Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

So machen die Tiroler Festspiele Erl nach den Skandalen weiter | BR24

© BR

Anfang Juli starten die krisengeschüttelten Festspiele in die Sommersaison. Nach dem Rückzug des skandalumwitterten Dirigenten Gustav Kuhn ist übergangsweise Andreas Leisner am Zug. Er setzt auf Verdis "Aida" und die "Vögel" von Walter Braunfels.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

So machen die Tiroler Festspiele Erl nach den Skandalen weiter

Anfang Juli starten die krisengeschüttelten Festspiele in die Sommersaison. Nach dem Rückzug des skandalumwitterten Dirigenten Gustav Kuhn ist nun Andreas Leisner in Erl am Zug. Er setzt auf Verdis "Aida" und die "Vögel" von Walter Braunfels.

Per Mail sharen

Für die Sendung kulturLeben sprach Peter Jungblut mit dem Interims-Chef Andreas Leisner über die schwierige "Erblast" nach den Skandalen und die Sommersaison in Erl, die in diesem Jahr vom 4. bis 28. Juli dauert.

Peter Jungblut: Stürmische Zeiten haben sie hinter sich, die Tiroler Festspiele in Erl bei Kufstein. Der langjährige Chef Gustav Kuhn zog sich nach vielen Negativ-Schlagzeilen zurück. Es ging um seinen persönlichen Umgangsstil, um die nicht immer ganz legale Beschäftigung von weißrussischen Musikern und vieles mehr. Das alles ist jedoch überstanden und die Sommersaison startet am 4. Juli, geleitet in diesem Jahr übergangsweise von Andreas Leisner, den ich hier bei uns im Kulturleben ganz herzlich begrüße. Ja, die schlimmen Zeiten sind vorbei, Sie können jetzt wieder in die Zukunft blicken!

Andreas Leisner: Genau, wir blicken in die Zukunft, und wir blicken auch wirklich in die Realität. Mitten in der Festspielvorbereitung geben wir jetzt unser Bestes und tun wieder das, wofür wir da sind, nämlich Musik zu machen und Kunst, und versuchen einfach, uns Mühe zu geben, für unsere Zuschauerinnen und Zuschauer das Beste herauszuholen.

Nun ist dieses Jahr eine Art Interregnum angesagt. Gustav Kuhn ist weg. Bernd Loebe, der neue Intendant, kommt erst im kommenden Jahr. Das ist so eine Brücke, die sie jetzt bauen müssen.

Ja, ich begreife das als eine sehr schöne Gelegenheit, als Chance. Ich versuche immer zu vermitteln. Interim ist sexy! Wir haben unglaubliche Möglichkeiten. Wir können vieles ausprobieren. Wir können Risiken eingehen. Aber wir können auch einfach diese Festspiele feiern, ohne auf die Vergangenheit traurig zu blicken und ohne sorgenvoll in die Zukunft zu schauen, sondern wir sind jetzt da und machen jetzt schöne Festspiele. Und das erfüllt mich mit einer großen Befriedigung. Und ich hoffe, unsere Mitarbeiter auch.

© Tiroler Festspiele Erl

Andreas Leisner

Es gibt ja zum Beispiel die „Aida“ von Verdi. Das ist ein Selbstläufer. Dafür braucht man eigentlich gar keine große Werbung machen. Die „Aida“ gehört ja zu den meistgespielten Opern überhaupt!

Ja, es war natürlich die Überlegung: Wir machen ein Festspiel. Was gehört zu einem sommerlichen Fest? Und da möchte man natürlich auch dem Publikum etwas anbieten, was es gerne sieht. Man möchte es natürlich aber auch mit einer Interpretation konfrontieren, die zum Nachdenken anregt oder die inspiriert. Großes Anliegen ist zum Beispiel „Die Vögel“ von Walter Braunfels, eine noch relativ unbekannte Oper aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, die wir jetzt wieder ans Tageslicht befördern. Und das ist eben auch Aufgabe der Festspiele, etwas zu zeigen, was sie sonst im Jahr nicht auf der Speisekarte der Musiktheater finden.

Wir reden gleich noch über „Die Vögel“ nach Aristophanes, dem griechischen Komödiendichter, aber zunächst für die Leute, die die Erler Festspiele nicht so genau kennen: Erzählen Sie ein bisschen. Sie spielen in einem Passionsspielhaus aus den späten fünfziger Jahren, einem wunderbaren Architekturjuwel. Und wie sieht es dort drin aus?

Sie haben vollkommen recht, die Tiroler Festspiele haben ihre Anfänge genommen im Passionsspielhaus. Dieses Jahr ist ein besonderes Jahr, denn dort spielen jetzt die Passionsspieler. Sie führen ja alle sechs Jahre die Passion das Leiden Christi auf, und in diesem Sommer ist es wieder soweit. Deswegen beschränkten wir uns mit unseren Aufführungen auf das Festspielhaus, das neu gebaute, wunderschöne und akustisch formidable Festspielhaus.

Gleich nebenan!

