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"Ich vögel mich einmal durch die Weltgeschichte" | BR24

© Bayern 2

Bondage-Rollbraten, Tantra-Kurse, Orgasmic-Meditation-Seminare: In Sachen Sex gibt es gefühlt nichts, was Theresa Lachner nicht gesehen und erlebt hat. Ausführliche und natürlich intime Details dazu hat sie in ihrem neuen Buch "Lvstprinzip" notiert.

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"Ich vögel mich einmal durch die Weltgeschichte"

Bondage-Rollbraten, Tantra-Kurse, Orgasmic-Meditation-Seminare: In Sachen Sex gibt es gefühlt nichts, was Theresa Lachner nicht gesehen und erlebt hat. Ausführliche und natürlich intime Details dazu hat sie in ihrem neuen Buch "Lvstprinzip" notiert.

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"Ich finde überhaupt nicht, dass es ein 'Sexbuch' ist. Es ist natürlich ein Buch von einer Sex-Kolumnistin und deswegen geht’s auch um Sex. Aber ich glaube, es ist eigentlich ein Buch übers Leben geworden." Das sagt Theresa Lachner über ihr neues Buch "Lvstprinzip". Was als Sexbuch durch die Medien geisterte, soll also überhaupt keins sein? Zweiter Versuch, diesmal die etwas pointiertere Variante.

"Das Buch, das ich geschrieben habe, ist so ein Buch, das man eher von einem Mann erwarten würde: Ich vögle mich einmal durch die Weltgeschichte – das ist jetzt traditionell eher selten, dass Frauen das so machen und dann damit auch noch rumprotzen. Aber ich finde, wir haben jetzt lange genug irgendwelche ollen Typen sagen lassen, wie wir Lust zu empfinden haben. Und das jetzt mal umzudrehen, finde ich auch okay."

So Theresa Lachner, Journalistin, Kolumnistin, Sexbloggerin und Autorin eines Buches, das viel mehr als nur okay ist, sondern richtig Spaß macht. Und das bei einer thematischen Bandbreite, die von weiblicher Ejakulation bis zu transzendentaler Obdachlosigkeit reicht, vom Pickelwebsite-Texten in asiatischen Coworking-Spaces (sprich: von Onlinearbeitern bevölkerte Strandcafés) bis zum Bondage-Kurs im Bergmannkiez.

Kurzzeitmemoir einer Digitalnomadin

"Unsere Kursleitung stellt sich vollmundig als die Bondage-Koryphäe Deutschlands vor, ist mehr so alte Schule, und zeigt uns jetzt so zur Motivation erst mal, wie er seine Übungspartnerin mit rund sieben Meter Juteseil in eine Art dekorativen Rollbraten verwandelt". Theresa Lachner in "Lvstprinzip"

Kurzzeitmemoir könnte man das vielleicht nennen, was Theresa Lachner vorgelegt hat: Von der Digitalnomadin, die in fünf Jahren durch 36 Länder tingelt, zur angehenden Sextherapeutin mit festem Wohnsitz.

Anders gesagt: Ein autobiographischer Aufriss der 10er-Jahre, der anfangs wie eine Reisereportage anmutet, eine Tour de Force durch den fernen Osten, wo sie zum Beispiel Folgendes erlebt: "Isabell und ich passen uns schnell den einheimischen Gepflogenheiten an: wir kotzen viel ...." - und die schleichend der Erforschung des eigenen Begehrens Platz macht. Rasant erzählt ist beides, und das mit einer Benennungsbegabung und Beobachtungsschärfe, gleichzeitig komisch und hochempfindlich, wie man sie so ähnlich vielleicht nur aus den Reportagen von David Foster Wallace kennt.

Damit Leser*innen die Scham überwinden

"Am Anfang bin ich durch Vietnam und Kambodscha gestolpert und es war alles irgendwie so wow und krass … so viele Eindrücke, und die musste ich alle festhalten und schildern. Und nach ein paar Jahren als Digitalnomadin war's irgendwie so: Nö, schon wieder Bali! [lacht] Ich glaube, das spiegelt das irgendwie ganz gut wider in meinem Text." Wer Theresa Lachner zuhört, lernt schnell: Lust und Langeweile hängen also doch zusammen.

Wobei zum Schreiben über die Lust, zumal die eigene, noch mehr gehört, oder? Vielleicht eine Prise von diesem heroischen Schambewältigungsentäußerungsfuror à la Karl Ove Knausgard? Klares Nein der Autorin. Ihr Anliegen sei es, mit ihren Texten anderen zu helfen, ihre Scham zu überwinden. "Das ist ja eigentlich auch das Prinzip #MeToo muss man sagen, dass eine mutige Person angefangen hat, zu sagen, was bei ihr scheiße lief. Und auf einmal waren es ganz viele, und dann ist es halt kein Einzelfall mehr, sondern fast schon eine Mehrheit."

Auch davon erzählt dieses Buch, von einer schleichenden Politisierung: der Autorin und desjenigen, worüber sie schreibt. Lachner, zu Beginn eher Reporterin ihrer sexuellen und emotionalen Abenteuer, wird mit zunehmender Seitenzahl immer mehr zur Kommentatorin. Und der literarisch verspielte weicht einem mehr kämpferischen Tonfall. Das entspräche, wie sie glaubt, auch sehr dem Zeitgeist: "Ich wünschte, wir wären vor zehn Jahren schon so cool gewesen, Schule zu schwänzen und auf die Straße zu gehen und dafür zu sorgen, dass unsere Welt nicht komplett vor die Hunde geht, aber das waren halt andere Zeiten. Jetzt sind diese Zeiten. Und jetzt müssen wir halt alle was tun."

© Paula Winkler

Theresa Lachner

"Das erste Instagrambild ist wie das erste Mal Sex"

"Das waren halt andere Zeiten" – meint: So vor fünf Jahren. Und das ist die vielleicht überraschendste Einsicht, die dieses Buch bietet: Es zeigt, was für ein irres Tempo die Gegenwart hat. Zumindest, wenn man konsequent mitspielt. In der Hinsicht ist dieser literarische Selbsterfahrungstrip eindrücklicher als alles soziologische Beschleunigungsgerede. Entgegen der Versicherung im ersten Kapitel, dass alles, was komme natürlich total subjektiv sei und überhaupt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebe, ist Lachner nämlich auch das Porträt eines Milieus gelungen: der Global und Digital Natives, jener polyglotten Avantgarde, deren Leben die digitalen Revolutionen der letzten Jahre am stärksten verändert haben. Wobei man als Digitalnomadin und Irgendwasmitmedienmacherin mit Schwerpunkt Sex auch in dieser Gruppe noch vorne dran sein dürfte.

"Das erste Instagrambild ist wie das erste Mal Sex. Im Nachhinein betrachtet: Alles andere als Sex, im Nachhinein sogar ein bisschen peinlich, aber den Moment vergisst man nie." Und das ist nur Instagram. Von den ersten Malen im Tantra-Kurs, Bondage-Workshop und Orgasmic-Meditation-Seminar gar nicht zu reden. Kein Wunder, dass da auf 50 Seiten gefühlt drei Jahrzehnte vorbeirauschen, bis die Autorin aufklärt: drei Monate waren es. Lachner dazu lapidar: "Jetzt im Nachhinein denk ich mir: Hey, gab schon langweiligere Memoirs."

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Theresa Lachner: "Lvstprinzip" ist im Blumenbar Verlag erschienen.

© Blumenbar/ Montage BR

Cover: Theresa Lachner: "Lvstprinzip"

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