KEYVISUAL zu Tod und Spiele - München '72

KEYVISUAL zu Tod und Spiele - München '72

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    Tod und Spiele – München '72: Chronik eines Dramas

    Tod und Spiele – München '72: Chronik eines Dramas

    Die Olympischen Spiele 1972 enden dramatisch. Anlässlich des 50. Jahrestags rekonstruiert die vierteilige Doku-Serie "Tod und Spiele – München '72" aus verschiedenen Perspektiven den Tag, der als Geburtsstunde des internationalen Terrorismus gilt.

    26. August 1972: Die XX. Olympischen Spiele in München beginnen. Mit den "heiteren Spielen" will sich die Bundesrepublik Deutschland als weltoffene Demokratie präsentieren. Doch am 5. September nimmt ein Kommando der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" israelische Sportler als Geiseln – was dann passiert, hat sich ins kollektive Gedächtnis der Menschen eingebrannt: Die Geiselnahme endet mit einem Befreiungsversuch, der auf dramatische Weise scheitert.

    Zeitzeug:innen erzählen

    Anlässlich des 50. Jahrestags rekonstruiert die vierteilige Doku-Serie "Tod und Spiele – München '72" aus verschiedenen Perspektiven den Tag, der als Geburtsstunde des internationalen Terrorismus gilt. Überlebende der israelischen Mannschaft, deutsche Polizisten und erstmalig auch die beiden noch lebenden palästinensischen Geiselnehmer erzählen die Geschichte aus ihrer Sicht.

    Was lässt sich noch sagen über einen Tag, an den sich so viele Menschen erinnern, einen Tag, von dem viele noch genau wissen, wie sie ihn verbracht haben?

    Regisseure: "Fakten wurden verschwiegen"

    Zunächst einmal muss man die dramatische Abfolge der Ereignisse in all ihren Details erzählen und rekonstruieren, um der Wahrheit ein Stückchen näher zu kommen – und dafür braucht es Zeitzeug:innen, Menschen, die diesen Tag erlebten. Ob als Polizist beim plötzlichen und ungeübten Einsatz, als Mitglied der israelischen Delegation oder als Fernsehreporter, der seinen Augen nicht zu trauen wagte. Und natürlich als Angehörige der Geiseln, die stundenlang um das Schicksal des Mannes oder Vaters bangten.

    "Nach 50 Jahren und unzähligen Büchern und Filmen versuchen wir immer noch zu verstehen, was bei den Olympischen Spielen 1972 geschah. Viele Aspekte blieben unklar, von den unglaublichen Fehlern der Polizei bis zur überstürzten Freilassung der Geiselnehmer. Fakten wurden verschwiegen und die Angehörigen der Opfer bei ihrer Suche nach der Wahrheit allein gelassen." (Lucio Mollica & Bence Máté, Regisseure "Tod und Spiele – München ´72")

    Wie haben die israelischen Sportler und Sportlerinnen den Tag erlebt? Was haben sie gedacht, gehofft und befürchtet – als Teile ihrer Delegation aus dem Schlaf gerissen und von bewaffneten Terroristen überwältigt wurden?

    Aber auch: Was hat die palästinensischen Terroristen angetrieben, wie haben sie die Tat geplant, warum dieses grauenhafte Verbrechen begangen – und was hat sich in den Räumen des Olympischen Dorfes abgespielt?

    Die zwei überlebenden Geiselnehmer erstmals vor der Kamera

    So viele Fragen, die in minutiöser Präzision aufgearbeitet werden in der vierteiligen Doku-Serie "Tod und Spiele – München '72". Es ist eine Rekonstruktion des Schreckens, bei der erstmalig auch die beiden überlebenden palästinensischen Geiselnehmer ihre Version der Geschichte erzählen.

    "Einige unserer Protagonisten haben in der Vergangenheit bereits Interviews gegeben. Andere – wie die beiden Geiselnehmer, die noch am Leben sind – erzählen ihre Geschichte so zum ersten Mal vor der Kamera. Sie bleiben in der Logik gefangen, die sie in dem Flüchtlingslager, in dem sie aufgewachsen sind, gelernt haben. Sie kennen keine Gewissensbisse", erzählen die Regisseure Lucio Mollica und Bence Máté.

    Ein Tag aus vielen Perspektiven erzählt - mit Bildern, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, aber auch mit bisher unbekannten Archivaufnahmen.

    Die Recherche: Auf der Suche nach Zeitzeug:innen

    Die Autoren und Regisseure Bence Máté und Lucio Mollica sind monatelang durch den Nahen Osten gereist, wo der Anschlag seinen Ursprung hatte und wo der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern bis heute aktuell ist. Sie stützen sich auf persönliche Berichte und konzentrieren sich in ihrer Erzählung auf das Erleben der Beteiligten auf der israelischen, der palästinensischen und der deutschen Seite.

    Mohammed Safady, Deckname "Tarzan", sei einer der palästinensischen Geiselnehmer, berichten die Regisseure. Er sei jahrzehntelang für tot gehalten worden: "Für "Tod und Spiele – München ´72 tritt er erstmals vor die Kamera und erzählt, wie er und die anderen Terroristen am frühen Morgen des 5. September in das Apartment der israelischen Sportler eindrangen."