Ja, gleich nebenan. Wir sind wirklich gute Nachbarn in jeder Hinsicht und ergänzen uns. Die Passionsspiele sind am Nachmittag von eins bis vier, und wir beginnen um 18 Uhr oder um 19 Uhr also man könnte sogar beides anschauen.

© Tiroler Festspiele Erl

Szenenbild der "Bohème" aus der Wintersaison

Das Erkennungszeichen der Festspiele war ja bisher immer die „reduzierte“ Regie, also keine große Ausstattung, sondern hier gilt's der Kunst! Die Musik soll im Vordergrund stehen, die Sängerinnen und Sänger. Wollen Sie das beibehalten? Wie ist Ihr Verhältnis zum Regietheater, zur Ausstattung, zur großen Kulisse? Möglich ist das ja in diesem modernen Haus.

Ich habe ganz bewusst diese Sommersaison, die ich ganz alleine programmieren und gestalten konnte, dafür genutzt, den Beweis anzutreten, dass die Musik im Vordergrund stehen kann, auch wenn man eine hochwertige und ausdrucksstarke Szenerie auf die Bühne stellt und eine ambitionierte Regie. Das schließt sich nicht aus. Das muss nicht sein. Es ist richtig, dass die Ästhetik der Festspiele geprägt ist vom Passionsspielhaus, wo auch nicht viel Bühnenzauber möglich war und möglich ist. Aber im Festspielhaus nutzen wir im Sommer alle Möglichkeiten und zeigen eine, glaube ich, beeindruckende Bühnengestaltung, die über das hinausgeht, was es jemals in der Halle gegeben hat.

Und es ist einer der größten Orchestergräben, den ich überhaupt jemals gesehen habe, also die Musiker, die da spielen, die Instrumentalisten, die haben wirklich Platz!

Ja, das ist einfach eine luxuriöse Situation. Die Akustik ist phänomenal, durchhörbar, kräftig. Also, das ist ein Klang, in den sich unser Publikum auch verliebt hat. Und die Musiker fühlen sich auch wohl. Sie können einmal nicht bedrängt spielen, auch wenn unser Orchester immer noch sehr großzügig besetzt ist und einen tollen Sound hat. Aber niemand leidet in einem engen Orchestergraben. Das war unsere große Aufgabe, als das Haus gebaut worden ist,

Und für alle Autofahrer: Es ist geradezu Luxus, anzureisen, das Festspielhaus liegt direkt an der Inntalautobahn. Und es gibt ein fantastisches Parkhaus, kostenlos, extra gebaut für diese Festspiele.

Ja, wir bemühen uns, dass unsere Gäste wirklich viel Komfort haben. Sie haben auch freie Garderobe, sollte es mal notwendig sein. Das Programmheft ist kostenlos, die Parkgarage sehr angenehm. Und dann, in wenigen Schritten ist das Festspielhaus zu erreichen. Ich denke, man kann dort einfach einen Festspielabend genießen, ohne sich um logistische Dinge Sorgen machen zu müssen.

© Tiroler Festspiele Erl

Große Oper im Inntal

Und man kann wunderbar vorbei spazieren an grasenden Kühen, die ja auch zum Markenzeichen wurden auf Ihren Plakaten.

Richtig! Da muss ich allerdings eine klitzekleine Einschränkung machen: Natürlich müssen die Kühe im Juli auf der Alm sein. Wir haben sie bis zum Mai vor dem Haus. Wie haben sie im September wieder vor dem Haus. Im wirklich heißen Monat Juli müssen wir sie uns einfach vorstellen.

Sie haben schon gesprochen von den „Vögeln“ von Walter Braunfels, ein zu seiner Zeit durchaus bekannterer Komponist, inzwischen leider nicht mehr. Wie hat man sich die Musik der „Vögel“ vorzustellen?

Die Musik der „Vögel“ steht sicher in der romantischen Tradition, jetzt nicht so sehr eines Richard Wagner, sondern mehr eines Engelbert Humperdinck. Es ist ein Klangrausch, es ist ein Bad in schönen Klängen, vergleichbar mit den schönsten Momenten von Richard-Strauss-Opern. Sie haben richtig gesagt: Braunfels war der erfolgreichste Opernkomponist der Zwanzigerjahre, zusammen mit Strauß und Franz Schreker. Die Oper „Die Vögel“ wurde in München uraufgeführt, unter der Leitung von Bruno Walter. Alle waren hingerissen von dieser Oper. Aber dann verschwand Braunfels auf Druck der Nazis als Halbjude in der Versenkung, durfte nicht mehr aufgeführt werden nach 1933 und hat es nach dem Krieg mit dieser Klangsprache einfach nicht mehr in die Szene der Neuen Musik geschafft. Das Stück selbst ist aber wirklich ein Zeitdokument. Es ist wunderschön zum Zuhören. Es bietet für die Sänger eine wunderbare Entfaltungsmöglichkeit, ist kurzweilig und inspirierend, inhaltlich also ein Stück, was auf die Bühne der Festspiele gehört.

Vielen Dank, dass Sie hier bei uns im Kulturleben zu Gast waren.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!