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The Cinematic Orchestra erkunden Schnittstellen zwischen Jazz und Elektro mit Hilfe von Sample- und Looptechniken.
© picture alliance / abaca
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The Cinematic Orchestra erkunden Schnittstellen zwischen Jazz und Elektro mit Hilfe von Sample- und Looptechniken.

"Der Titel soll uns alle couragieren, die Dinge mehr zu hinterfragen, jedenfalls mehr als gewohnt – im Privaten wie im Öffentlichen", sagt Dominic Smith. "'To Believe' heißt das Album, zu glauben. Das ist ein Vorschlag, unsere Meinungsbildung auf den Prüfstein zu legen: Was glauben wir und was nicht." Dominic Smith agierte früher eher im Hintergrund, nun ist er ganz offiziell die zweite kreative Kraft des Cinematic Orchestras neben Jason Swinsoe. Über fünf Jahre haben sie an "To Believe" geschraubt. Es ist ein Album, das in vielen Transiträumen und Hotelzimmern entstand, denn Swinscoe lebt wieder in Paris und Smith nach wie vor in Los Angeles. Nur wenn sie sich trafen, kam es zu gemeinsamen Sessions. Ihr musikalischer Hintergrund ist die House-Szene Londons der 90er-Jahre, wie sie sich in ihrem Label Label Ninja Tune manifestierte: Samples und Loops werden mit akustischen Versatzstücken in eine Collage montiert.

Samplen und modulieren - die langsame Entstehung eines Stücks

"Es ist ein sehr offener Prozess. Wir gehen mit der Band ins Studio und nehmen ein paar Melodien und Rhythmen auf, die wir skizziert haben. Diese Takes samplen und modulieren wir dann wiederum, es ist ein ständiges vor und zurück. Auf diese Weise erforschen wir unsere Ideen so tief wie möglich", sagt Swinscoe. So entsteht ganz langsam ein Stück. Ab einem bestimmten Stadium kommen die Gastsängerinnen und- sänger ins Spiel. Sie singen zu unfertigem Material, sprich den fertigen Song, wie er jetzt auf dem Album zu hören ist, haben sie während der Aufnahmen nur in Ansätzen gehört. Das aufstrebende Stimmwunder Moses Sumney hörten wir schon im Eröffnungstrack. Den Meisten noch unbekannt dürfte Grey Reverend sein, der eigentlich Larry D. Brown heißt, Labelkollege bei Ninja Tune. Jason Swinscoe lebte ein paar Jahre in Fort Greene in Brooklyn, New York, eine kreative Gegend. Hier wuchsen einige spätere Film- und Jazzgrößen auf wie Spike Lee oder Lester Bowie vom Art Ensemble of Chicago. "Ich traf Larry in einem Coffeeshop in Fort Greene, wo er Barrista war", erzählt Swinscoe. "Er spielte seine eigene Musik über die hauseigene Anlage, er ist Folk-Sänger. Mich sprach das an, wir kamen ins Gespräch und es entstand eine musikalische und später auch eine persönliche Freundschaft".

Musik die ein Leben verändert

Seitdem, seit 2007, ist Grey Reverend Teil des Cinematic Orchestras. Jason Swinscoe wollte den neueren Bandmitgliedern auf "To Believe" eine Plattform geben, auf der sie sich prominent präsentieren können – so auch Dorian Concept, autodidaktischer Jazzmusiker aus Wien. Und hier schließt sich ein Kreis: Denn für ihn war das erste Album des Cinematic Orchestras, "Motion", die ausschlaggebende Motivation in jungen Jahren, selber Platten zu veröffentlichen. Er entwickelte eine E-Mail-Freundschaft mit dem damaligen Saxofonisten der Band, Tom Chant, ohne zu wissen, dass er Jahre später selbst Teil der Band werden würde. Eine Anekdote, die möglicherweise etwas aussagt über das Standing des Cinematic Orchestras als Wegbereiter des momentanen Jazz-Revivals. "Es war großartig, ihn nun aufs Album einzuladen. Wenn jemand sagt, dass ein ganz spezifisches Album sein Leben verändert hat, dann ist das eine gewichtige Aussage. Aber wenn jemand fragt, ob wir uns verantwortlich fühlen für den momentanen Jazz-Hype, dann wären wir ganz schön verrückt das zu bejahen", sagt Smith.

"To Believe" ist ein typisches, veredeltes Laborprodukt des Cinematic Orchestras, das in epischen Reisen ihre bewährte Klangwelt ausbreitet. Swinscoe und Smith sind versessene Soundtüftler, die selbst in den letzten Produktionsstufen noch an Details schrauben, bis das Ergebnis ganz ihren Vorstellungen entspricht. Hier und da hätte man sich vielleicht etwas weniger breitwandmäßigen Streichereinsatz gewünscht und dafür etwas mehr Drive. Aber wenn man sich auf die Intimität des Albums einlässt, gibt es klangorgiastische, beglückende Momente. Eine akustische Zeitreise in die Frühzeit der Band, das dem aktuellen Jazz-Revival eine nostalgische Note hinzufügt.

"To Believe" von Cinematic Orchestra ist am 15.3. beim Label Ninja Tune erschienen.

"To Believe" von Cinematic Orchestra - Cover

"To Believe" von Cinematic Orchestra - Cover

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