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Todd Phillips’ "Joker" ist ein Abgesang auf den Kapitalismus | BR24

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Joker von Todd Phillips

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Todd Phillips’ "Joker" ist ein Abgesang auf den Kapitalismus

Batmans Gegenspieler, der Joker, war schon oft im Kino zu sehen. Doch "Joker" ist ein Drama, das so gar nichts mit einem Superheldenfilm zu tun haben will: Joaquin Phoenix spielt einen Außenseiter, der mit Gewalt gegen die Gesellschaft rebelliert.

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Achtung. Das ist kein üblicher Superheldenfilm – auch wenn im Mittelpunkt der Gegenspieler des berühmten Comic-Helden Batman steht. Joker, so sein Name, dargestellt von einem famosen Joaquin Phoenix, ist eher ein Sozialfall, das Opfer einer in den USA kaputt gesparten und sich in Auflösung befindlichen Fürsorge-Infrastruktur, in der den Menschen normalerweise geholfen wird. Jokers Sozialarbeiterin meint, er müsse zukünftig alleine zurechtkommen – ihre Abteilung sei dem Rotstift zum Opfer gefallen.

„Joker“ erzählt von der Psychogenese eines der eindrücklichsten Bösewichte der amerikanischen Kinogeschichte. Dieser Mann, der ambivalenter und deshalb interessanter erscheint als der melancholisch beflissene Weltenretter Batman, wurde in vergangenen Jahren von schauspielerischen Größen wie Jack Nicholson, Heath Ledger oder Jared Leto gespielt.

Braves Mitglied der Gesellschaft

Der Joker heißt eigentlich Arthur Fleck. Er wohnt zusammen mit seiner Mutter in einem schäbigen Appartement. Joker arbeitet für eine Agentur, die Clowns an Firmen und Kindergeburtstage vermittelt. Mit einem Schild, auf dem „Alles muss raus!“ zu lesen ist, versucht Joker vor einem Geschäft, das bald schließt, Passanten zum Ausverkauf anzulocken. Ein paar Jungs entreißen ihm die Werbetafel, der Clown rennt hinter ihnen her, bis er schließlich in einer Seitengasse zusammengeschlagen wird.

Noch nie war die Batman-Comicmetropole Gotham City so eindeutig New York wie in diesem Film. Chaos, Müllberge in den Straßen, das ständige Hupen von Autos. Dazu die ratternde, mit Graffiti besprühte Subway. Joker will alles richtig machen: Er nimmt brav seine Antidepressiva, gibt sich Mühe in seinem Job und versucht, nett zu sein. Doch meist wird er ignoriert oder verprügelt – und immer wieder wird er zum Gespött. Regisseur Todd Phillips erzählt von einem Außenseiter, der am Ende nur in Gewalt einen Ausweg sieht, um sich so einer ignoranten und rassistischen Gesellschaft zu erwehren.

Immer wieder bricht aus Joker ein scheinbar unkontrolliertes Lachen hervor, hysterisch und oft der Situation unangemessen, ein künstlich wirkendes Geräusch, das auch ein Weinen, Wimmern oder Schreien sein könnte. Immer schmerzverzerrter wird die Grimasse, die er der brutalen Stadt entgegenhält. Das ist eigentlich die ganze Geschichte, das Erleben der eigenen Ohnmacht, bis es zur Explosion kommt.

Anklage gegen den Neoliberalismus

Todd Phillips hat kein stereotypes Mainstream-Actionkino inszeniert, sondern eine düstere sowie faszinierend choreographierte und ausgestattete Anklage gegen den neoliberalen Kapitalismus. Obwohl der Film 1981 spielt, also zu Beginn der Präsidentschaft von Ronald Reagan, meint er durchaus die Gegenwart.

Filme seien für ihn immer ein Spiegel der aktuellen Gesellschaft, sagt Phillips, und „Joker“ sei vordergründig kein politischer Film, aber jeder, der wolle, könne ihn so sehen. Als Inspiration nennt Todd Phillips den Stummfilm „The Man, who laughs“ aus dem Jahr 1928, in dem ein in Ungnade gefallener Mann durch eine Operation zu einem künstlich geschaffenen, irren Grinsen verurteilt wird. Stilistisch orientiert sich Phillips an den Produktionen von Martin Scorsese aus den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren. „Joker“ ist eine Hommage an Vorbilder wie „Taxi Driver“ oder „The King of Comedy“. Der reiche Bürgermeisterkandidat im Film, ein skrupel- und empathieloser Tycoon in New York, wirkt hingegen wie ein Spiegelbild von Donald Trump.

Todd Phillips hat einen Abgesang auf den Kapitalismus inszeniert und auf die amerikanische Unterhaltungsindustrie. Es geht um Sexismus und die zunehmende Vernachlässigung sozialer Fragen. „Joker“ ist ein faszinierend intensives, zu großen Teilen kammerspielhaftes und am Ende gewaltvolles Porträt einer prekären Existenz, die keine Chance bekommt, etwas zu werden und zu sich selbst zu finden.

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