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Theologie der Krise: Sind Katastrophen eine Strafe Gottes? | BR24

© picture-alliance / akg-images

Der Isenheimer Altar

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    Theologie der Krise: Sind Katastrophen eine Strafe Gottes?

    Umweltkatastrophen oder Epidemien sind kein Phänomen der Moderne. Die Theologie hat schon immer versucht, darauf Antworten zu geben. Aber welche?

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    Von
    • Barbara Schneider

    Im Mittelalter tobt die Pest in Europa und fordert ihren Tribut: Rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung stirbt. Der Künstler Matthias Grünewald hat das Grauen deutlich vor Augen, als er zu Beginn des 16. Jahrhunderts den Isenheimer Altar malt. Jesus am Kreuz wird zum Pesttoten. Statt der Striemen, die die Soldaten Jesus bei der Geißelung zufügten, hat dieser Jesus aufgeplatzte Pestbeulen. Die Theologin Lisanne Teuchert von der Ruhr-Universität Bochum, erklärt die Aussage des Bildes so: "Das Bild sagt, Gott identifiziert sich gerade auch mit den Erkrankten, hinein mitten in das Leiden."

    Theologie im Mittelalter: Gott prüft den Menschen mit Leiden

    Die Kirche, so der Mainzer Kirchenhistoriker Claus Arnold, hat es zu Pestzeiten als ihre Aufgabe gesehen, sich um Kranke zu kümmern. Klöster, wie das Antoniter-Kloster in Isenheim, versorgten und pflegten Kranke. Das theologische Konzept, das in Darstellungen wie dem Isenheimer Altar zum Ausdruck kommt, sagt aus, dass Jesus so leidet, wie die Menschen auch leiden:

    "Indem eben die Leute, die geprüft werden durch Pest, andere Krankheiten oder Krieg, aufblicken zum leidenden Christus, der am Kreuz hängt und die Leiden annimmt, die ihm vom Vater auferlegt worden sind, können die Gläubigen Trost finden." Claus Arnold, Kirchenhistoriker

    Die Pest als Strafe Gottes

    Kirche und Theologie reagieren allerdings nicht nur mit Trost und Fürsorge in der Krise. Predigt doch die Kirche in dieser Zeit auch, die Pest sei eine Strafe Gottes für die Sünden der Menschen. Eine Prüfung, die Gott den Menschen auferlegt, damit sie der Sünde absagen. Der Mainzer Kirchenhistoriker Claus Arnold sagt dazu: "Die theologische Deutung, die man solchen Katastrophen gegeben hat, hat immer was mit der Anwesenheit von Sünde in der Welt zu tun. Und insofern interpretiert auch die Theologie diese Katastrophen als Folgen der Sünde in der Welt, sei es als Strafe Gottes oder einfach auch als Prüfung, die Gott den Gläubigen auferlegt."

    Luther sah es als seine Aufgabe an, bei den Menschen zu bleiben

    Krisenzeiten, das zeigt ein Blick in die Geschichte, sind schon immer Hochzeiten für Apokalyptiker, die den Weltuntergang beschwören. Selbst Martin Luther, der mit seinem reformatorischen Denken die Welt umkrempelte und sich gegen den Ablasshandel verwehrte, rechnete mit einem baldigen Weltende, sagt der Wiener Theologieprofessor Ulrich Körtner. Auch er interpretierte die Pest als Hinweis auf ein bevorstehendes Weltende.

    Aber das ist nicht alles: "Luther mag uns in vielem erst mal sehr fremd sein heute in seiner Vorstellungswelt, wo er eben auch mit dem Teufel wirklich physisch massiv gerechnet hat. Aber als in seiner Gegend die Pest wütete, ist er in Wittenberg geblieben und hat seine Aufgabe darin gesehen, den Menschen beizustehen, weil er sagte: Ich bin getröstet und Christus hat für uns das Gericht auf sich genommen. Weil er selbst nicht den zornigen Gott fürchtete, sondern gewiss war, dass Gott ihm gnädig ist, hat er daraus die Kraft geschöpft, sich mutig den Herausforderungen zu stellen."

    Erfahrungen des Sinnwidrigen

    Und heute? Die Corona-Pandemie fordert weltweit täglich Todesopfer, schränkt den Alltag der Menschen massiv ein und bedroht Existenzen. Angesichts dieser Krise sucht die Theologie auch heute nach Antworten. Auch heute werden Stimmen laut, die von der Strafe Gottes sprechen. Es ist ein Denken, gegen das sich heute katholische und evangelische Kirchen verwehren. Ein Virus, eine Epidemie oder ein Erdbeben sind eben keine Strafe Gottes, so Körtner:

    "Der Glaube hat für mich nicht darin seine Bedeutung, dass er uns auf alle Sinnfragen eine letzte Antwort gibt. Es gibt Erfahrungen des Sinnwidrigen, bei denen mir der Glaube vielleicht hilft, diese auszuhalten. Glaube hat auch etwas Widerständiges. Die Hoffnung auf Auferstehung ist auch eine Art von Protesthaltung gegenüber dem Tod." Ulrich Körtner, Theologieprofessor

    Dem Menschen im Leiden beistehen

    Letztlich geht es daher wohl vor allem darum, Menschen im Leiden beizustehen. Bei der Suche nach theologischen Antworten auf die Krise kann ein Blick auf die Renaissance-Darstellung des Isenheimer Altars helfen, sagt die Bochumer Theologin Lisanne Teuchert: "Zum Beispiel wurden auch in Isenheim die Kranken Teil des Ordens, wenn sie dorthin kamen. Ich glaube, da sind Kirche und andere religiöse Gemeinschaften eine Ressource, Träger im sozialen Gefüge."

    Und das heißt: Eine Theologie der Krise muss die soziale Dimension und die sozialen Folgen in den Blick nehmen. Die Kirche ist hier mehr den je in ihrem diakonischen Handeln gefragt.