    Zu Beginn ihrer Recherche wissen die beiden Regisseure nur, dass noch ein Mitglied des Münchner Terror-Kommandos lebt: "Samer", so sein Deckname. Während ihrer Recherchen stellen sie aber fest, dass es noch einen weiteren Überlebenden gibt – er wurde jahrzehntelang für tot gehalten und lebte so unentdeckt. Sie führen viele und lange Gespräche – drehen über 100 Stunden Interviewmaterial. Bis heute gibt es massive Sicherheitsvorkehrungen, ehe überhaupt jemand über das Attentat in München spricht. Zuletzt finden die beiden Filmemacher ihn – Mohammed Safady, Deckname "Tarzan", der zweite Überlebende des Terrorkommandos von München. Er tritt zum ersten Mal vor die Kamera. Und er erinnert sich sehr genau – beispielsweise an den Moment, in dem er und seine Kameraden das Olympische Dorf überfallen:

    "Wir klingelten und die Wohnungstür wurde einen Spalt breit geöffnet. Sofort steckte Issa die Kalaschnikow in den Spalt, um die Tür ganz zu öffnen. Er kriegte sie aber nicht auf. Tony und ich steckten dann unsere Füße in den Spalt und der Israeli drückte von der anderen Seite. Tony schoss. Die Tür ging auf. Einer der Israelis floh mit einem Sprung durch das Fenster im ersten Stock. Sechs von ihnen haben wir geschnappt. Wir haben sie gefesselt. Dann ruhten wir uns kurz aus." (Mohammed Safady, Geiselnehmer vom 05.09.1972)

    Proteste gegen die Fortführung der Olympischen Spiele nach dem Attentat

    Bildrechte: ZDF

    Chaotische Befreiungsaktion

    Auf israelischer Seite berichten unter anderem die Sprinterin Esther Shachamorov und der Geher Shaul Ladany, der als Kind das KZ Bergen-Belsen überlebte und 1972 mit gemischten Gefühlen nach Deutschland reiste. Über die amateurhafte und chaotische Befreiungsaktion der Polizei im Olympischen Dorf sind die beiden Mitglieder der israelischen Olympia-Mannschaft bis heute fassungslos:

    "Alle konnten die Polizisten sehen. Ihre Leute waren als Sportler verkleidet. Sie kletterten auf den Dächern rum, und wollten von dort eindringen. Nur, dass das Ganze gefilmt wurde. Wir sahen das alles live im Fernsehen, genauso wie die Terroristen in ihren Zimmern." (Esther Shachamorov, israelische Sportlerin 1972)

    Episode 3 der Doku-Serie mit dem Titel "Zugriff" beschäftigt sich mit den stundenlangen zermürbenden Verhandlungen zwischen Krisenstab und Geiselnehmern, die sich schließlich darauf einigen, Geiseln und Terroristen nach Kairo auszufliegen – doch beide Seiten haben andere, geheime Absichten. Die Palästinenser wollen mit den Geiseln nach Tel Aviv und in ‚ihrem Land‘ die Operation fortsetzen, während die deutsche Polizei eine Befreiungsaktion auf dem Militärflugplatz Fürstenfeldbruck plant. Um Mitternacht verbreitet sich die Nachricht über eine erfolgreiche Befreiung aller israelischen Geiseln in den Medien. Doch das ist ein Irrtum, die Lage auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck eskaliert. Die "Befreiungsaktion" endet in einem blutigen Fiasko. Am Ende sind fünf palästinensische Terroristen, ein deutscher Polizist und alle israelischen Geiseln tot.

    Internationales Olympisches Komitee: "The games must go on!"

    Am Nachmittag des 6. Septembers gehen die Spiele weiter, die Überlebenden der israelischen Mannschaft kehren nach dem Anschlag nach Israel zurück, im selben Flugzeug wie die Särge mit den ermordeten Mannschaftskollegen.

    Esther Shachamorov, sowie alle anderen Protagonist:innen, überzeugen durch ihre unmittelbare Nähe zu den damaligen Ereignissen. Es sind sehr persönliche Berichte – von Überlebenden der israelischen Delegation, Angehörigen der Opfer, Einsatzkräften, aber eben auch von den Geiselnehmern. Ihre Aussagen stehen nebeneinander, oft gegeneinander. Das ergibt ein vielschichtiges Bild und lässt den Zuschauenden Raum für eigene Fragen.

    Sendetermine "Tod und Spiele – München '72":

    Webfirst: ARD Mediathek: alle 4 Episoden à 45 Minuten ab 26.08.2022

    Ausstrahlung Das Erste: 90-minütige Fassung am 05.09.2022, 20:15 Uhr

    Ausstrahlung BR Fernsehen: 2 Episoden am 07.09.2022, 22:00 Uhr und 2 Episoden am 14.09.2022, 22:00 Uhr

    Tod und Spiele München 72

    Bildrechte: IMAGO-Heinz Gebhardt

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