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Neue Wege im Münchner Residenztheater | BR24

© Adrienne Meister

Das Münchner Residenztheater auf der Suche nach dem Neuanfang

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Neue Wege im Münchner Residenztheater

Das Münchner "Resi" öffnet seine Tore nach der Zwangspause mit einem Parcours durch sein Haus. Ein Stationendrama in sechs Mini-Akten: Selbstgespräche und Dialoge zwischen Foyer und Schnürboden, stilistisch zwischen Hollywood und Laientheater.

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Die Botschaft auf dem Banner am Einlass ist klar: „Ich seh Sie im Resi. Wir kommen wieder.“ Und doch steht am Anfang eine Irritation. „Wir gehen nach Italien“, ruft die Schauspielerin Lisa Stiegler auf dem Max-Josephs-Platz, wirft sich auf den Boden, winkt in Richtung Glasfassade des Residenztheaters, und spricht zu sich selbst. Dann rennt sie mit gerafftem Kleid an aus der Parkgarage kommenden Autos und Passanten vorbei. Nicht jeder versteht sofort, was hier gespielt wird: eine Szene aus Georg Büchners „Leonce und Lena“ nämlich.

Ein Radfahrer fragt, was hier denn los sei. Ingrid Trobitz, die Kommunikationsdirektorin des Resi, eilt zu ihm. Darauf er: „Ah so, Werbung quasi.“ Genau, es ist Reklame, beim Wort genommen, leitet die sich doch vom lateinischen clamare her, was nichts Anderes als „laut rufen“ heißt.

Eine Folge von Mini-Dramen

„Komm, Leonce, halte mir einen Monolog, ich will zuhören.“ Dieser Satz aus Büchners Lustspiel könnte fast das Motto dieses Theater-Parcours sein. Sind es doch deutlich mehr Monologe – oder besser: Selbstgespräche, Soliloquies – als Dialoge, die wir sehen: kurze Ausschnitte aus Klassikern wie aus zeitgenössischen Stücken von Ewald Pameltshofer, Thom Luz und Wolfram Lotz.

Der Parcours ist ein Stationendrama der eigenen Art: eine Folge von Mini-Dramen, die an sechs verschiedenen Stationen im ganzen Residenztheater aufgeführt werden. Foyer, Kantine, Transportzone, Magazin, Theatersaal und der sogenannte Schmuckhof sind die Spielstätten. Die Zuschauer, vom Einlass-Personal geführt in Vierergruppen, lernen so auch den Maschinenraum des Bayerischen Staatsschauspiels kennen: den Schnürboden, den Eisernen Vorhang, den Bühnenraum bis zur Brandmauer, das Leben hinter den Kulissen.

Es geht treppauf und treppab durchs ganze Haus, auf einmal steht man vor Camill Jammal und Cathrin Störmer, die die Balkon-Szene aus „Romeo und Julia“ so spielen, wie man selbst es am Glücksrad entscheidet: zur Auswahl stehen die Genres „Laientheater“, „Oper“, „Hollywood“, „Performance“.

© Adrienne Meister

Neuanfang im Münchner Residenztheater

Intendant Andreas Beck und sein Ensemble haben sich durchaus etwas einfallen lassen, um ihr Publikum nach so langer Zwangspause wieder für ihre Sache zu begeistern. Beck vergleicht diesen „Theater-Parcours“ mit einer Museumsführung. Jeweils nur wenige Minuten macht man Halt und sieht dann etwa im Parkett den Schauspieler Michael Goldberg sitzen, der herrlich komisch einen widerwilligen und letztlich am unmittelbar bevorstehenden Bühnengeschehen desinteressierten Zuschauer spielt, der kurz vor Beginn der Aufführung glaubt, noch mit seiner Frau daheim telefonieren zu müssen: „Du sitzt zu Hause und ich muss ins Theater. Ja natürlich ‚müssen‘. Du hast mir doch die Karte angedreht. Du wolltest nicht und deshalb musste ich wollen.“

Der Neuanfang ist gemacht

Ob es nun Jan Neumanns Monolog „Knolls Katzen“ ist oder am Ende des Parcours im Schmuckhof unter freiem Himmel ein Dialog aus Tony Kushners Schwulen-Drama „Engel in Amerika“, den Florian Jahr und Nikola Mastroberardino berührend zu geben verstehen – ein Neuanfang im Resi ist gemacht. Und die Sehnsucht nach mehr in uns geweckt. Endstation Sehnsucht? Nein, über diesem knapp einstündigen Parcours könnte „Anfangsstation Sehnsucht“ stehen. Und das Gewitter zum Schluss sorgt für den passenden Theaterdonner.

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