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"Ausgrenzung und Rassismus werden gesellschaftsfähig" | BR24

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23 Prozent für die AfD unter Björn Höcke: Nach der Wahl in Thüringen blicken viele fragend auf die politische Landkarte. Der Rudolstädter Theaterintendant Steffen Mensching fürchtet eine immer weiterreichende Spaltung der Gesellschaft.

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"Ausgrenzung und Rassismus werden gesellschaftsfähig"

23 Prozent für die AfD unter Björn Höcke: Nach der Wahl in Thüringen blicken viele fragend auf die politische Landkarte. Der Rudolstädter Theaterintendant Steffen Mensching fürchtet eine immer weiterreichende Spaltung der Gesellschaft.

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Keine Mehrheit mehr für die bisherige rot-rot-grüne Regierungskoalition in Thüringen. Die AfD, die in diesem Bundesland besonders durch Björn Höcke und seinen Flügel geprägt ist, als zweitstärkste Partei. Und Stimmverhältnisse, in denen nur Koalitionen möglich sind, die immer mindestens schon einer ausgeschlossen hat … so stellt sich die politische Situation in Thüringen am Tag nach der Landtagswahl dar. Im Gespräch mit Steffen Mensching – Romancier, Schauspieler, Kabarettist und Intendant des Rudolstädter Theaters – blicken wir auf das Thüringer Wahlergebnis aus Kultursicht.

Judith Heitkamp: Was sagen Sie zum Wahlergebnis?

Steffen Mensching: Na ja, das ist das, was man befürchtet hat. Dass die AfD zu stark abschneidet. 250.000 Stimmen für eine Partei mit einem Quasi-Faschisten als Spitzenkandidaten, Björn Höcke. Jeder, der hier irgendwie Kultur macht, kann sagen, dass das eine große Sorge ist, dass solche Leute ans Ruder kommen könnten. Dass die rot-rot-grüne Regierung keine Mehrheit bekommen hat, war auch zu befürchten. Für die Kultur im Land sicherlich schwierig, weil Rot-Rot-Grün für die öffentlich geförderte Kultur eine ganze Menge gemacht haben.

Der Deutsche Bühnenverein hat Anfang des Jahres im Zusammenhang mit der AfD von einem Kulturkampf von rechts gesprochen. Jetzt stellt die Partei auch in Thüringen, mit deutlich über 20 Prozent, die stärkste Oppositionsfraktion. Wie sehen Sie das als Intendant? Wie wird sich diese Stärke der AfD im Landtag konkret für die Theaterarbeit auswirken?

Das weiß ich auch nicht so genau, was da im Landtag passieren und ob das so relevant werden wird. Viel entscheidender ist das gesellschaftliche Klima im Land, auch in den kleinen Städten, wo der Landtag gar nicht so sehr hineinreicht mit seinen Beschlüssen. Dieses Klima wird sich verändern, Ausgrenzung, Rassismus, Konzentration auf Deutschnationales werden gesellschaftsfähig. Solche Haltungen werden einen weiteren Aufschwung erleben. Es ist jetzt schon eine gesellschaftliche Spaltung zu konstatieren zwischen den Kräften, die eine offenere, tolerante, gerechtere, ökologische Gesellschaft anstreben und denen, die zu autoritären Strukturen und zu Ausgrenzung neigen, ist eine Spaltung zu konstatieren. Die wird sich vermehrt zeigen.

© dpa/ picture-alliance

Steffen Mensching, Intendant Theater Rudolstadt, Kabarettist und Schriftsteller

Die Wahlforscher haben ja am Wahlabend gesagt, ein Großteil der AfD-Wähler habe diese Partei aus Enttäuschung über andere Parteien gewählt und nicht so sehr aus Überzeugung.

Ich bezweifele, dass das stimmt. Man muss sicherlich differenzieren, was die Wählergruppen angeht, die die AfD gewählt haben. Da gibt es, glaube ich, einen Teil, der ist bekennendermaßen rassistisch, antisemitisch, antikommunistisch, anti-islamisch, viel, viel anti; auf jeden Fall radikal rechtskonservativ bis faschistisch. Und zwar ein nicht geringer Anteil, glaube ich. Andere Leute halten bestimmte Parolen der AfD für überzeugend, gegen Windräder, gegen das Dieselverbot, gegen alles Feministischeauch sie unterstützen ein anderes Gesellschaftsbild. Ich glaube, dass diese 23, 24 Prozent AfD-Wähler schon eine andere Gesellschaft anstreben. Viele junge Leute haben AfD gewählt, besonders in der Wählergruppe zwischen 18 und 25. Die Partei hat es geschafft, dass es für diese Menschen attraktiv ist, sich ein anderes Gesellschaftsmodell auf die Fahnen zu schreiben.

Setzen Sie da am Theater ganz konkret auf Auseinandersetzung? Oder ist es besser, extremistischen Haltungen kein Forum zu geben?

Wir setzen auf beides. Wir setzen auf Auseinandersetzung, dass man bestimmte Themen wirklich fokussiert, Faschismus, die Folgen des Holocaust und so weiter. Dass die im Spielplan eine Rolle spielen, das ist das eine. Zum anderen geht es, glaube ich, darum, früh Kinder zu Respekt und Toleranz zu erziehen. Dass es etwas Schönes sein kann, ethnische und kulturelle Vielfalt zu genießen, und dass eine Eingrenzung auf Nationales kein größeres Potenzial von Schönheit und Lebensgenuss bietet. Da muss man früh anfangen. Es ist ganz schwer, Leute, die anderen Überzeugungen anhängen, in ihren digitalen Blasen abzuholen und sie in analoge Räume zu bringen, wo sie sich mit anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen. Das ist, glaube ich, die Schwierigkeit, vor der alle Theater stehen: einen solchen Raum wieder zu bieten. Und Leute, die sich aus diesen Räumen längst verabschiedet haben, wieder hineinzuziehen.

Am Wahlabend ging es sehr oft um Sprache. Dass zum Beispiel "bürgerlich" ein sehr umkämpfter Begriff ist, kennen wir schon aus anderen Nach-Wahlkämpfen. Jetzt wurde rhetorisch um "die Mitte" gestritten. Sie sind ja ein Mann des Wortes, wie wichtig sind solche Begriffsbesetzungen?

"Mitte" ist natürlich ein interessanter Begriff. Er beschreibt, wo man sich trifft, wenn man von Extrempositionen ausgeht. Mitte verheißt Konsens. Aber man darf nicht die Augen davor verschließen, dass die Gesellschaft sich aufspaltet in Fraktionen. Die, die mehr Gerechtigkeit einfordern, auch mehr ökologische Gerechtigkeit, mehr Beteiligung an dem Projekt Demokratie, mehr Freiheit und Gerechtigkeit. Und auf der anderen Seite Positionen, die mehr Autokratie, mehr Hierarchie, mehr Führertum, mehr ethnische Gleichheit und Ähnliches apostrophieren. Wettbewerb zwischen links und rechts, da kommt die Mitte natürlich in ein Problem. Die CDU hat ja nicht nur an die AfD, sondern auch an die Linke verloren, das sind schon interessante Entwicklungen … der SPD geht es nicht anders. Und das ist nicht nur ein Trend in Thüringen, sondern bundesweit, europaweit. Diese Parteien müssen sich klar darüber werden, wo sie sich positionieren wollen. Die Extreme stellen uns vor die Frage: Wohin entwickelt sich die hochtechnologisierte westliche Welt?

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