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Timothy Garton Ash: "Wir müssen die Freiheit verteidigen!" | BR24

© Bayern 2

Der britische Historiker eröffnet heute Abend das Münchner Literaturfest. Dieses widmet sich unter anderem der Frage, wie sich die Welt seit dem Epochenjahr 1989 verändert hat. Mit Blick auf unsere Zeit spricht Garton Ash von einer Gegenrevolution.

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Timothy Garton Ash: "Wir müssen die Freiheit verteidigen!"

Der britische Historiker eröffnet heute Abend das Münchner Literaturfest. Dieses widmet sich unter anderem der Frage, wie sich die Welt seit dem Epochenjahr 1989 verändert hat. Mit Blick auf unsere Zeit spricht Garton Ash von einer Gegenrevolution.

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+++ Vom 13. November bis 1. Dezember 2019 findet im Kulturzentrum Gasteig das 10. Münchner Literaturfest statt. Timothy Garton Ash eröffnet am 13. November das Literaturfest mit einem Vortrag im Gasteig. Gemeinsam mit Ingo Schulze, Kurator des forum:autoren, diskutiert er im Anschluss über die Aus- und Nachwirkungen des Mauerfalls und die Folgen der Zeitenwende von 1989 für Europa und die Welt.

Susanne Koelbl stellt das von ihr initiierte berührende Poetry Project bei der 60. Münchner Bücherschau vor. In eindrücklichen Gedichten schildern geflüchtete Jugendliche ihre Erwartungen an das "europäische Paradies".

Die Gespräche des Abends werden von SZ-Feuilletonchefin Sonja Zekri moderiert, langjährige Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in Kairo und für den arabischen Raum. +++

Seit den frühen 80er Jahren war Timothy Garton Ash immer wieder in den Ländern Mittel- und Osteuropas unterwegs. Er verfolgte etwa den Besuch von 1983 Papst Johannes Paul II. in Polen und traf sich mit Dissidenten und Kritikern der Kommunistischen Diktaturen. In Reportagen und Essays schrieb er von seinen Erfahrungen, viele erschienen später auch in Büchern wie im Band "Ein Jahrhundert wird abgewählt". Im November 1989 erlebte Timothy Garton Ash in Berlin den Fall der Mauer. Dann fuhr er nach Prag, wo nach dem 17. November binnen weniger Tage das kommunistische Regime von der demokratischen Opposition – vereint im Bürgerforum mit Sitz im Theater "Laterna Magica" – gestürzt wurde: die Samtene Revolution in der Tschechoslowakei.

"Nach dem 9. November wusste man, dass es dort gut ausgeht", erinnert sich Timothy Garton Ash im Interview mit dem BR. "Das Theater in Prag heißt 'Laterna Magica'. Und das, was in Prag geschah, war magisch, weil eine erträgliche Leichtigkeit hatte, im Gegensatz zum berühmten Titel des Buches von Milan Kundera (Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, die Red.). Es war aber auch magisch im Gegensatz zu dem, was in Polen in den 80er Jahren passiert ist. Oder in Ungarn oder sogar in der DDR. Dort wusste man nicht, ob es gelingt oder ob es zu einer chinesischen Lösung kommen würde."

Die Beschleunigung der Geschichte

Timothy Garton Ash begleitete aufmerksam die Diskussionen und Entscheidungen im Theater "Laterna Magica", dem politischen Zentrum der Demokratie-Bewegung in der Tschechoslowakei. Ebenso besuchte er die großen Demonstrationen auf dem Prager Wenzelsplatz und am Letná. Er unterhielt sich wieder und wieder mit Václav Havel, der noch im Dezember zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt wurde. Rückblickend spricht der Historiker von einer enormen Beschleunigung der Geschichte im Jahr 1989.

"In Polen hat es zehn Jahre gedauert", erinnert Garton Ash. "In Ungarn zehn Monate, in der DDR zehn Wochen und in der Tschechoslowakei etwas länger als zehn Tage – aber dann doch. Und das macht das Besondere dieses Jahres aus. Nicht nur, dass es eine friedliche Revolution war. Sondern auch die unglaubliche, einmalige Beschleunigung der Geschichte."

© picture alliance

Der britische Historiker Timothy Garton Ash, einer der wichtigen Chronisten der Friedlichen Revolutionen des Jahres 1989.

Eine antiliberale Gegenrevolution

Das Jahr 1989 stand im Zeichen der Freiheit und der liberalen Demokratie. Auch Europa spielte damals eine zentrale Rolle für die friedlichen Revolutionäre. Timothy Garton Ash erinnert an Konrad Adenauers Wort vom "Magnet Europa". Dieser hat freilich, im Abstand von drei Jahrzehnten, erheblich an Kraft verloren. Nicht allein in der Mitte und im Osten Europas, aber eben auch dort, haben Populismus und Nationalismus an Stärke gewonnen. Unsere Zeit, so Garton Ash, stehe im Zeichen einer antiliberalen Gegenrevolution.

"Als Historiker soll man nicht überrascht sein", sagt Timothy Garton Ash. "Das passiert nicht selten in der Geschichte. Das ist auch eine Reaktion gegen einen Liberalismus, der reduziert wurde auf nur eine Dimension – die wirtschaftliche Dimension. Nicht die politische, nicht sie soziale, nicht die kulturelle. Das haben alle diese Populismen gemein."

Hoffen auf die "Nach-89er-Generation"

Über die friedlichen Revolutionen von 1989 schrieb Timothy Garton Ash, sie hätten aus Pessimisten Optimisten gemacht – so großartig war der Aufbruch in die Freiheit. Angesichts der Situation 30 Jahre später ist er, wie er sagt, noch immer optimistisch. Allerdings mit Einschränkungen. Der Historiker setzt auf die Angehörigen einer Generation, die er die "Nach-89er" nennt: Menschen, die heute zwischen 20 und 40 Jahre alt sind. Er sucht das Gespräch mit ihnen, will wissen, was für ein Europa sie sich wünschen. Dieser Tage, zum Jubiläum des Mauerfalls, auch in Berlin.

"Nicht, dass ich erzähle, wie wichtig Europa ist", so Timothy Garton Ash. "Sondern dass wir erst einmal zuhören, was für diese Generation wichtig ist. Noch eine kleine Illustration: Die Angehörigen dieser Generation kommen nicht mit dem Flugzeug nach Berlin, wie ich. Sondern mit der Bahn, wegen der Weltklimakrise."

Der Kampf um die Freiheit dauert an

Nach wie vor reist Timothy Garton Ash durch die Länder Ost- und Mitteleuropas. Im Sommer war er in Tschechien, dort hat er unter anderem die große Demonstration gegen den tschechischen Premierminister Andrej Babis verfolgt, der im Kommunismus als Mitarbeiter des Geheimdienstes tätig war. Es war die größte Kundgebung seit der Samtenen Revolution von 1989 – und ein klares Bekenntnis für Europa und die Demokratie. Der Kampf um die Freiheit, sagt Timothy Garton Ash, dauere an. Er müsse in jeder Generation neu ausgefochten werden.

Timothy Garton Ashs Buch "Ein Jahrhundert wird abgewählt. Europa im Umbruch 1980-1990" ist - übersetzt von Yvonne Badal und Andreas Wirthensohn - in einer erweiterten Neuausgabe im Hanser-Verlag erschienen.

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