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Er dokumentierte Afrikas Tragödie: Starfotograf Peter Beard tot | BR24

© Eventpress Müller/Picture Alliance

Unerschrocken in der Wildnis: Der Fotograf Peter Beard starb, wo er gelebt hatte – in der freien Natur.

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    Er dokumentierte Afrikas Tragödie: Starfotograf Peter Beard tot

    Er galt seit 19 Tagen als vermisst. Jetzt wurde der berühmte Tier- und Naturfotograf tot in der Nähe seines Hauses in einem Naturschutzgebiet auf Long Island aufgefunden. 1965 machte er sich mit einem spektakulären Fotoband über Afrika einen Namen.

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    Viele Gefahren der Wildnis (und der Großstadt) überstand der leidenschaftliche Draufgänger mit bewundernswerter Unerschrockenheit. Nicht nur seinen amerikanischen Landsleuten galt Peter Beard daher als einer der "letzten Abenteurer", der für gute Fotos und attraktive Frauen große persönliche Risiken auf sich nahm, ja geradezu todesmutig unterwegs war. Wild war sein Leben übrigens in jeder Beziehung, sogar für New Yorker Verhältnisse. Mit seinen Affären und seinem Drogenkonsum sorgte der legendäre Naturliebhaber immer wieder für viel öffentliches Aufsehen.

    Seit dem 31. März war er vermisst worden. Jetzt wurde Beard, der seit längerem unter Demenz litt und einen Herzinfarkt überlebt hatte, in der Nähe seiner Heimatstadt Montauk auf Long Island im Camp Hero State Park in einem Wald tot gefunden. Das teilte seine Familie in einer Pressemitteilung mit, die von der "New York Times" zitiert wurde: "Uns allen bricht das Herz, nachdem der Tod unseres geliebten Peter bestätigt wurde. Er starb, wo er lebte: In der freien Natur."

    Trophäen-Sammler auf Zebra-Fellen als kritische Kommentare

    Seinen Durchbruch als Fotograf erlebte Beard 1965 mit dem Band "Die letzte Jagd" ("The End of the Game"). Zum 50. Jahrestag der Erstauflage wurde das Buch 2008 im Taschen-Verlag neu aufgelegt, ergänzt durch ein Vorwort von Paul Theroux. Mit ausgesprochen drastischen Bildern zeigte Beard die Hinterlassenschaften von Wilderern und Großwildjägern in Afrika, machte Fotos von verwesenden Elefantenkadavern, Skelett-Halden und abgezogenen Zebra-Fellen, auf denen Trophäen-Sammler posierten. In sechs Kapiteln dokumentierte er den Niedergang der afrikanischen Wildnis durch die Zumutungen der Zivilisation, vom Eisenbahnbau bis zu Rodungen. Wann immer es möglich war, kehrte Beard nach Kenia zurück, wo er Nachbar der dänischen Autorin Karen Blixen war, um über den großen Konflikt zwischen Natur und Mensch zu meditieren.

    © Sascha Radke/Picture Alliance

    Präsentation des PIRELLI Kalenders: Peter Beard mit Top Model Maria Carla Boscono und Marco Troncetti

    Gern erzählte der Fotograf Anekdoten von Lebensgefahr und Mutwilligkeit, die ihm mehr als einmal widerfahren waren: 1996 drohte ihn ein Elefant niederzutrampeln, ein Löwe war ihm mitten in der Nacht auf den Fersen, am Lake Rudolf, wo er Krokodile beobachten wollte, überstand er eine Schiffskatastrophe, bei der er übrigens ein lieb gewonnenes Tagebuch aus seiner Kindheit verlor. Die Blätter fanden sich dann kurz darauf wieder, mitten im Schlamm, und ein mitgereister Spezialist für Kroko-Leder trocknete es fachgerecht, wie Beard im Alter von 78 Jahren der Zeitschrift "Interview" verriet. Nie hätten die Seiten imposanter gewirkt als mit diesen Schmutz-Resten, doch im Juli 1977 gingen die Originale der Aufzeichnungen, die ihn berühmt machten, dann doch in Flammen auf – wie übrigens viele andere Unterlagen und sein gesamtes Eigenheim in Montauk.

    "Ich mochte schon immer Blut"

    In den vergangenen Jahren war Beard mit Blut bespritzten Fotos im Gespräch, wobei er entweder sein eigenes oder das von Tieren aus dem Schlachthaus verwendete: "Ich mochte Blut schon immer. Jeder hält mich für krank, aber die Sache ist die, dass Blut besser ist als jede Tinte oder Farbe." Es waren solche Zumutungen, weswegen er mit Kraftkerlen wie Ernest Hemingway oder F. Scott Fitzgerald verglichen wurde. Gelegentlich leistete er sich allerdings auch die altmodischen Ansichten, die diese Heroen einst hatten, etwa, wenn es um Homosexualität ging.

    Selbstredend setzte er die besten Models der Welt in Szene, fotografierte für den Pirelli-Kalender, für Top-Magazine wie "Vogue" und "Elle". Mit Candice Bergen, Jacqueline Onassis und Lee Radziwill wurden ihm Affäre angedichtet. "Das allerletzte, was der Natur geblieben ist", so Peter Beard, "ist die Schönheit der Frauen, daher bin ich glücklich, sie zu fotografieren." Er scheute sich 1963 nicht, selbst nackt in einem Avantgarde-Film aufzutreten ("Hallelujah the Hills!"), worauf er in der britischen Presse als "erwachsener James Dean" bezeichnet wurde.

    © Picture Alliance

    Hohe Promi-Dichte: Peter Beard (ganz links und in jungen Jahren) beim Tennis, zusammen mit Mick Jagger und Peter Hall

    Zuviel ist gerade richtig

    Ob er in Nairobi bis fünf Uhr morgens mit einem halben Dutzend Äthiopierinnen einen drauf machte, mit seinem Charisma und seinem unverschämt guten Aussehen das "Studio 54" belebte oder noch im Alter von 75 Manhattan unsicher machte: Seine Frau Nejma Beard, gleichzeitig seine Agentin, musste sehr duldsam sein. Eine Scheidung, die in den neunziger Jahren mal beantragt war, ersparten sich die beiden dann doch.

    Beard, der 1938 in eine reiche Familie aus Eisenbahn-Baronen hinein geboren wurde und insofern das amerikanische Pendant zum deutschen Playboy und Fotografen Gunter Sachs ist, inspirierte so unvergleichliche Künstler wie Salvador Dalí, Lucian Freud, Francis Bacon und Andy Warhol, tingelte mit Truman Capote durch Kansas City und war Hauptdarsteller im Film "In jenem Sommer" ("That Summer", 2017) von Göran Hugo Olsson. Darin erzählte Beard von seinem Vorhaben, gemeinsam mit Jacqueline Onassis und Lee Radziwill eine Dokumentation über ihre gemeinsame Jugend in East Hampton/New York zu drehen.

    Die Lebensweisheit "weniger ist mehr" ließ der Fotograf übrigens nicht gelten, sondern war überzeugt, dass "zuviel gerade richtig" sei. Gemessen an seinen Bekannten, Freunden und Abenteuern führte Beard wahrhaft ein Jahrhundert-Leben. Er wurde 82 Jahre alt.

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