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Szene aus "Dionysos Stadt" an den Münchner Kammerspielen.
© Julian Baumann

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Szene aus "Dionysos Stadt" an den Münchner Kammerspielen.

Er hat es wieder geschafft. Wie in den meisten Jahren seit seinem Amtsantritt 2015 sind die Münchner Kammerspiele unter Intendant Matthias Lilienthal wieder zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Eigentlich ja eine Erfolgsbilanz. Und dennoch: mit Ende der kommenden Spielzeit wird Lilienthal seinen Posten räumen. Teile des Münchner Publikums und Stadtrats haben ihm die Lust vergällt. Lilienthal-Gegner werden nun sagen: die Einladung nach Berlin beweise doch nur, dass die Kammerspiele Theater machen, dass bei Kritikern gut ankommt; die Mehrheit der "normalen" Theaterbesucher dagegen könne nichts damit anfangen. Mit Blick auf die aktuelle Einladung ist diese Argumentation jedoch nicht haltbar.

Die Kammerspiele werden mit dem fulminanten Antiken-Marathon "Dionysos Stadt" von Hausregisseur Christopher Rüping nach Berlin reisen. Eine Aufführung von zehn Stunden Dauer. Derlei Sitzfleisch-Strapazen wollen sich selbst manche Stammzuschauer nicht aussetzen. Doch die Inszenierung wurde seit der Premiere im Herbst schon zehn Mal gezeigt und kann sich dank wachsenden Zuschauerzuspruchs im Spielplan halten.

Die Kammerspiele sind an einem weiteren Stück beteiligt

Wer sein Publikum für eine Zehn-Stunden-XXL-Aufführung zu begeistern vermag, kann so viel nicht falsch gemacht haben. Zudem sind die Kammerspiele noch an "Oratorium" beteiligt, einer ebenfalls nominierten Produktion der Freien-Szene-Heldinnen von She She Pop, die sich in dieser "kollektiven Andacht" an Fragen von Erbe, Eigentum und Armut abarbeiten. Der Abend wurde von den Münchner Kammerspielen koproduziert.

Wie Matthias Lilienthal wird auch Residenztheater-Intendant Martin Kušej München verlassen. Im Herbst schon wechselt er ans Wiener Burgtheater, das im Mai Simon Stones "Hotel Strindberg" beim Theatertreffen zeigen darf. Kušejs Resi war in den letzten Jahren nur sporadisch in Berlin zu Gast und geht in diesem Jahr leer aus. Vielleicht weil Ulrich Rasche erst demnächst, im Februar wieder, am Haus inszenieren wird. Rasche ist mit seinen chorischen Überwältigungsarbeiten immer ein heißer Kandidat. Diesmal reist er mit "Das große Heft" nach Berlin, einer Produktion des Staatschauspiels Dresden, das auch noch mit Sebastian Hartmanns Roman-Adaption "Erniedrigte und Beleidigte" eingeladen ist.

Der neue Intendant ist eine erfreuliche Perspektive für die Stadt

Überhaupt stehen erfreulich viele Theater in der Auswahl, die nicht zu den üblichen Verdächtigen aus München, Hamburg, Berlin oder Wien zählen. Das Staatstheater Nürnberg ist leider nicht darunter, wiewohl Jan Philipp Glogers Ionesco-Abend "Ein Stein fing Feuer" absolut theatertreffen-tauglich gewesen wäre. Dafür ist das Schauspiel Dortmund dabei mit "Das Internat" von Ersan Mondtag. Oder das Theater Basel mit Claudia Bauers sehr spezieller "Tartuffe"-Variante.

Und damit zurück zu München und der erfreulichen Perspektive für die Stadt: Während Martin Kušej an die Burg wechselt nach Wien, wohin ihm Lilienthal womöglich sogar folgt – er wird als künftiger Intendant des Wiener Volkstheaters gehandelt – tritt im Herbst am Residenztheater der Noch-Basler-Intendant Andreas Beck an. Wahrscheinlich wird er Claudia Bauer als Regisseurin ebenso mitbringen wie Simon Stone, dessen Wiener "Hotel Strindberg" er in Basel koproduziert hat. Ulrich Rasche hat ebenfalls schon bei Beck inszeniert. Macht insgesamt drei Regiekräfte aus dem Umfeld des künftigen Münchner Intendanten Andreas Beck, die Arbeiten beim Theatertreffen 2019 präsentieren. Klar die Auswahl der Jury ist immer anfechtbar. Aufs Ganze gesehen hat sie in der Regel aber einen guten Riecher. Dass Becks Basler Theatertreffen-Bilanz über die Jahre betrachtet noch erfreulicher ausfällt als die von Matthias Lilienthal bedeutet insofern: Gute Aussichten für München!

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