BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Thilo Krauses Roman "Elbwärts" | BR24

© pa/dpa

Schriftsteller Thilo Krause

Per Mail sharen

    Thilo Krauses Roman "Elbwärts"

    "Elbwärts" ist Thilo Krauses erster Roman – und wurde gleich mit dem Robert-Walser-Preis 2020 ausgezeichnet. Im Roman ist die Kindheit ein unzugängliches Gelände. Trotzdem zieht es die Hauptfigur genau dahin zurück – an den Ort, wo er aufwuchs.

    Per Mail sharen
    Von
    • Mirko Schwanitz

    Thilo Krause ist hierzulande bisher nur wenigen ein Begriff. Der 1977 geborene stammt aus Dresden. Dort und in London studierte er später Wirtschaftsingenieurwesen und promovierte 2007 an der ETH Zürich. 2009 macht er Zürich zu seiner neuen Heimatstadt und arbeitet heute in den Elektrizitätswerken der Stadt. 2005 erschienen seine ersten Gedichte in Anthologien und Zeitschriften. Für seine drei Bisher veröffentlichten Lyrikbände hat er zahlreiche Preise erhalten.

    Ein Heimatroman, der keiner ist

    Für seinen Debütroman "Elbwärts" erhält der Autor nun den Robert-Walser-Preis 2020. In Bildern von großer dichterischer Intensität sei es Krause gelungen, das Eintauchen-Wollen in eine unwiederbringlich verlorene, nicht mehr zu berichtigende Vergangenheit sinnlich fassbar zu machen, heißt es in der Begründung der Jury.

    Von einem der zurückkehrt, erzählt uns Thilo Krause in seinem Heimatroman, der keiner ist. Er spielt zwischen den Felsen des Elbsandsteingebirges und gleicht manchmal einem der romantischen Gemälde, die entstanden, als die Maler des 18. Jahrhunderts das Gebiet für sich entdeckten: Lichte Blicke. Gruselige Schlünde. Das ist mein Fels. Ein windiges Riff, ein paar knotige Kiefern. Abends komme ich hierher, um unser Haus von oben zu sehen. Ich sitze vorm Abgrund. Hinter meinen schwanken die Baumkronen, dass ich schwindlig den Blick heben muss. (Auszug aus "Elbwärts")

    "Mein Protagonist ist eine sehr empathische Figur. Er ist der Natur sehr verbunden und nicht ohne Humor. Aber was er in seiner Kindheit erlebt hat belastet ihn schwer. Und deshalb kriecht er oft in sich selbst zurück, schließt sich in sich selbst ein. Der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben. Das heißt, wir befinden uns direkt im Kopf des Ich-Erzählers." Thilo Krause

    Was ihn mit den Landschaften der Kindheit verbindet, existiert nicht mehr

    Dem folgen die Leser nun in die Erinnerungen. Krauses zurückgekehrter Held spürt rasch, dass das, was ihn mit den Landschaften seiner Kindheit verbindet, nicht mehr existiert. In dieser außergewöhnlichen Situation, in die er sich zurückbegeben hat, kreise sein Denken vor allem um Vito, seinen alten Kinderfreund, und die Schuld, die ihn immer noch mit ihm verbindet, erklärt der Autor.

    Der Sandstein war warm und rau. Es war ein Krauchen und Reiben, immer weiter hinauf. Ich schob mich auf die äußere Kante des Blocks zu … Noch ein paar zitternde Züge, dann war ich oben. Die Kiefernkronen waren nah. Der Wind ging leise, und ich merkte, meine Finger bluteten und die Schienbeine waren zerschrammt. Unten stand Vito, der große Vito, zusammengeschrumpft, gestaucht aus dieser Perspektive. Er hatte den Rest Wäscheleine in der Hand. Schmeiß runter, rief er. Die brauch ich nicht. (Auszug aus "Elbwärts")

    Ungesichert stürzt Vito Minuten später ab und das unbeschwerte Leben unseres Ich-Erzählers in sich zusammen. Die Heimat wird ihm fremd, bevor er sie verlässt. Verzweifelt ist dieser Held und der Versuch, den Freund zurückzugewinnen, fast so waghalsig wie die einstige Klettertour.

    Eine leise und dennoch kraftvoll bildhafte Sprache

    Das alles erzählt Krause in Vor- und Rückblenden und einer leisen und dennoch kraftvoll bildhaften Sprache. Plastisch holt er uns die Felsformationen vors Auge, lässt er uns die flimmernde Hitze spüren und den kühlen Schatten zwischen den Schründen. Die Naturbeschreibungen korrespondieren mit den Seelenlandschaften des Helden. Die politischen Verhältnisse in der alten Heimat werden wahrgenommen wie von der Höhe einer gerade erklommenen Felsnadel.Von hier aus sehe ich sie. Ganz in Schwarz und Camouflage. Zwei Halbstarke, ein Mann und ein Deutscher Schäferhund an der langen Leine. Ihre Glatzen schimmern. Von den Camps, die sie organisieren, habe ich gehört. Man macht Feuer, trotzt dem Wetter. Man brät Würstchen und singt Lieder. (Auszug aus "Elbwärts")

    Thilo Krause ist selbst in der Sächsischen Schweiz aufgewachsen.

    "Die Sächsische Schweiz, wo der Roman spielt, ist für mich über die Jahre immer ein Rückzugsraum gewesen. Und gleichzeitig weiß ich, dass eine Rückkehr für mich unmöglich ist. Über die Jahre ist eine politische Stimmung aufgezogen, die mich betroffen und traurig macht."Thilo Krause

    Krauses Held kehrt zurück in eine Gegend, in der nicht nur die Felsen, sondern auch die Wahlergebnisse der NPD hoch sind. In der Neonazis "befreite Zonen" ausriefen, Rechte auf Linkenjagd gehen und Polizisten Flüchtlingskinder im Würgegriff aus Bussen in Sicherheit eskortieren. Doch all das bleibt im Roman ebenso unerklärlicher wie unerklärter Hintergrund. Dennoch: Eine dichte und psychologisch tiefgründige Geschichte über außergewöhnliche Freundschaft und narzisstischen Schmerz ist dem Autor mit "Elbwärts" gelungen. Für die Geschichte, die mitreißt und die Frage: "Was ist Heimat?" hat Thilo Krause eine melodiöse Sprache gefunden, die zu begeistern vermag."Schreiben ist immer schwer. Ich mache da keinen Unterschied zwischen Lyrik und Prosa", sagt der Autor. Für ihn entspringe alles aus der Sprache:

    "Ich muss einen Ton präsent haben, eine Stimme hören, als würde jemand aus dem Text heraus zu mir sprechen. Wenn es nicht klingt, mag ich es nicht lesen." Thilo Krause

    Thilo Krause, "Elbwärts", 206 Seiten, ist im Hanser-Verlag München erschienen und kostet 22 Euro.

    © Hanser Verlag

    Umschlagcover "Elbwärts" von Thilo Krause

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

    Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang