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Auf seinem neuen Album "Surrounded By Time" ist Tom Jones in Abrechnungslaune.

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Sex Appeal und Altersweisheit: Das neue Album von Tom Jones

Offene Hemden, viel Brusthaar und ein beeindruckendes Vibrato in der Stimme: Tom Jones ist eine Marke. Mit seinem neuen Album "Surrounded By Time" torpediert er das eigene Klischee – und ist in Abrechnungslaune.

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Von
  • Tobias Ruhland

Tom Jones ist in Abrechnungslaune, er markiert im Song "Talking Reality Television Blues" den Rächer, den altersweisen Anti-Helden: "Setzt Euch zu mir, liebe Freunde, ich erzähle Euch eine Geschichte über die verrückte Welt des Fernsehens. Ich hab die Anfänge miterlebt, hab Michael Jacksons Moonwalk gesehen und die Leute aus dem Fernsehen persönlich kennengelernt. Und dann auch noch dieser Donald Trump, dieser komisch-frisierte Mann mit den alternativen Fakten, der die Realität auf dem Gewissen hat", singt er.

Nach der Geburt für tot erklärt

Das erinnert stark an das Alterswerk von Johnny Cash. Auch, weil Jones auf Fotos fürs neue Album ebenfalls in langen dunklen Mänteln posiert. Ernster Blick, faltenzerfurchtes Gesicht, Man-In-Black-Pose. Kann das gut gehen? Freilich, Jones hat in seinem Leben schon auch viel mitgemacht. Seine Hebamme hat ihn gleich bei der Geburt für tot erklärt, weil er keinen Muckser von sich gab. Da packte die Oma den Säugling bei den Beinchen, tunkte ihn in kaltes Wasser und schleudert ihn wie ein Lasso durch die Luft – und plötzlich war Tiny Tim sowas von lebendig. Sowas prägt fürs Leben.

Einschneidende Erlebnisse verhandelt dann auch gleich der erste Song vom Album "I won't crumble with you if you fall". Da gospelt und heult der Tiger auf und betrauert den Krebstod von Gattin Melinda, mit der er sechs Jahrzehnte verheiratet war. Beeindruckend: Jones hat immer noch ein Vibrato und eine Stimme, dass er damit problemlos den Originalsong samt Interpretin Bernice Johnson Reagon von der Bühne föhnen könnte. "Meine Stimme ist etwas tiefer und ich singe auch mit mehr Tiefgang. Ich kann mich besser in die Texte reinfühlen als früher", erzählt der 80-jährige Jones. Ein weißer Wilson Pickett wollte er mal werden, Frank Sinatra wiederum fand einmal, Jones hätte die perfekte Jazz-Stimme.

Mehr Weisheit als Brusthaar

Doch der walisische Tiger entschied sich für eine Karriere als Sänger mit Sexappeal. Bezeichnend, dass Elvis Presley und er beste Freunde waren und sich gegenseitig Ringe schenkten: einer mit einem Tigerauge für Elvis und ein Riesen-Saphir-Klunker für Tom. Beide verschleuderten in ihren Las Vegas-Shows Schweiß und Talent gleichermaßen. Und einmal nach so einer Show kam einer zu Jones in die Umkleide und drückte ihm ein Demo in die Hand von einem Song namens "I'm growing old", im Original von Jazzmusiker Bobby Cole: "Den musst Du singen, der ist wie für Dich gemacht." Jones fühlte sich damals mit Anfang 30 zu jung dafür. Bis jetzt.

Es braucht seine Zeit, um sich daran zu gewöhnen: Bei Tom Jones sprießt inzwischen mehr Weisheit als Brusthaar. Im Schlafzimmer gehe es zwar nach wie vor rund bei ihm, aber das liege an den diversen Indoor-Rädern und Fitnessgeräten, die dort für ihn bereitliegen wie früher die zahlreichen Groupies. Die wilden Wein-, Weib- und Gesangjahre sind vorbei und Tom Jones fasst sie in seiner Bob Dylan Cover-Version von "One More Cup Of Coffee" zusammen, einem Lied übers keine Kompromisse machen und sich treu bleiben. Das muss auf Tom Jones' Alterswerk natürlich auch verhandelt werden. Stellvertretend dafür covert er "No Hole In My Head" von der Folk- und Blues-Sängerin und Politaktivistin Malvina Reynolds, die bei dem Song wohl an Bürgerrechte dachte. Bei Tom Jones' Version mit Sitar und 60s-Sounds denkt man eher an Hippie-Party-Freie-Liebe-Spaß. Schon wieder ein Klischee. Man denkt Tom Jones eben selber auch zu leicht als Klischee, zu tief ist dieses Sexbomb-Image verankert.

Tom Jones als Umweltschützer

Der Preis für die ganze Sexappeal-Nummer mit offenen Hemden, gibt Tom Jones zu: "Ich wurde als Sänger nicht so wirklich ernst genommen. Die meisten glotzten nur und hörten nicht mehr genau hin, was ich da singe." Insofern Respekt für Jones, dass er mit "Surrounded By Time" nicht müde ist, dieses Klischee selber zu torpedieren und sich zum Beispiel mit überraschenden Spoken Word-Nummern zum Umweltschützer aufzuschwingen. Klar, "Ol' Mother Earth" ist – wie fast immer bei Tom Jones – eine Coverversion, aber man merkt, dass es auch SEIN Anliegen ist, dass er das ernst meint – und wir Tom Jones auf seine alten Tage auch wirklich ein bisschen ernst nehmen können.

© EMI (Universal Music)/ Montage BR
Bildrechte: EMI (Universal Music)/ Montage BR

Cover: Tom Jones: "Surrounded By time"

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