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"Ich suche meine Themen nicht, ich werde gesucht" | BR24

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Der Verlust seiner Geliebten treibt sein Schreiben voran: Der norwegische Schriftsteller Tomas Espedal wird im vorletzten Band seiner autobiografischen Erkundung zum großen Elegiker. Ungeschützt, sentimental und doch voller insistierender Schönheit.

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"Ich suche meine Themen nicht, ich werde gesucht"

Der Verlust der Geliebten treibt sein Schreiben voran: Der norwegische Schriftsteller Tomas Espedal wird im vorletzten Band seiner Selbst-Erkundungs-Serie zum großen Elegiker. Ungeschützt, sentimental und doch voller insistierender Schönheit.

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Ein Mann fährt im Zug nach Spanien, allein, betrunken, berauscht von der Geschwindigkeit und dem Gefühl, "niemand zu sein": Manchmal ist das Verschwinden eine Erlösung. Manchmal aber auch ein dunkler Schrecken: Am nächsten Tag wartet der Mann im Hafen von Barcelona auf seinen Vater. Er findet ihn unter den Touristen nicht, es dauert, bis er ihn am Handy erreicht. Und unvermittelt trifft ihn der Gedanke, dass der Vater sterben wird. Ich "höre an der fernen Stimme / sie ist nicht wiederzuerkennen / wegen der schlechten Verbindung / dass er weit weg ist / ich kann den Tod hören ich höre / dass er tot ist. / Mein Vater ist tot ich / telefoniere mit ihm. / Wo bist du rufe ich. / Ich bin hier sagt er. / Wo ist hier frage ich."

Eine meditative Tiefenbohrung

Das Werk von Tomas Espedal kreist um existenzielle Erfahrungen: das Sterben seiner Mutter und seiner Frau, seine komplizierte Ehe, Vatersein, Herkunft, Naturerlebnis, Kunst. Und immer wieder darum, von seiner großen Liebe – in seinen Büchern heißt sie Janne – verlassen worden zu sein. Auch wenn sein literarisches "Ich" nicht in seiner Person aufgeht, schreibt Espedal über sich selbst. Doch er breitet nicht die Details seines Alltagslebens aus, sondern unternimmt eine fast meditative, hartnäckige Tiefenbohrung. "Wenn Sie sehr subjektiv sind, kann das auch für andere interessant werden. Ich suche meine Themen nicht, ich werde gesucht. Ich muss die Dinge untersuchen, die mir entgegenkommen, und muss es so dicht wie möglich tun – denn dann, denke ich, wird es 'objektiv'. Jeder weiß, was Verlust oder Liebe sind, aber es ist nicht leicht auszudrücken. Und das versuche ich."

"Das Jahr" gehört zu einem auf zehn Teile angelegten Projekt Espedals, das unterschiedliche Textsorten wie Tagebuch, Roman oder Short Story erforscht. Der neue, vorletzte Band nun ist ein Langgedicht von fast 200 Seiten. Es begleitet ein Jahr von Frühling bis Herbst. Eine Kreuzfahrt mit seinem Vater konfrontiert den Erzähler mit dem eigenen Altern.

Der Verlust der Geliebten

Und noch einmal beschwört er seine Liebe zu Janne. Das Buch beginnt mit einer Wanderung in Südfrankreich auf den Spuren Petrarcas: Der Renaissance-Dichter hat seine Laura auch nach ihrem Tod besungen, bei Espedal treibt der Schmerz, verlassen worden zu sein und weiter zu lieben, das Schreiben voran. "Sie hat mir beigebracht Apfelsinen zu essen. / Ich bin der ideale Ehemann. / Der Anblick von irgendetwas Gelbem kann bei mir einen Zusammenbruch aus-lösen. // Nichts ist so beruhigend wie über Wurzeln und Tannennadeln zu gehen, unter Kiefern und gestörtem Sonnenlicht."

Espedal ist ein großer Elegiker. Seine feinfühlige Sprache macht aber nicht nur das Verlorene gegenwärtig: Stimmungen, Räume, Natur, überhaupt alles Sinnliche beschreibt er in lakonischer Intensität – das nächtliche Rauschen in einem Hotel am Fluss ebenso wie den Alltagsschock angesichts totgefahrener Tiere am Straßenrand. In der Gedichtform des neuen Buches noch konzentrierter und essenzieller als in der Prosa."Ich lese viel, während ich schreibe, weil ich die Vorstellung mag, dass Sprache von etwas beeinflusst sein muss. Aber ich bin nicht so sehr an Romanen interessiert, sondern eher an Lyrik. Es gibt so viele traditionelle Romane. Die Experimente in der Literatur – das wird in Deutschland nicht anders sein als in Norwegen – finden in der Lyrik statt." sagt Espedal.

Heikle Balance zwischen Aufrichtigkeit und Sentimentalität

In Espedals eigener Lyrik allerdings bleibt die Selbsterforschung wichtiger als das sprachliche Experiment. Sie kostet den Liebeskummer bis zum Selbstmitleid aus und legt die beinahe naive Identifikation des Erzählers mit dem großen Petrarca offen – ebenso wie die banale Regung, Jannes neuem Liebhaber aufzulauern, um ihn zu verprügeln. Dabei zeigt sich auch, wie heikel die Balance zwischen Aufrichtigkeit und sentimentalem Selbst-Gefühl sein kann. Und das Buch hat etwas Sentimentales, stärker als frühere Werke. Aber es hat eben auch die insistierende Schönheit aller Espedal-Texte, für die man es unbedingt lesen sollte.

Im letzten Band seiner zehnteiligen Reihe wird Tomas Espedal seinen Ich-Erzähler dem eigenen Tod ins Auge blicken lassen – ein Ende mit doppeltem Boden für ein Projekt autobiografischer Literatur. Und was kommt danach? Auf diese Frage antwortet der Autor Espedal so ungeschützt, wie sein literarisches Alter Ego von sich erzählt: "Das ist eine schwierige Sache. Jeder weiß, dass James Joyce mit dem 'Ulysses' den Roman verändert hat, Virginia Woolf hat in dieser Zeit 'Die Wellen' geschrieben, Marcel Proust seine 'Recherche': Mit diesen Idealen ist es wirklich schwierig, etwas Ähnliches zu erreichen, etwas, das gut ist und die Zeit überdauert; das man auch in 20 Jahren noch lesen kann. Das ist natürlich der Traum: Ich hoffe, am Ende etwas zu machen, auf das ich stolz bin und das ich für Literatur halten kann.“

Tomas Espedal, "Das Jahr" ist, übersetzt aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, bei Matthes & Seitz erschienen.

© Matthes & Seitz/ Montage BR

Tomas Espedal: Das Jahr, Cover

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