Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Jede Zeichnung ein Blitzkrieg: Zum Tod von Tomi Ungerer | BR24

© dpa

Zeichner und Illustrator Tomi Ungerer

Per Mail sharen
  • Artikel mit Bildergalerie
  • Artikel mit Video-Inhalten

Jede Zeichnung ein Blitzkrieg: Zum Tod von Tomi Ungerer

Für Kinder schuf er Riesen und Räuber, für Erwachsene zeichnete er erotische Cartoons: Tomi Ungerer war ein anarchischer Pendler zwischen der "heilen und der geilen Welt" - und ein großer Menschenfreund. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.

Per Mail sharen

"Eigentlich war ich ein Unfall", sagte Tomi Ungerer von sich. "Das hat mir meine Mutter später erzählt: Der Gummisschutz ging kaputt. Ich bin ein Unfall, und wenn man mich fragt, wer mein Vater ist, sage ich Elsässer: ein Pariser. So bin ich auf die Welt geplatzt." Tomi Ungerer war vieles: Ein einmaliger Kinderbuchautor und Illustrator, weltberühmt durch die "Drei Räuber". Ein Aphoristiker, der den Kalauer nicht scheute, und der Zeichner des "Erotoscope", eines voluminösen Bandes mit lauter erotischen Zeichnungen, zu dem übrigens Michel Houellebecq das Vorwort schrieb.

Schon als Schüler subversiv

Ungerer, der den Großteil seines Lebens im Ausland verbrachte, in New York, auf der kanadischen Halbinsel Neuschottland und in Irland, betonte stets, er sei Elsässer. "Ich bin stolz, Elsässer zu sein. Ich bin stolz auf mein bescheidenes Volk, auf Albert Schweitzer, die Marx Brothers, Bartholdi, dem wir die Freiheitsstatue verdanken, auf Sebastian Brant und sein Narrenschiff, das uns heute noch das Grinsen bewahrt, auf Hans Arp, Matthias Grünewald und Martin Schongauer." Das Elsass sei wie ein Klo, witzelte Tomi Ungerer mit Blick auf die Geschichte: ständig besetzt.

Pervers und subversiv sei er, attestierte man ihm in seinem Schulzeugnis, noch mit schlohweißem Haarschopf zitierte Ungerer das lachend. Und hielt dieser frühen Diagnose entgegen: "Zwei Sachen, die mich geprägt haben im Leben, sind Arroganz und Heuchelei. Das habe ich wirklich in meinen Büchern bekämpft." In den Vereinigten Staaten stand er wegen seiner unverhohlen massiv geübten Kritik an den Zuständen der amerikanischen Gesellschaft lange Jahre auf der schwarzen Liste – und meinte, dass sein liebstes Kinderbuch das von Wilhelm Busch war: "Das war 'Max und Moritz'. Das war ein großer Einfluss, und ich sage immer jetzt noch, ich bin halb Max und halb Moritz."

"Expect the Unexpected!"

Der eine spielte dem anderen dabei fortwährend Streiche, er sei ein "Pendler zwischen der heilen und der geilen Welt", sagte Ungerer gern. Ungeheuer produktiv war er dabei: Rund 40.000 Zeichnungen schuf er und veröffentlichte 140 Bücher. "Ich würde sagen, jede Zeichnung ist ein Blitzkrieg. Ein Kritiker hat mich den 'Schnellkünstler Ungerer' genannt." Dieser Schnellkünstler war nicht allein ein begnadeter Cartoonist, dessen Feder nie zimperlich war, sondern er war auch Werbezeichner und Texter von Slogans, die zu Redensarten und damit Bestandteil der Alltagssprache wurden: "Dont hope, cope!", zum Beispiel, von ihm selbst nur ungenau übersetzt mit: "Nicht hoffen, handeln!"

"In Amerika habe ich für den Village Voice so ein Schlagwort erfunden, und das ist jetzt in die englischen Sprache geraten: 'Expect the Unexpected!' Das ist meine Linie." Bei Ungerer musste man immer das Unerwartete gewärtigen. So auch in seinen alles andere als harmlosen Kinderbüchern wie zum Beispiel "Zeraldas Riese". Voller Lust am Detail konfrontierte er die jungen Leser mit bedrohlichen Riesen oder gefährlichen Räubern. Sein größter Erfolg indes war die 1975 veröffentlichte, einmalig bebilderte Sammlung von über 200 Volksliedern, das "Große Liederbuch".

Vom Tod fasziniert, ins Wortspiel vernarrt

Singen sei für ihn ein Bedürfnis, so Ungerer: "Volkslied, Schlager, deutsch, französisch, englisch, Blues, Western." Nach dem berühmten Lied "Die Gedanken sind frei" nannte Ungerer seine Erinnerungen an die ihnen prägende Kindheit im deutsch besetzten Elsass, die ihn dazu brachte, darauf zu pochen, Kinder so früh wie möglich Respekt gegenüber den anderen zu lehren: "Das ist eine der größten Sünden in dieser Welt für einen Zeichner oder Autor, den Kindern den Hass beizubringen."

Seit der Kindheit sei er fasziniert gewesen vom Tod, meinte Ungerer, eine Quelle der Inspiration sei der Tod für ihn gewesen. Und wortspielvernarrt, wie er war, schrieb dieser nun verstorbene große Künstler: "Lebe wohl und stirb noch besser." "Ich glaube, ich spiele gern mit Wörtern", so Ungerer über seine Liebe zur Sprache. "Und da ich meine Bücher in Deutsch, Englisch und Französisch schreibe, habe ich wirklich einen Spaß mit den Wörtern. Ich war einmal in Bayern, und es war mir immer eine Disziplin, einen Menschen in drei Sätzen zu beschreiben. Ich bin kein Balzac oder Günter Grass, die das klumpenweise auf drei Seiten setzen, drei Sätze sollten genug sein. Aber in Bayern habe ich es mit einem Wort geschafft. Ich saß da in einer Bierhalle, und da saß dieser bayerische Typ, ganz typisch mit Filzhut und Pfeife. Und dann habe ich in mein Heftchen geschrieben: ein Topfgesicht."

Tomi Ungerer ist im Alter von 87 Jahren in Irland im Haus seiner Tochter gestorben.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!