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Tilo Nest als Azdak im Stück "Der kaukasische Kreidekreis" von Bert Brecht
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Tilo Nest als Azdak im Stück "Der kaukasische Kreidekreis" von Bert Brecht

Eigentlich wäre Tilo Nest ein Fall für die Bahncard 100. Denn der 59-Jährige kommt extrem viel rum: Er spielt in Berlin, inszeniert in Nürnberg, dreht fürs Kino und tingelt mit Musikprogrammen durch die Lande. Seine Bandbreite ist riesig: Mit dem Berliner Ensemble spielt er in Shakespeares "Macbeth", in Nürnberg inszeniert er das Erfolgsmusical "Lazarus", mit der Musik von David Bowie.

Schauspieler, die Ausflüge ins Regiefach unternehmen - wie Tilo Nest immer wieder mal seit acht Jahren - sind keine Seltenheit. Und in der Regel heißt es dann, sie hätten ein besonders gutes Gespür, wenn es darum geht, nun andere Schauspieler zu führen. Das ist durchaus so, sagt Tilo Nest, aber gar nicht mal immer nur von Vorteil: "Weil ich glaube, man kommt als Regisseur – ich sag das in aller Vorsicht – künstlerisch manchmal weiter, wenn man sein Ding durchzieht, gegen Befindlichkeiten und so."

Mit freundschaftlicher Autorität

Als Regisseur ist Tilo Nest dennoch keiner, der seine Vision auf Gedeih und Verderb durchzudrücken versucht. Er probiert es eher mit "freundschaftlicher Autorität", wie er das nennt. Soweit sein Arbeitsstil. Und der Regiestil? "Ich als Regisseur bin sicherlich zum Teil das Produkt der vielen interessanten Begegnungen, die ich haben durfte. Da sind Jürgen Gosch zu nennen, Thalheimer und Marthaler, Andrea Breth. Also sehr unterschiedliche Charaktere und auch sehr unterschiedliche Handschriften. Und irgendwie sind die alle durch meinen Körper durchgeflossen."

Kobolde und Jammerlappen

Einer der genannten Regisseure, Michael Thalheimer, war mit ein Grund, weshalb Tilo Nest 2017 nach sechs Jahren am Wiener Burgtheater ans Berliner Ensemble wechselte. Unter Thalheimers Regie spielt Nest in Berlin den Dorfrichter Azdak in Bert Brechts "Kaukasischem Kreidekreis" als eine Art boshaften Kobold mit überdimensionierter Zottel-Perücke. Außerdem spielt er Banquo, den die Häscher des machthungrigen Macbeth massakrieren.

Als Geist des Gemeuchelten tapert Tilo Nest da über die in Nebelschwaden gehüllte Bühne. Genau wie schon in der "Griechischen Trilogie" des australischen Star-Regisseurs Simon Stone. Stone zeigt die Männer als Jammerlappen, Tilo Nest spielt einen der jämmerlichsten von ihnen. Einen Unterhosen-Auftritt als peinliche Erscheinung bewältigt er schauspielerisch so souverän, dass die Peinlichkeit auf die Figur, nicht aber ihren Darsteller zurückfällt. Nests Begabung zur Selbstironie dürfte dabei durchaus hilfreich sein.

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kulturWelt vom 01.02.2019 - 08:30 Uhr