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Warum Theodor Fontane nicht nur ein Konservativer war | BR24

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200 Jahre Theodor Fontane: Das Jubiläum wird groß gefeiert, doch viele verbinden mit Fontane nur Schullektüre. Für Fontane-Preisträgerin Peggy Mädler ist der Autor kein ferner Klassiker, sondern eine Figur mit Brüchen, die uns gar nicht fremd sind.

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Warum Theodor Fontane nicht nur ein Konservativer war

200 Jahre Theodor Fontane: Das Jubiläum wird groß gefeiert, doch viele verbinden mit Fontane nur Schullektüre. Für Fontane-Preisträgerin Peggy Mädler ist der Autor kein ferner Klassiker, sondern eine Figur mit Brüchen, die uns gar nicht fremd sind.

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Es ist Fontane-Jahr. Der Tag, an dem sich Theodor Fontanes Geburtstag zum 200. Mal jährt, liegt zwar erst im Dezember, aber schon längst ist Fontane 200 überall zu spüren. Und es gibt einen neu aufgelegten Fontane-Preis, dotiert mit 40.000 Euro, vergeben von der Geburtsstadt des Schriftstellers, Neuruppin, und dem Land Brandenburg. Ausgezeichnet wurde im Jubiläumsjahr die Schriftstellerin und Theatermacherin Peggy Mädler. Judith Heitkamp hat mit der Autorin über den Realisten Fontane und die Brüche der Geschichte gesprochen.

Judith Heitkamp: Frau Mädler, Kaiserreich, Bismarckzeit, Preußen – was fangen Sie mit Fontane an im Jahr 2019? Ist der nicht sehr weit weg?

Peggy Mädler: Erstmal ist eher erstaunlich, wie nah die Umbrüche und Transformationsprozesse seiner Zeit doch unseren Transformationsprozessen sind. Die Zeit, in der Fontane lebte, ist der Beginn der Industrialisierung, die Entdeckung des Massentourismus. Auch Fontanes Leben selbst ist ja voller Wendungen. Man kann es fast als moderne flexible Arbeitsbiografie lesen. Er fängt ja sehr spät erst an mit dem Schreiben und hat immer eine Mischfinanzierung gehabt, verschiedene Tätigkeiten, verschiedene Anstellungen. Also fast ein freiberufliches Leben, wie ich es aus einer heutigen Perspektive auch kenne.

Der hätte so einen Fontane-Preis wahrscheinlich auch sehr gut brauchen können... Man nimmt ihn immer so als Giganten des Realismus wahr, aber er hat durchaus prekäre Phasen gehabt in seinem Leben. Ist es heute für Schriftsteller genauso schwer – oder einfacher?

Sehr viele Autoren und Autorinnen leben ja nicht vom Schreiben allein. Bei mir ist es die Verbindung zur Theaterarbeit, ich unterrichte auch viel. Und darin muss man natürlich eine Balance finden, das ist das Schwierige. Gleichzeitig bereichert so eine breit gefächerte Arbeitsbiografie durchaus. Das ist bei Fontane schon auch sichtbar – diese journalistische Arbeit, die Zeitungsartikel, Notizen, die er sich gemacht hat und die dann wiederum als Inspiration in seine Romane eingehen. Ich merke schon auch, dass es bei mir so Verbindungen gibt, wo die Theaterarbeit das Schreiben inspiriert und umgekehrt. Das ist nicht nur ein Zwang oder eine Einengung.

Nicht das Erfinden, sondern das Finden der Stoffe sei die Aufgabe des Romanciers, hat Fontane dazu gesagt. Vielleicht hatte er es einfach als Journalist. Ist das für Sie auch so?

Ich würde sagen, ein großer Anteil von Finden spielt auf jeden Fall mit rein. Für meinen neuen Roman war es so, dass ich die Verknüpfung, die in dem Roman passiert, nämlich mit einer älteren Generation, tatsächlich gefunden habe. In einem Pflegeheim, wo ein älterer Mann zu mir sagte, als ich ihn fragte, was er denn so beruflich in seinem Leben gemacht hat: Ich hatte sieben verschiedene Berufe in meinem Leben und war in allen Amateur. Und dann erzählte er eine sehr, sehr bruchhafte, wechselhafte Biografie, die natürlich auch voll war von den Brüchen und Wendungen des 20. Jahrhunderts. Das ist so ein Fund, wo ich gemerkt habe, in dem Moment verknüpfte sich bei mir im Kopf die eigene Auseinandersetzung mit dem Bruchhaften meiner Biografie seit der Wende, mit diesen Geschichten, die so stark geprägt sind vom 20. Jahrhundert.

