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Eine dringende Warnung vor Thomas Brussigs Waschbär-Roman | BR24

© picture alliance / blickwinkel

In Thomas Brussigs Roman "Die Verwandelten" werden in einer Autowaschanlage aus Teenagern mysteriöserweise Waschbären.

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    Eine dringende Warnung vor Thomas Brussigs Waschbär-Roman

    Mit "Helden wie wir" und "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" wurde Thomas Brussig bekannt. Sein neuer Roman, der von der Verwandlung zweier Teenager in Waschbären erzählt, will Mediensatire sein. Doch das Buch ist zähflüssig. Und maximal mittellustig.

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    Dass Erzähler uns einen Bären aufbinden, sind wir als Leser ja gewohnt. Aber gleich einen Waschbären bzw. deren zwei? Genau das macht Thomas Brussig in seinem jüngsten Roman, in dem er zwei Teenager in eine Autowaschanlage gehen und sich darin auf mysteriöse Weise in zwei Waschbären verwandeln lässt. So beginnt "Die Verwandelten".

    Pubertiere im Gummistiefelland

    Es ist der 13. August 2023, und auch auf dem Video der Überwachungskamera von besagtem Tag (übrigens ein Sonntag, kein Samstag, wie hier behauptet) ist nicht zu erkennen, wie diese höchst mysteriöse Tier-Mensch-Transformation vonstattengegangen ist. Angeblich ist Fibi Hüveland, 16, und Aram Stein, 15 Jahre alt, – auf die Jan Weilers Wort "Pubertiere" hier besonders gut passt – die Idee zu all dem beim Youtube-Schauen gekommen. Denn da und auf Insta und Tumblr hängen sie rum, die Jugendlichen, während Facebook was für die Elterngeneration ist: "Facebook ist die neue Fernsehzeitschrift. Haben nur noch die, die zu alt zum Abbestellen sind." So sagt es eine Figur in diesem Roman, der in – Achtung, Brüller – Bräsenfelde spielt, einem fiktiven Kaff irgendwo im Mecklenburger "Gummistiefelland", wo der Autor Thomas Brussig selbst mit seiner Familie lebt.

    © picture alliance/dpa-Zentralbild

    Autor Thomas Brussig

    Blödeleien und Klischees

    Bei einer nächtlichen Autofahrt mit seiner pubertierenden Tochter, als zwei Waschbären ihren Weg kreuzten, will Thomas Brussig auf den Gedanken zu diesem Jux gekommen sein, der ein Hybrid aus wohlfeiler Medienkritik, abgestandenem Witz und misslungenem literarischem Prank ist. Prank sagt man heute, früher sagte man Streich, Schabernack oder Spaß, es ist halt Jugendsprache, "isso". Dass der 55-jährige seine Figuren diese Sprache sprechen lässt, die ungefähr so glaubhaft klingt wie ehedem Langenscheidts Wörterbuch "100 Prozent Jugendsprache", ist noch das geringste Problem. Viel schwerer wiegt, dass sein Buch nie auch nur im Ansatz über Blödeleien und Klischees hinauskommt.

    Da ist die quotengeile, lesbische Privatfernsehchefin Heidi Walissa, die schon bei der ersten Meldung über zwei in Waschbären verwandelte Teenies an ein neues TV-Format denkt – "Factasy?" – und natürlich mit den überrumpelten Erziehungsberechtigten des sprechenden Waschbären-Mädchens gleich einen Vertrag über exklusive Senderechte abschließt. Da ist Marleen Pawloweit, genannt "Empee", von der Lokalzeitung. Sie weiß:

    "Online-Journalismus war Frickeljournalismus oder Klickbalz. Frickeljournalismus war eigentlich schon gar kein Journalismus mehr: Aus Meldungen und Berichten, die im Internet herumschwirrten, setzte Empee Halbsatz für Halbsatz etwas zusammen, das wirkte, als habe sie höchstpersönlich den Präsidenten befragt, die Verschütteten aus den Trümmern gezogen und dem royalen Baby die Nabelschnur durchschnitten. – Klickbalz waren Beiträge ohne journalistischen Wert, die den Werbekunden zuliebe auf hohe Klickzahlen getrimmt wurden: 'Sieben Tricks für einen längeren Penis' oder 'Was Frauen auf Tinder erleben'."

    Man hört bei solchen Sätzen den Autor lachen über seine Worterfindung "Klickbalz" für clickbaiting, die leider allenfalls mittellustig ist. Genauso wie seine Schreibweise "Haesfau" (für HSV, kein Brussig-Roman ohne Fußball-Bezüge), die an Günter Grass' gruselhumorige "Espede" (für SPD) gemahnt.

    Ein Buch, vor dem man warnen muss

    Nein, es hilft auch nichts, dass am Ende dieser zähflüssigen Geschichte auch noch Ed Sheeran und Henning May von AnnenMayKantereit auftreten, weil die die Waschbären-Metamorphose von Fibi Hüveland so abgefahren finden. Man darf vermuten, dass diese beiden Musiker auch die Helden der Tochter des Autors sind. Komm mit mir ins Gummistiefelland, singt Thomas Brussig also, und man kann jeden verstehen, der seinem Lockruf nicht folgt. Am besten aber gefällt uns, dass just jener unschwer zu enttarnende "Nordsender" Brussigs Roman zum "Buch des Monats" erklärt hat, über dessen Inforadio Brussig in diesem Roman schreibt, dass es "lieber hundert Stunden langweilt als eine Minute zu marktschreiern". Mag über dieses missratene Buch "marktschreiern" wer will – ich möchte deutlich davor warnen.

    "Die Verwandelten", der neue Roman von Thomas Brussig, ist im Wallstein Verlag erschienen.

    © Wallstein Verlag

    Thomas Brussig, "Die Verwandelten"

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