sich mehr als hundert Jahre später über die alten Aufnahmen beugen, sich von ihnen berühren lassen. Die Geschichte hat uns etwas zu sagen – diese zwei hören zu.