© picture alliance/akg-images

Fontane-Denkmal in Neuruppin

Die Zeit der DDR, ihres Endes, aber auch ihrer Vorgeschichte ist Ihnen sehr wichtig. In der Dankesrede zum Fontane-Preis haben Sie gesagt, Sie hätten eine große Sehnsucht, dieses Land auch von seinen Anfängen her zu erzählen und nicht immer vom Ende her, das wir ja nun alle kennen.

Ja. Es ist ja immer die Frage, was Herkunft eigentlich ist oder wo Herkunft eigentlich beginnt, mit welchen Geschichten. Verknüpft man sich selbst noch mit den Geschichten der Eltern und der Großeltern, was ich, glaube ich, sehr stark tue? Ich würde meine Herkunft tatsächlich immer aus dem 20. Jahrhundert heraus erzählen, auch mit den Glaubenssätzen und Erfahrungen schon meiner Großeltern. Wie man rückblickend Leben erzählt, das interessiert mich einerseits sehr. Andererseits weiß ich, dass sich darin Sachen verändern. Man gestaltet zum einen die Erinnerung, das Vergangene. Und zum anderen ist man natürlich in einer wissenden Situation, in der man nicht ist, wenn man in der Situation selbst drinsteckt. Und was die Anfänge der DDR anbelangt: Diese Momente des Aufbrechens, des Gestaltenwollens, auch des Reformierenwollens, die interessieren mich.

Sie erzählen praktisch ein ganzes Jahrhundert entlang an zwei Frauenfreundschaften auf der Ebene von zwei Generationen. Aber wenn wir schon über Vorgeschichten und Herkünfte reden und auch über Fontane, dann müsste man ja eigentlich auch über das 19. Jahrhundert reden. Tatsächlich war es ja so, dass Fontane mit seinen Themen und seinen Romanen gerade in der Zeit nach dem Fall der Mauer, in den ersten Nachwende-Jahren sehr viel gelesen wurde. Es gab geradezu ein Fontane-Comeback. Alle lasen und bezogen sich auf den Realisten des Vor-Jahrhunderts. Warum wohl?

Das ist vielleicht die gleiche Frage wie mit dem Palast der Republik und dem Berliner Schloss. Ich hatte in der Zeit das Gefühl, dass da erstmal eine große Sehnsucht war, hinter das 20. Jahrhundert zurückzugehen. Dieses 20. Jahrhundert ist natürlich voll mit Schmerzpunkten, mit traumatischen Erfahrungen, und die Wendezeit hat einen neuen Bruch ausgelöst. Damit ist aber gleichzeitig auch dieses 20. Jahrhundert zu Ende gegangen. Mir ist es tatsächlich nicht so gegangen, ich habe das Gefühl, ich fange jetzt erst an, mich langsam für die Zeit davor zu interessieren. Vielleicht aufgrund meiner Herkunft – weil ich selbst das Gefühl hatte, so stark aus den Brüchen und Veränderungen des 20. Jahrhunderts herzukommen.

Sie sind ja nicht nur Schriftstellerin, Sie arbeiten auch am Theater und mit Performances, im "Labor für kontrafaktisches Denken" stellen Sie die Realität infrage. Ist Ihnen Fontane da nicht eigentlich zu konservativ?

Er hat auf jeden Fall eine sehr konservative Seite, aber er ist sehr ambivalent. Er hat moderne, auch fast freche Seiten, er hat ironische Seiten. Was ich in seinen Romanen oder in einigen seiner Romane spannend finde, ist schon dieser Versuch, Figuren zu beschreiben, die versuchen, sich von ihren Herkunftsräumen loszulösen, die Gepflogenheiten und Verabredungen der sozialen Herkunft hinter sich zu lassen. Das führt bei ihm tatsächlich weitestgehend zum Scheitern. Aber ich mag es, dass er seine Figuren dabei sehr loyal behandelt. Er zeigt diese Ausbruchsversuche auf, bewertet aber selten die Figuren darin, sondern lässt den unterschiedlichen Figuren, die in diese sozialen Gepflogenheiten eingebunden sind, jeweils ihre Würde. Das gefällt mir sehr an ihm.

Peggy Mädlers Roman "Wohin wir gehen" ist bei Galiani Berlin erschienen.

© Galiani Berlin

Peggy Mädler, "Wohin wir gehen"

Die radioTexte am Donnerstag auf Bayern 2 senden in der Sommerlesung vier Folgen aus dem Roman "L'Adultera" von Theodor Fontane: am 1., 8., 22. und 29. August, jeweils um 21:05 Uhr. Es liest Armas Sten Fühler.

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